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Geologen der Universität Bonn nutzen Störungen im Gefälle des Eifel-Aquädukts, um Erdbeben zur Römerzeit zu identifizieren

Die Aquäduktbrücke von Vussem bei Mechernich. Foto: Romaine / <a href="https://commons.wikimedia.org/"target="_blank">Wikimedia Commons</a>

Ein Höhenversatz bei Mechernich war vielleicht kein Fehler der Ingenieure, sondern die Korrektur nach einem Beben

Eine ungewöhnliche Methode haben Geologen der Rheinischen Friedrich-Wilhelms Universität Bonn entwickelt, um Erdbeben zur Zeit der Römer vor rund 1900 Jahren auf die Spur zu kommen: sie benutzen das Eifel-Aquädukt als „Wasserwaage“. In Schäden und einigen Besonderheiten an dem rund 95 km langen bautechnischen Meisterwerk sehen die Forscher die Folgen von Gesteinsbewegungen im Untergrund, nicht Fehler der römischen Ingenieure.

Die Römer erbauten das Eifel-Aquädukt im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung, um Wasser aus der Nähe von Nettersheim nach Köln zu leiten. Etwa 190 Jahre war das längste Aquädukt nördlich der Alpen in Betrieb, was sich anhand der Dicke der Kalkablagerungen abschätzen lässt.

Die Wasserleitung war eine Meisterleistung: der rund 70 cm breite Kanal konnte etwa 20.000 m³ Wasser pro Tag transportieren, weil er über ein leichtes Gefälle verfügte.

Auf dem Weg nach Köln quert das Aquädukt mehrere geologische Verwerfungen. Dabei handelt es sich um Zerreiß- oder Bruchstellen im Untergrund, an denen sich Teile der Erdkruste aneinander vorbeibewegen. Dabei entstehen Erdbeben.

„Die Idee lag nahe, dass wir das Eifel-Aquädukt als eine Art Wasserwaage für diese Störungszonen nutzen“, sagt Sabine Kummer, die über das Thema ihre Bachelor-Abschlussarbeit geschrieben hat. Sollte es seit Errichtung der Wasserleitung zu einem größeren Beben gekommen sein, dann müssten die Schäden sich an der Leitung und ihrem Gefälle niedergeschlagen haben.

Leider sind nur noch Reste vorhanden. Der größte Teil des Aquädukts wurde im Mittelalter als Steinbruch verwendet.

Die Wissenschaftler mussten also zusätzliche Informationen nutzen, um das Gefälle entlang der Strecke zu rekonstruieren. Dabei halfen ihnen die neuesten lasergestützten Messdaten des Landes NRW und ein daraus erstelltes sehr genaues dreidimensionales Geländemodell. Weitere wichtige Informationen gewannen sie aus teils verstaubten und vergilbten archäologischen Dokumentationen beim Landesamt für Bodendenkmalpflege.

Nachdem die Wasserleitung in das virtuelle Modell eingefügt worden war, zeigten sich Auffälligkeiten, die Gösta Hoffmann und Sabine Kummer zusammen mit der Master-Absolventin Rosa Márquez und Mario Valdivia Manchego vor Ort weiter untersuchten.

Dr. Gösta Hoffmann und Sabine Kummer von der Universität Bonn vollziehen anhand von archäologischen Publikationen den Verlauf des Eifel-Aquädukts nach. Foto: Eva Heumann-Lange

Zum Beispiel: Im Wald von Mechernich wird die Leitung Über eine Strecke von 4 km doppelt geführt, dort weist eine der beiden Leitungsstränge an einer Stelle eine Stufe von 35 cm Höhe auf. Bislang gingen die Archäologen davon aus, dass den Römern beim Anpassen der Leitungen ein Fehler unterlaufen war und dass sie als Korrektur die Umleitung gebaut hätten.

Die Geologen der Universität Bonn halten dagegen ein Erdbeben als Ursache für viel plausibler, da dort eine geologische Verwerfung verläuft.

In der Region kommen häufig Erdbeben vor. Zuletzt fand mit dem Beben von Roermond im Jahr 1992 eine stärkere Erdbewegung statt. Düren im Jahr 1756 und Verviers im Jahr 1692 sind weitere historisch überlieferte Erdbebenereignisse.

Die historischen Erkenntnisse helfen nun auch, die Zukunft der Region abzuschätzen. „Mit jedem weiteren dokumentierten Ereignis können wir das Risiko eines erneuten Bebens besser abschätzen“, sagt Hoffmann. „Es besteht aber kein Grund zur Panik. Wir haben dafür keine Anzeichen.“

Übrigens: Dass das Wasser aus der Eifel sehr kalkhaltig ist, war für die Römer eine positive Begleiterscheinung. Denn am Ende der Trinkwasserleitungen gab es immer Rohre aus Blei, und das schädigt die Gesundheit. Der Kalk im Wasser aber setzte sich ab und kleidete die Rohre aus.

G. Hoffmann, S. Kummer, R. Márquez, M. Valdivia Manchego, The Roman Eifel Aqueduct: archaeoseismological evidence for neotectonic movement at the transition of the Eifel to the Lower Rhine Embayment, International Journal of Earth Sciences, 10.1007/s00531-019-01766-y

Quelle: Rheinische Friedrich-Wilhelms Universität Bonn

(08.09.2019)