Steinmetz-Knowhow für die Menschen und die antiken Ruinen in Jordanien

Die Teilnehmer eines Kurses. Vorne rechts Claudia Bührig. Die Steinmetze sind leicht zu erkennen. Es sind: links Tobias Horn, rechts André Gravert. Quelle: Deutsches Archäologisches Institut, Orient-Abteilung

Das Deutsche Archäologische Institut betreibt unweit des See Genezareth 2 ungewöhnliche Projekte

Steinmetz-Knowhow vermittelt das Deutsche Archäologische Institut (DAI) in einem Projekt in Jordanien an junge Leute von dort. Zum einen geht es darum, Fachleute für die Erhaltung der Ruinen von Gadara zu gewinnen, zum anderen ist das Ziel, bei den Menschen eine Wertschätzung für die Ausgrabungsstätte zu erreichen.

Nicht zuletzt spielen auch Kriegsflüchtlinge aus dem nahen Syrien in dem Projekt eine Rolle. Und: anhand der heutigen Arbeitsweise der Steinmetze wollen die Archäologen besser verstehen, wie die Menschen in der Antike ihre steinernen Tempel und Säulenanlagen errichtet hatten.

Initiatorin des ungewöhnlichen Projekts ist Dr. Claudia Bührig, Leiterin der Außenstelle Damaskus des DAI. Sie hat das Vorhaben mit dem Titel „Steinmetz-Knowhow: Lernen und Selbsthilfe“ (Training and capacity building. Stonemasons apprenticeship) ins Leben gerufen.

Zwei deutsche Steinmetze spielen dabei zentrale Rollen: Meister André Gravert aus Magdeburg, der auch an der Steinmetzschule in Königslutter unterrichtet, und Tobias Horn aus Weimar, Steinmetz und Bauforscher.

Der Reihe nach.

Das Projekt ist in Gadara im Nordwesten Jordaniens angesiedelt. Das war zu griechisch-römischer Zeit eine blühende Stadt. Sie liegt etwa 10 km südlich des See Genezareth mit großartigem Blick auf das Gewässer, das im Neuen Testament gleich mehrfach Schauplatz ist. Seit gut 30 Jahren graben deutsche Archäologen dort und haben zahlreiche bedeutende Ruinen freigelegt.

Wie üblich in solchen Ausgrabungsstätten gibt es auch hier das Problem, die Funde zu sichern, wenn die Archäologen einmal wieder abgezogen sind.

Das Projekt von Claudia Bührig will junge Jordanier im Steinmetzhandwerk qualifizieren. Diese sollen sowohl Knowhow für die Erhaltung von alten Steinen als auch für die Bearbeitung von neuen haben. Denn heimischer Kalkstein und Basalt sind traditionell wichtige Baumaterialien in der Region: zahlreiche Gebäude auch aus der jüngeren Vergangenheit sind daraus errichtet, zum Beispiel das heutige Umm Qays, ein Dorf in der unmittelbaren Nähe von Gadara.

Natürlich absolvieren die jungen Leute im Projekt keine Steinmetz-Lehre, wie sie in Deutschland üblich ist. Vielmehr lernen sie in Kursen Grundlagen im Bearbeiten zunächst von Flächen und dann von Profilen. Die Kurse dauern 5-7 Wochen und finden 2mal pro Jahr statt.

Damit wird auch jenes Steinmetzwissen wiederbelebt, das in der Region ehemals allgegenwärtig war, aber in den Jahren des Bauens mit Beton, Stahl und Glas verlorenging. „Überall in der Regionen werden qualifizierte Steinmetze gesucht“, sagt Claudia Bührig. Langfristig hofft sie, dass das Projekt sich selbst trägt: unter dem Motto „Train the Trainer“ (Ausbilder Ausbilden) soll das handwerkliche Können innerhalb der Region weitergegeben werden. In einem der Kurse des Jahres 2019 war schon ein ehemaliger Schüler als Lehrer dabei.

Theoretisch gesprochen will Claudia Bührig das materielle Kulturgut (die steinernen Ruinen) dadurch sichern, dass das immaterielle Kulturgut dazu (das Steinmetz-Handwerk) lebendig bleibt.

Ein weiteres DAI-Projekt unter ihrer Leitung gemeinsam mit dem Experimentalarchäologen Frank Andraschko geht in eine ähnliche Richtung. Zielgruppe sind hier Kinder: auch für sie gab es zwischen 2016 und 2018 mehrwöchige Kurse, sie wurden dabei spielerisch an die antike Welt und traditionellen Lebensweisen herangeführt.

Die erwachsenen Teilnehmer und Teilnehmerinnen in diesen Kursen lernten ihrerseits die Pädagogik für kindgerechte Wissensvermittlung, auf dass sie es an Lehrer, Eltern und Interessierte weitergeben. „Kulturelles Bewusstsein für Kinder“ (Cultural awareness for children) ist der Titel dieses Projekts.

Start der beiden Vorhaben war im Jahr 2016. Seitdem haben rund 120 Erwachsene und Kinder teilgenommen.

Seit 2018 ging es in den Steinmetzkursen einen ersten Schritt über das Grundlagenwissen hinaus: ein altes Gehöft wird saniert, und die Teilnehmer lernen nun auch, die von ihnen behauenen Steine zu verbauen beziehungsweise das vorhandene alte Gemäuer zu sichern.

Claudia Bührig hofft, dass sich das Gehöft auf lange Sicht zu einer Art von lokalem handwerklichem Zentrum entwickeln könnte – vielleicht unter Mitwirkung von Verbänden oder Kammern aus Deutschland. Dort soll grundlegendes Knowhow für verschiedene Berufe vermittelt werden.

Schon jetzt beschränkt sich das Projekt nämlich nicht nur auf Steinmetze: einmalig kam ein Musuemsschmied hinzu, der die Werkzeuge für die Handarbeit am Stein herstellt oder schärft; auch ein Zimmermann aus Deutschland ist beteiligt und ebenso ein Statiker.

Ein besonders wichtiger Aspekt für Claudia Bührig ist, dass auch Flüchtlinge aus dem nahen Syrien an den Steinmetzkursen teilgenommen haben. Das Gelernte kann für diese Personen eine Existenzgrundlage in Jordanien oder vielleicht einmal wieder im Heimatland sein. Durch die Kurse werden die Flüchtlinge außerdem in die Dorfgemeinschaften integriert.

Gefördert wurden die Projekte vom Auswärtigen Amt im Rahmen der Sondermittel „Flucht und Migration“.

Zum Weiterlesen:

Deutschlandfunk Kultur: „Schlagkräftige Kulturhilfe

Deutsches Archäologisches Institut (1, 2)

(17.12.2019)