Sibylle Pasche bringt den Betrachter ihrer Marmorskulpturen zu Gedankenspielereien

Sibylle Pasche: „Daydream“, Marmor Bianco Carrara, 156 x 200 x 210 cm.Sibylle Pasche: „Riflesso di Stele“, Marmor Bianco Carrara, 50 x 80 x 80 cm.

Die Schweizer Künstlerin stellt mit ihren Werken „die Ursymbole der Natur und deren Veränderungsprozesse“ dar, wie sie selbst sagt

Gibt es vielleicht doch lebensähnliche Vorgänge im Stein, eventuell Tierchen, die dort zuhause sind und sich durch die Minerale hindurchfressen? Die Frage stellt sich, wenn man Sibylle Pasches Kunstwerke aus Carrara-Marmor betrachtet: denn auf den Oberflächen vieler ihrer Steinkugeln gibt es geheimnisvolle Löcher, die ins Material hineinführen, und bei anderen findet man auch komplexe Vertiefungen, die vielleicht die Ausläufer von Höhlensystemen im Inneren sind.

Mehr noch: einige ihrer Werke tragen Blasen, die offenbar aus dem Inneren hervorgequollen sind – Zeichen von vulkanischen Vorgängen in der Tiefe, etwa?

Sibylle Pasche: „Genesis“, Kilkenny Blue Limestone, 80 x 100 x 100 cm.

Wie auch immer, für den Betrachter sind die Arbeiten der Schweizer Künstlerin eine Einladung, sich ins wilde Assoziieren zu begeben.

Mindestens doppeldeutig sind ihrer Werke.

Sibylle Pasche: „Spuren der Zeit – Zeitspuren”.

Zum Beispiel die Arbeit „Zeitspuren – Spuren der Zeit“, die beim Alterszentrum in der Ortschaft Meilen am Zürichsee aufgestellt ist. Nicht nur Titel des Werks, Standort und Material haben ein Zusammenspiel. Auch wird die Skulptur in den warmen Monaten zu einem Brunnen, was sich, für die die es wissen, wiederum auf den historischen Flurnamen „Wasserfels“ bezieht.

In vielerlei Hinsicht geht es in Sibylle Pasches Arbeiten um das Leben: um das der Menschen, das in der Natur, und auch um die geologischen Vorgänge im Inneren der Erde, die wiederum auf alles Leben auf der Oberfläche unseres Planeten einwirken. Sie selbst beschreibt ihre Skulpturen so: „Es sind Ursymbole der Natur und deren Veränderungsprozessen.“

Die Kunst war ihr wohl in die Wiege gelegt. „Ich habe immer gern und gut gezeichnet und gebastelt, schon als ich ganz klein war“, mailt sie uns auf unsere Frage. Die Eltern hätten das gefördert und sie auf das Liceo Artistico in Zürich geschickt, ein Gymnasium mit Schwerpunkt Bildnerisches Gestalten und Sprachen.

Sibylle Pasche: „Skyline“, Marmor Bianco Carrara, 65 x 220 x 75 cm, 60 x 200 x 70 cm.

Dass sie zum Stein kam, war „vielleicht eher ein Zufall“. Aber für ihr Bildhauerstudium suchte sie sich die Accademia di Belle Arti in Carrara aus. Dort kam sie mit vielen Kunstrichtungen in Kontakt, blieb aber am „eigenwilligen und natürlichen“ Material Stein hängen. „Es macht mir immer noch große Freude, es mit ,sanfter Gewalt’ formen zu können.“

Zu ihren organischen und rundlichen Formen habe sie gefunden, als sie während des Studiums die Anatomie des menschlichen Körpers immer mehr reduzierte und so schließlich zu ihren rundlichen oder eiförmigen „Urformen alles Lebens“ fand. „Für mich verkörpern sie den Anfang (Geburt) und das Ende (Veränderung) mit der in sich ruhenden Kraft von ‚gestrandeten‘ Findlingen, die einfach irgendwo liegengeblieben sind und sich so auf ganz natürliche Weise als Fremdkörper in ihre Umgebung einfügen.“

Sibylle Pasche: „Gioco d’Acque II“, Marmor Bianco Carrara, 170 x 110 x 110 cm.

Was ihre Art der Formgebung für den Stein angeht, hält sie es mit der Handarbeit. Sie und ihre 2 Mitarbeiter in ihrer Werkstatt im Studio d’Arte Telara in Carrara nutzen nur die Diamantsäge, um den Rohblock grob zurechtzuschneiden. Sie berichtet von den Erfahrungen der Kollegen, wonach diese immer wieder „kleine Fehler eines Roboters ausmerzen müssen, die sich während der Arbeit teils noch multiplizieren.“. Auch deshalb sei „es meist (noch) teurer, die Roboter zu programmieren, als zu dritt Gas zu geben“.

Allerdings: Hektik scheint nicht das zu sein, was die Mittvierzigerin für das Leben (mit Ehemann und 2 Kindern) auch in ihrer Werkstatt in Zürich anstrebt. Der Stein „kontrastiert so wunderbar die Schnelllebigkeit und die teilweise beängstigende Oberflächlichkeit unserer heutigen Welt, die so stark von Social Media geprägt wird“.

Am Stein mag sie auch „den zeitlosen Aspekt, der Generationen übergreifend auf die Grundwerte in unserer Kultur verweist“.

Sibylle Pasche

Studio d’Arte Telara

Sibylle Pasche: „Coral Forrest“, Marmor Bianco Carrara, 160 x 225 x 195 cm, 120 x 185 x 170 cm, 80 x 120 x 105.Sibylle Pasche.

(27.03.2020)