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Arcolitico von Raffaello Galiotto: „eine Tür zu einem neuen Zeitalter des Steins“

Raffaello Galiotto, Margraf: „Arcolitico“.

Mit neuen Werkzeugen wie Diamantseil oder CNC-Maschinen ergeben sich bisher unbekannte Möglichkeiten für die Branche von Marmor, Granit & Co

Die Steinbranche wird erwachsen. So wie die Kinder sich irgendwann von ihren Eltern lösen und sich eigene Orientierungen suchen, nabeln sich einige Gestalter für Marmor, Granit & Co von den großen Vorbildern der Vergangenheit ab.

Die Vordenker bei dieser Entwicklung kommen aus Italien, und der Prominenteste unter ihnen ist der Industriedesigner Raffaello Galiotto. Er hat in den Jahren 2015 bis 2018 das Italian Stone Theater in Halle 1 der Messe Marmomac geprägt, wo es um experimentelle Ideen für die Verarbeitung von Naturstein ging.

Nun hat er seine Ideen und Erfahrungen in einem monumentalen Werk gewissermaßen zusammengefasst: „Arcolitico“ heißt der spektakuläre Bogen aus Marmor, der als Landmarke vor dem neuen Verteilzentrum der Firma Margraf in der Ortschaft Gambellara unweit von Verona steht. Der Bogen ist knapp 15 m hoch, so dass man ihn von der vorbeiführenden Autobahn gar nicht übersehen kann.

Der Bogen sei gewissermaßen „eine Tür in ein neues Zeitalter der Geschichte des Steins“, heißt es in einer Beschreibung.

Das ist eine ambitionierte Aussage. Gehen wir den Dingen also auf den Grund ob sie halten, was sie versprechen.

Die Besonderheit an Arcolitico ist nicht seine schiere Größe. In vergleichbaren Dimensionen haben schon die alten Ägypter gebaut, und die Brücken und Gewölbe der alten Römer stellen unter Beweis, dass sie auch schon Rundformen in Stein zu meistern wussten.

Raffaello Galiotto, Margraf: „Arcolitico“.

Arcolitico aber ist anders. Dies zum einen, als hier nur eine minimale Menge an Material verbraucht wurde, und zum anderen weil sich über seine Oberfläche dekorative Linien ziehen, die man mit Hammer und Meißel nicht fertigen könnte.

Galiotto hat hier das Diamantseil und die CNC-Maschine wieder einmal an die Grenzen dessen getrieben, was mit ihnen machbar ist. Dazu kommt noch ein ausgefeiltes stählernes Tragegerüst im Inneren des Bogens, der natürlich hohl ist.

Die Statik für solche eine Konstruktion zu berechnen, ist auch nur noch mithilfe des Computers möglich.

Hier ist der Naturstein-Designer auch zum Bauingenieur.

Raffaello Galiotto, Margraf: „Arcolitico“.

Das Prinzip, nach dem die Bausteine für den Bogen hergestellt wurden, ist denkbar einfach: es geht ein Teil aus dem anderen hervor. Lediglich 4 Marmorblöcke wurden für Arcolitico verbraucht.

Galiotto betont, dass das nicht seine Erfindung sei und verweist auf Angelo Mangiarotti (1921-2012), der bei „Cono Cielo“ aus dem Jahr 1989 aus nur einem Rohblock eine Stele mit 10 m Höhe formte.

So mit Stein zu arbeiten stellt einen radikalen Bruch mit der Vergangenheit dar. Denn ehemals galt das Prinzip der Bildhauer, nämlich etwas aus dem Rohblock herauszuschlagen. Michelangelo hatte den Weg vorgezeichnet, indem er sagte, dass er seine Skulpturen im Inneren des Steins sehen könne und sie nur noch freilegen müsse.

Nun aber kommt Galiotto daher, stellt sich – bildlich gesprochen – selbstbewusst, aber mit gehörigem Respekt vor Michelangelos David, bewundert dessen die Arbeit, geht dann nach Hause und macht es ganz anders. Eben mit den neuen Werkzeugen, die ihm zur Verfügung stehen.

Anders ist nicht nur Galiottos Arbeitsweise, sondern auch das Resultat. Dies zum einen, weil es nicht die üblichen Bruchstücke gibt, die als Abfall am Fuß einer Skulptur zurückbleiben. Galiotto meint, dass wir das Material, das Millionen von Jahre alt ist und sich nicht wiederherstellen lässt, mehr respektieren müssten. Seine Produktionsidee eins-aus-dem-anderen ist ein Weg, den Abfall fast auf null zu bringen

Zum anderen gibt er der Oberfläche ein Relief, hier: durchgehende Linien, die man mit den bisher üblichen Werkzeugen gar nicht so realisieren könnte.

Hier ist der Designer wieder Künstler.

Galiotto nennt das hier angewendete Arbeitsprinzip „Rekomposition“: das was übrig bleibt, wenn man eine Form aus dem Block herausgeschnitten hat, ist schon die nächste oder dient zumindest als Ausgangsmaterial für die nächste.

Der Schlüssel für diese Herangehensweise ist, dass das Diamantseil schneidet, und nicht wie der Hammer (zer)schlägt.

Wir werden das Rekomponieren demnächst ausführlicher vorstellen.

Raffaello Galiotto, Margraf: „Arcolitico“.

Die Tür ist ebenfalls eine ungewöhnliche Idee: sie schiebt sich auf einer Führung im Boden nach außen. Gezeigt wird das in einem Video.

Arcolitico: Fotos von der Montage

Video

Raffaello Galiotto Industrial Design

(14.02.2019)