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Blockchain ante portas: eine neue Transparenz für den Natursteinmarkt

Die Blockchain-Technologie erlaubt es, den Weg eines Produktes ohne Unterbrechungen nachzuverfolgen. Zur Veranschaulichung zeigen wir ein Bild des Baumkronenpfads im Nationalpark Hainich, Thüringen.

Mit dem digitalen System kann man künftig die Herkunft und die Verarbeitung jedes Stein-Produkts lückenlos nachvollziehen

Blockchain nennt sich einen neue digitale Technologie, die auch für die Steinbranche interessante Aspekte bietet. Das heißt: mancher wird darin ein hilfreiches Werkzeug für sein Geschäft sehen, andere müssen sich darauf einstellen, dass sie mit ihrem bisherigen Geschäftsmodell in Schwierigkeiten kommen. In Carrara jedenfalls gab es im letzten Jahr schon eine Veranstaltung in den Räumen der Handelskammer, wo das Konzept den Firmen vor Ort präsentiert wurde.

Zunächst: der Name ist verwirrend. „Blockchain“ hat nichts mit Naturstein-Blöcken zu tun. Es beschreibt vielmehr die Art und Weise, wie der Datenschatten zu einem Produkt fälschungssicher in verschiedenen Datenbanken abgelegt wird.

Mehr noch: über die ganze Produktionskette, zum Beispiel: vom Marmor-Rohblock über die Unmaßplatte bis hin zur Fensterbank, lässt sich der Weg des Materials verfolgen und nachvollziehen.

Das heißt im Endstadium des Systems: der Kunde kann mit seinem Handy abfragen, von wo der Marmor für die Fensterbank kommt und wer an der Verarbeitung beteiligt war.

Das ist Zukunftsmusik, zugegeben, und ob es so weit kommt, ist ungewiss.

Der Grundgedanke der Blockchain ist uralt: früher pappte man einen von Hand beschrifteten Anhänger zum Beispiel an eine Rohplatte und schickte beide miteinander auf die Reise. Neuerdings geschieht das digital mit Strichcodes, RFID-tags oder QR-Codes.

Solche digitalen „Nummernschilder“ – im Sinne von Autokennzeichen – gibt es auch bei der Blockchain. Neu ist allerdings ist hier, dass diese Kennzeichnung dynamisch ist. Das heißt: jede Station der Verarbeitung wird unterwegs in die Datenbanken eingegeben und ist überall und jederzeit von dort abrufbar.

Das klingt nach bürokratischem Aufwand. Ist es auch, denn die Mitarbeiter der Firmen müssen den Datenschatten ihrer Produkte pflegen.

Manche Branchen sehen darin große Chancen. Die Diamantenindustrie zum Beispiel will mit der Blockchain die Herkunft ihrer Edelsteine exakt dokumentieren. Ziel ist zu verhindern, dass Lieferanten aus illegalem Abbau ihre Produkte als Seiteneinsteiger in die legalen Warenketten einschleusen.

Auch Volkswagen beschäftigt sich schon mit dem Thema: im Projekt Mine Spider will man für Bleilieferungen aus dem Kongo eine sicherere Beschaffung garantieren. Blei braucht die Firma für Batterien.

Hier zeigt sich eine weitere Besonderheit der Blockchain: keinesfalls hat jeder, der Zugang zum System hat, auch Zugang zu allen Angaben, etwa zu den jeweiligen Lieferanten. Das ist garantiert, weil das es im System verschiedene Datenbanken gibt, die wie blockhafte Einheiten zusammengeschaltet sind. Deshalb der Name.

Ganz nah dran an der Steinbranche ist das Thema schon bei den Organisationen, die sich gegen Kinderarbeit und für bestimmte Standards bei den Arbeitsbedingungen einsetzen: wird im Herkunftsland eine Palette mit Waren zertifizierter Lieferanten zusammengestellt, erzeugt die Blockchain ein Label, das den Weg der Waren begleitet. Bei Fairstone zum Beispiel bekommt jede Palette aus Asien dort ein Label, das die Blockchain automatisch erzeugt. Es begleitet den weiteren Weg der Palette.

Besonders für Grabsteine zeichnet sich ein weites Einsatzgebiet der Technologie ab.

Wohlgemerkt: es bleibt abzuwarten, ob die Natursteinbranche sich die Blockchain zu eigen macht, also ob es hinreichend Firmen gibt, die sich beteiligen.

Fassen wir kurz die für die Steinbranche relevanten Aspekte zusammen. „Im Kern drehen sie sich alle um Transparenz“, sagt Marc Aßmann, Spezialist für solche Themen bei Franken-Schotter mit Hauptsitz in Treuchtlingen-Dietfurt. Mit ihm hatten wir das Thema durchgesprochen.

* Herkunft und Verarbeitungsstationen eines Produktes sind nachvollziehbar;
* Umrubeln wird nicht mehr möglich sein: weder kann man einer Sorte einen neuen Namen geben, um damit eine Alleinstellung am Markt zu bekommen, noch kann man importierte Steine als heimische titulieren;
* Restbestände im Lager oder Abfallstücke können weltweit mit einer eventuell woanders bestehenden Nachfrage abgeglichen werden;
* gibt es Reklamationen, lässt sich deren Ursprung feststellen. In der Autoindustrie kann man zum Beispiel schon heute den Weg jedes Bauteils nachvollziehen und, falls eine Rückrufaktion gestartet werden muss, exakt nur die Wagen mit dem schadhaften Teil identifizieren;
* auch für die Finanzämter bietet die Blockchain interessante Aspekte: Blöcke, die ehemals als angeblich defekt deklariert werden, können künftig kaum vorbei an der Wiegestation in die Warenketten eingeschleust werden.

Heikel kann die Blockchain jedoch werden, wenn nicht jeder Zugang dazu bekommt.

Von heute auf morgen wird sie sich nicht einführen lassen. Denn an jeder Station der Verarbeitungskette müssen die Firmenmitarbeiter die Daten ins System eingeben. Das verlangt viel Überzeugungsarbeit und Schulungen.

Immerhin: in Carrara hat im letzten Jahr die Firma Apuana Corporate die Technologie unter dem Namen „MarbleChain“ und mit dem Schlagwort der „Rückverfolgbarkeit von lokalen Produkten“ schon den Firmen vor Ort vorgestellt. Dort hat man damit zu tun, dass andere Länder gerne Namensklau betrieben beziehungsweise dass Rohblöcke exportiert und dann als angeblich in Italien verarbeitet zurückkommen.

Blockchain im Diamantengeschäft

Volkswagen Mine Spider (deutsch)

Franken-Schotter

(30.08.2019)