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15 Clerkenwell Close, London: eine Fassade aus Massivstein, die eine tragende Rolle spielt und die die Geschichte symbolisiert

Groupwork + Amin Taha: 15 Clerkenwell Close, London.Groupwork + Amin Taha: 15 Clerkenwell Close, London.Amin Taha hat eine außergewöhnliche Architektur geschaffen, die eine Zeit lang heftiger Kritik ausgesetzt war

Allein schon aus Kostengründen wird heutzutage kein Architekt mehr auf die Idee kommen, die Fassade eines Gebäudes aus massivem Naturstein zu errichten. Könnte man meinen. Das Gegenteil hat jedoch der englische Architekt Amin Taha mit dem Gebäude 15 Clerkenwell Close in London bewiesen, dessen Materialkosten aufgrund der Verwendung von Naturstein um 25 % unter denen eines vergleichbaren Gebäudes aus Stahl oder Beton liegen, das aus demselben Grund eine um 90% bessere CO2-Bilanz hat und das so auch noch ein unverkennbares Erscheinungsbild gewonnen hat.

Sortieren wir die vielen hier angesprochenen Aspekte von Architektur und beginnen wir mit der Vorgeschichte des ehemals vor den Toren Londons gelegenen Terrains.

Im 11. Jahrhundert n. Chr. hatten die Normannen dort ein Nonnenkloster errichtet und schon damals war das verwendete Material eine Besonderheit für England: die Seefahrer aus dem Norden setzten Kalkstein frisch aus dem Bruch ein, weil der sich anfangs leicht bearbeiten ließ und erst später aushärtete.

Im Lauf der folgenden Jahrhunderte gab es viele Episoden mit vielen Bauwerken: Oliver Cromwell war dort mal zuhause, ein wenig Revolution wurde mit Karl Marx und später Lenin als Anwohner gemacht, und zuletzt diente das Gelände in dem heruntergekommenen Stadtviertel einem Möbelgeschäft als Standort. In den 1970ern brannte es aus.

Für den Neubau 2018 wählte sich der Bauherr JB Structures den jungen Architekten Amin Taha, Gründer des Büros Groupwork + Amin Taha Architects. Der Guardian schreibt respektvoll über ihn: „Er ist als Architekt singulär, man kann ihn nie einem Lager oder einem Stil zuordnen.“

Prompt legte Amin Taha für den Neubau einen Entwurf vor, der sich mehr als deutlich aus dem Gewöhnlichen heraushob: sein Neubau bekam als Fassade eine Pfosten-Riegelkonstruktion [post-and-beam construction ???] aus massiven Kalksteinelementen.

Groupwork + Amin Taha: 15 Clerkenwell Close, London.Groupwork + Amin Taha: 15 Clerkenwell Close, London.Groupwork + Amin Taha: 15 Clerkenwell Close, London.

Dieses Außenskelett ist der Fensterfront des Gebäudes vorgesetzt, aber durch Anker mit den Decken verbunden und spielt für die Statik des Gesamtgebäudes eine tragende Rolle.

Groupwork + Amin Taha: 15 Clerkenwell Close, London.

Dadurch wurde es unter anderem möglich, Stockwerke im Inneren ohne Stützen oder Wände auszuführen, was größtmögliche Freiheit für die Nutzung mit sich bringt.

Details der Konstruktion und die besonderen Anker sind in der Zeitschrift Facades+ beschrieben. Ausgeführt ist dort unter anderem, wie Wärmebrücken vermieden wurden.

Naturstein wird hier so eingesetzt, wie es seinen Materialeigenschaften entspricht: er kann als harter und schwerer Baustoff große Lasten von oben in die Fundamente abtragen.

Mehr noch: für die Fassadengestaltung bietet Stein eine wirkliche Spielweise.

Groupwork + Amin Taha: 15 Clerkenwell Close, London.

Amin Taha wollte mit dem Stein nämlich auch die vielen Jahrhunderte erkennbar machen, die über den Standort hinweggegangen waren: das hat er symbolisch ausgedrückt mit den Oberflächen der Fassadenelemente, die teils roh wie aus dem Bruch, teils geglättet sind.

Ihre Maße sind rund 3 x 1 x 1 m (10 feet x 3 x 3). Das Gesamtgewicht der Steinfassade liegt bei knapp 250 t.

Groupwork + Amin Taha: 15 Clerkenwell Close, London.

Der ganz große zeitliche Rahmen wird durch die verwendete Steinsorte inszeniert: Amin Taha ließ Muschelkalk aus der Normandie (Lyons-la-Forêt) importieren, aus dessen Oberfläche Millionen Jahre alte Fossilien herausstechen.

Der Guardian schrieb zu dem Konzept: „Stein wird wie ein lebendiges Wesen behandelt. Hier zeigt sich das Handwerk, dass alle Besonderheiten des Materials hervorholen kann. Es ist eine Freude, das zu sehen, wo doch der Stein so oft mit tödlicher Präzision in dünne Lagen geschnitten wird.“

Die Natursteinarbeiten führte The Stone Masonry Company aus. Die Bautechnik oblag Webb Yates Engineers.

Jedoch: inzwischen hatte sich der Stadtbezirk Irlington eingeschaltet und hatte verlangt, dass das Gebäude abgerissen werde. Der Bau würde nicht in die Umgebung passen, so der Kern der Kritik, verpackt zunächst in Vorwürfe formaler Art.

Die Details zu diesem Teil der Geschichte können Interessierte in den unten angegebenen Links nachlesen. Der Architekt selbst bemerkt zu dem wichtigsten Argument der Kritiker nur: „Es würde uns schon sehr wundern, wenn man zum Beispiel in der Musik, den Bildenden Künsten oder der Wissenschaft sich davon leiten ließe, dass etwas bloß in das Bisherige hineinpasst.“

Nach langen Auseinandersetzungen jedenfalls konnte er sich gerichtlich gegen den entscheidenden Behördenmitarbeiter durchsetzen. Das sei allerdings beinah eine Art von Pyrrhussieg gewesen, so viel Kraft habe es gekostet, zitiert das Online-Magazin Dezeen den Architekten.

Immerhin wurde das Projekt mehrfach mit dem Riba-Preis des Royal Institute of Britisch Architects ausgezeichnet und war auch nominiert für den Stirling Prize, Britanniens wichtigste Auszeichnung für Architekten.

Andererseits aber stand es auch auf der Shortlist für den Carbuncle Cup einer Zeitschrift, mit dem die schlechteste Architektur in einem Jahr gekennzeichnet werden soll.

Sieben Stockwerke hat das Gebäude. Acht Apartments sind dort untergebracht. Eins davon hat der Architekt selbst bezogen. Daneben gibt es Büros, eins davon sein eigenes.

Noch ein paar Details:
* das Dach ist als Garten gestaltet,
* dort endet ein verglaster „Schornstein“ „glazed solar chimney]“, der für eine natürliche Ventilation im Gebäude sorgt. Auch dadurch wird die Energiebilanz des Gebäudes verbessert;
* die Feuersicherheit der Fassade ist wegen des Materials besonders hoch,
* auf einem öffentlich begehbaren Innenhof gibt es eine
Pflasterung aus Grobkieseln und wiederum Stein- und auch Eisenresten, die Bezug nehmen auf die Bebauung der Vergangenheit;
* bemerkenswert ist unter anderem ein Stück Stein am Fuß der Fassade, das wie eine Ruine aus einer fernen Zeit daliegt.

Groupwork + Amin Taha: 15 Clerkenwell Close, London.

Der Guardian kommentiert: der Architekt wollte für seine Entwürfe „Inspiration aus allen Richtungen bekommen, von den lebenden Menschen, von der Geschichte, aus der Geologie“. Sein Ziel sei generell, Gebäude zum Leben und Arbeiten zu schaffen, die etwas zum Reichtum und zum Lebensgefühl in ihren Straßen beitragen“.

Groupwork + Amin Taha

The Guardian

Facades+

Dezeen

The Stone Masonry Company

Webb Yates Engineers

Fotos: Tim Soar / Groupwork + Amin Taha

Groupwork + Amin Taha: 15 Clerkenwell Close, London.Groupwork + Amin Taha: 15 Clerkenwell Close, London.

(14.02.2020)