www.stone-ideas.com

Am 11. November vor 100 Jahren ging der 1. Weltkrieg zu Ende

Martin Frost, offizieller Militärmaler und selber Kriegsteilnehmer, stellte in einem seiner Gemälde eine Batterie von Minenwerfern im Einsatz dar. Das Bild ist Bestandteil der Dauerausstellung im <a href="http://www.wgm-rastatt.de/"target="_blank">Wehrgeschichtlichen Museum Rastatt</a>, das uns das Bild freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat.

Das Memorial de Verdun erinnert an eine der blutigsten Schlachten des 20. Jahrhunderts

Wissen Sie noch, liebe Leser, was Sie in den letzten 4 Jahren gemacht haben, zum Beispiel vom 28. Juli 2014 bis zum 11. November 2018?

Wenn Sie vor 100 Jahren in diesem Zeitraum in Mitteleuropa gelebt hätten, wären Sie wohl auf die eine oder andere Art im Krieg gewesen, nämlich im 1. Weltkrieg, damals noch einfach als „Der Weltkrieg“ oder „Der Große Krieg“ bezeichnet.

Aber nicht nur in Europa hatte während dieser 4 Jahre ein beispielloses Töten und eine unglaubliche Zerstörung eingesetzt. Die alten Mächte trugen den Krieg auch in ihre Kolonien oder rekrutierten Menschen von dort für ihre Armeen: Unter Großbritanniens Soldaten stammte ein Drittel aus Übersee. Allein 60.000 Inder fielen in Europa, was später einen Anstoß für Gandhis Unabhängigkeitsbewegung gab.

Rund um Verdun fand eine der blutigsten Schlachten des 1. Weltkriegs statt. Dort erinnert das Memorial de Verdun an das Gemetzel während 300 Tagen und 300 Nächten des Jahres 1916. Das Museum wurde zum 100. Jubiläum von den Architekten Brochet-Lajus-Pueyo renoviert und in seinen Ausstellungen neu gestaltet. Der Sandstein an der Fassade stammt aus der Gegend; in vielen Gedenkstätten oder Anlagen rundherum und ebenso in den Bauerndörfern trifft man auf ihn.

„Die Hölle von Verdun“ begann mit dem Bombardement der Artillerie in aller Frühe. Ernst Jünger versuchte in seinen Tagebuchaufzeichnungen, das Geschehen in Worte zu fassen: „Der Orkan brach los. Ein flammender Vorhang fuhr hoch… Von 9 bis 10 Uhr gewann das Feuer eine wahnwitzige Wucht. Die Erde schwankte, der Himmel schien ein brodelnder Riesenkessel … Bei heftigen Kopf- und Ohrenschmerzen konnten wir uns nur noch durch abgerissene, gebrüllte Worte verständigen. Die Fähigkeit des logischen Denkens und das Gefühl der Schwerkraft schienen aufgehoben.“

Zu manchen Zeiten gab es zehn Detonationen pro Sekunde, und oft ging das über 12 Stunden ohne Unterbrechung so. Die Soldaten kauerten in den Gräben auf beiden Seiten der Front, in Kälte oder Regen und der dauernden Angst, bei einem Volltreffer verstümmelt oder lebendig begraben zu werden.

Ernst Jünger schildert eine Situation, nachdem er in der Nacht in einen Schützengraben eingerückt war und im Morgengrauen um sich blickte: „Zwischen den lebenden Verteidigern lagen die Toten… Eine Kompanie nach der anderen war niedergemäht worden und die nächste Ablösung war an den Platz der Gefallenen getreten. Nun war die Reihe an uns.“

Mémorial de Verdun. Foto: Jean-Marie Mangeot

Allein bei den Schlachten um Verdun gab es etwa 300.000 Tote, das waren etwa 1000 pro Tag. Dazu kamen 400.000 Verwundete, viele von ihnen wahnsinnig geworden.

Die emotionale Grundlage dieses und des nur 21 Jahre später folgenden 2. Weltkriegs war der Hass der Völker aufeinander. Zwischen Deutschland und Frankreich gebe es eine „Erbfeindschaft“, so hieß die Doktrin – heute wurde man sagen: zwischen Franzosen und Deutschen herrschte eine in den Genen festgelegte Feindschaft, an der sich folglich nichts würde ändern lassen.

Ein neues Weltbild

In einer unglaublichen gedanklichen Leistung schafften es die Führungsfiguren der Politik nach dem 2. Weltkrieg jedoch, mit diesem alten Weltbild aufzuräumen.

Ihre Idee war plausibel: die Wirtschaft, die bei allen Kriegen zuvor eine treibende Kraft gewesen war, sollte nun diese Rolle auch bei der Friedenssicherung spielen, einfach indem Produktion und Handel so miteinander verknüpft wurden, dass sich ein Waffengang für keine der Seiten mehr auszahlen könnte.

Der 1. Schritt war die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl, kurz auch Montanunion genannt. Sie war gewissermaßen eine vertrauensbildende Maßnahme: Fortan informierten sich die Nachbarn gegenseitig darüber, wie viel Kohle und Stahl als kriegsrelevante Güter sie erzeugten und was sie damit machten. Gründerstaaten waren Belgien, Deutschland (West), Frankreich, Italien, Luxemburg und die Niederlande.

Danach kam während der folgenden Jahrzehnten die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), dann die Europäische Union (EU) und zuletzt für einige Länder die gemeinsame Euro-Währung.

Die Leistung dieser neuen Gemeinschaften bestand nicht nur darin, die unterschiedlichen Interessen der fortbestehenden Nationen irgendwie in einen Gleichklang zu bringen.

Die wahre Dimension der Idee der EU-Gründerväter war es, die Weltsicht der Vergangenheit einfach über Bord zu werfen und die Dinge fortan anders zu gestalten. Nach Jahrtausenden der Menschheitsgeschichte hieß ihre Idee: eine Welt ohne Krieg ist möglich!

An solch radikale Veränderungen im Weltbild hatten sich zuvor nur neu gegründete Religionen herangetraut.

In der Literatur hingegen war der Gedanke schon häufiger aufgetaucht. Zum Beispiel: Shakespeare lässt in seinem Drama von Romeo und Julia die beiden verfeindeten Familien sich am Grab der Kinder die Hand reichen.

Mémorial de Verdun

Brochet-Lajus-Pueyo (französisch)

L’Ossuaire de Douaumont

Author: Peter Becker

(11.11.2018)