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Steine aus dem Brettspiel Go als Installation vor dem berühmten Hochhaus in der Herrengasse in Wien

Architekt Georg Eichinger: Go, Herrengasse in Wien.

Als unauffällig modernes Denkmal erinnern sie an den Sieg des Computers über einen Weltmeister und nehmen Bezug auf das Gebäude

Die Innenstadt von Wien sei mit historischen Denkmälern und überladenen Fassaden vollgestellt, sagen manche Leute mit einem bösen Unterton, und schieben dann gerne nach, dass alles, was an Modernem dazukomme, ein typisch österreichischer Kompromiss sein müsse: man dürfe dem neuen nicht ansehen, dass es neu sei, auf gar keinen Fall dürfe es aus dem Rahmen der Umgebung fallen.

Wir haben ein schönes Beispiel gefunden, das diese These bestätigt, und wollen davon berichten, dies jedoch ganz ohne böse Untertöne: es geht um die Skulptur des Architekten Georg Eichinger in der Herrengasse vor dem dortigen Hochhaus.

Es handelt sich um 12 runde Steinscheiben aus schwarzem beziehungsweise weißem Marmor. Sie könnten fliegende Untertassen darstellen, oder auch bloß Sitzgelegenheiten sein für den lange vernachlässigten kleinen Platz inmitten der engen Straßenschlucht.

So jedenfalls werden die jeweils rund 1,5 t schweren Steine von Touristen gerne genutzt.

Architekt Georg Eichinger: Go, Herrengasse in Wien.

Das Denkmalhafte an ihnen erschließt sich erst aus der Vogelperspektive: dann könnten sie auch Steine aus einem Brettspiel sein, und genau darum geht es: inmitten der mit Erinnerungen an die fernere Vergangenheit vollgestopften Stadt wollte der Architekt auf jenes Ereignis aus dem März 2016 Bezug nehmen, als das Computerprogramm AlphaGo beim Brettspiel Go den koreanischen Weltmeister Lee Sedol bei 4 von 5 Spielen besiegte.

Das Weltbewegende daran war, dass die Maschine aufgrund der Besonderheiten dieses Spiels nicht nur eine riesige Menge an möglichen Zügen durchzurechnen hatte, sondern auch Intuition an den Tag legen musste – und das offenbar auch tat. Zu einem der Züge sagten hinterher Meister, das Programm habe eine „göttliche“ weil vollkommen unvorhersehbare Idee gehabt, so eine Quelle im englischen Wikipedia.

Go gilt als ungleich komplexer als Schach, wo bereits 1996 das Programm Deep Blue den Großmeister Gerry Kasparow vom Brett gefegt hatte.

Architekt Eichinger wollte mit seiner Installation außerdem die Menschen einladen, innezuhalten und an dem Ort zu verweilen.

Stadtplanerisch markiert das Arrangement die „zentrale Stelle im Gefüge zwischen der Hofburg/Michaelerplatz und der Freyung“, so das Konzept, „auf diese Weise öffnet sich auch die Fahnengasse hin zur Herrengasse.“

Damit nicht genug der Bezüge der unauffälligen Art. Denn der Marmor Nero Assoluto der schwarzen Steine taucht an zahlreichen Stellen im Hochhaus auf, etwa am Zugang zur Portiersloge oder bei den Treppenstufen. Die Steine verweisen also auf das Gebäude, in dessen Foyer es übrigens an der Wand ein aufwändiges Naturstein-Bookmatch gibt.

Architekt Georg Eichinger: Go, Herrengasse in Wien.

Das Hochhaus selbst ist ein Paradebeispiel des Wiener Kompromisses. Zwar trägt es unverkennbar eine modern gestaltete Fassade ohne jede Zier und schmückt sich mit schierer Modernität – aber als Hochhaus mit immerhin 52 m Höhe ist es nicht zu erkennen.

Das liegt daran, dass es die Gesimshöhe der umliegenden Gebäude übernimmt und der höher reichende Turm mit weiteren Geschossen zurückgesetzt ist. Als „Meisterstück des Understatement“ wird es gerne bezeichnet.

Architekten waren Siegfried Theiss und Hans Jaksch. Fertiggestellt wurde das Gebäude 1932 als erstes Hochhaus in Wien.

Noch ein Schmankerl: zahlreiche der Mietwohnungen im Gebäude waren von ihrer Größe für Junggesellen oder „die berufstätige Frau“ konzipiert. Das war zu jener Zeit eine Sensation, denn Einzelpersonen konnten eigentlich nur in möblierten Zimmern bei strengen Vermietern unterkommen. Im Turm war sogar ein Restaurant geplant, wo sich die Singles selbst versorgen konnten.

Prompt mietete sich „ein nicht unerheblicher Teil der Wiener Prominenz – vor allem Künstler und Schauspieler – im Hochhaus ein“, heißt es auf der Webpage zu dem unter Denkmalschutz stehenden Gebäudes.

Den Marmor für Go lieferte das Granitwerk Kammerer. Nachts sind die Steine unten beleuchtet und erscheinen leicht wie die Luftsprünge, mit denen Kinder tagsüber gerne von einem Stein zum anderen hopsen.

Eichinger Offices

Hochhaus Herrengasse 6-8

Granitwerk Kammerer

Fotos: Isabelle Spitzy

(21.01.2019)