Kündigungen von Ausbildungsverhältnissen durch ein positives Betriebsklima vermeiden: Fordern, Fördern, Feedback

Geht auf die jungen Leute ein: Stefan Maier von Steinmetz Brenner in Augsburg.

Von Alfred Paschek, Berufsbildungswerk bbw

Nicht nur bei den Steinmetzen und Steinbildhauern wird über ein Drittel der Ausbildungsverhältnisse vorzeitig gelöst. Unser Beitrag nennt Zahlen dazu und formuliert Denkanstöße für mögliche Lösungen. Einige sind: Einen modernen Führungsstil entwickeln / Fordern, Fördern, Feedback / Den jungen Leuten Wertschätzung entgegenbringen / Die „positive Stimmung“ im Betrieb als Zauberwort / Auch die Kunden spüren, wenn das Betriebsklima stimmt.

Nicht nur viele Unternehmer und Auszubildende können ein Lied davon singen, dass ihre Partnerschaft Tücken hat. Das Problem geht über Einzelfälle innerbetrieblicher Verstimmungen hinaus und betrifft ein zentrales Thema des Handwerks, nämlich die Fachkräftesicherung.

Betrachten wir die Entwicklung bei den vorzeitig gelösten Ausbildungsverträgen: lag die Quote bei den Steinmetzen im Jahr 2009 noch bei 20,8 %, war sie 2018 auf 34,1 % gestiegen (BIBB, Datenbank Auszubildende). Dieser Wert liegt nur knapp unterhalb des Durchschnitts im gesamten Handwerk, das sich wiederum deutlich negativ von den anderen Wirtschaftsbereichen absetzt (siehe Tabellen).

Die Tabellen zeigen für das Jahr 2018 die Zahlen der vorzeitig aufgelösten Ausbildungsverträge (oben) und von wem die Trennung ausging.Die Tabelle zeigt die Gründe, die Azubis 2018 für die vorzeitige Beendigung ihrer Ausbildung nannten.

Man muss also fragen, was in der Ausbildung bisweilen schiefläuft, und ist zugleich gut beraten, sich vor einfachen Erklärungen und übereilten Schuldzuweisungen zu hüten.

Die Klagen von Ausbildungsbetrieben über zuverlässig unpünktliche und mäßig motivierte junge Leute werden vielfach berechtigt sein. Was aber sagen die Auszubildenden? Der Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2020, herausgegeben vom Bundesinstitut für Berufsbildung, gewährt Einblicke in die Beweggründe von Azubis im dualen System, ihre Ausbildungsverhältnisse vorzeitig zu beenden. So entsprach für 60 % von denen, die eigeninitiativ oder im Einvernehmen mit dem Chef einen Schlussstrich zogen, die Tätigkeit nicht dem Wunschberuf. Stolze 52 % gaben Konflikte mit Ausbildern und Vorgesetzten an und immerhin 39 % begründeten ihre Entscheidung mit einer aus ihrer Sicht mangelhaften Ausbildung.

Im Rahmen einer eigens durchgeführten Untersuchung hat die thüringische Bildungseinrichtung „Handwerk und Bildung“ im Jahr 2019 umfangreiche Befragungen in ausbildenden Handwerksbetrieben durchgeführt. Ziel war es, noch detailliertere, handwerksspezifische Antworten auf die Frage zu finden, warum so viele potentielle Nachwuchskräfte ihrem Betrieb – und damit in der Regel auch dem Gewerk – vorzeitig den Rücken kehren (teils vorveröffentlicht in: handwerk magazin 07-08/20). Es zeigte sich, dass beinahe jeder zweite der befragten Auszubildenden mangelnde Wertschätzung und fehlenden Respekt seitens der Ausbilder beklagte. Auch fehlendes Vertrauen, Probleme in der Kommunikation sowie unbeherrschte Vorgesetzte waren Dinge, die beinahe jedem dritten befragten Auszubildenden zu schaffen machten.

Die Ergebnisse machen insgesamt deutlich, dass nicht allein das Angebot an Bewerbern und deren Auswahl für den Erfolg eines Ausbildungsverhältnisses entscheidend ist. Auch die Bedingungen im Unternehmen können großen Einfluss auf das Risiko vorzeitiger Vertragslösungen haben. Was also sind mögliche Erfolgsrezepte für Betriebe, die nicht nur in fachlicher Hinsicht gute Ausbildungsarbeit leisten wollen, sondern denen auch generell ihre Unternehmens- und Führungskultur am Herzen liegt?

Geht auf die jungen Leute ein: Stefan Maier von Steinmetz Brenner in Augsburg.

Ortsbesuch bei der Steinmetz Brenner GmbH in Augsburg. Stefan Maier, seit 2013 Geschäftsführer des knapp 20 Mitarbeiter zählenden Unternehmens, findet zur Frage des betrieblichen Ausbildungsstandards klare Worte: „Es gibt eine Ausbildungsordnung, und das ist die verbindliche Grundlage für die Ausbildungsplanung!“ Wer als Unternehmer einen Ausbildungsvertrag schließe, müsse diese Verordnung kennen und sich nach ihr richten. Dass es insbesondere für kleinere Betriebe mit vergleichsweise engem Leistungsspektrum mitunter schwierig sein kann, eine nach dieser Maßgabe fachgerechte Ausbildung zu gewährleisten, räumt er unumwunden ein. Dann allerdings müssten sich die Unternehmer ehrlich fragen, ob sie ihrer Pflicht nachkommen und ihrer Verantwortung gegenüber den Auszubildenden gerecht werden könnten.

Mit Blick auf eine langjährig bewährte Praxis vertritt Stefan Maier, der sich außerdem als Obermeister der Steinmetzinnung Nordschwaben engagiert, auch in Sachen Unternehmenskultur und Arbeitsklima klare Standpunkte. „Heute ist ein ganz anderer Führungsstil gefragt. Die Zeiten, in denen der Meister den Arbeitstag beginnt, indem er ruppige Schelten an die Mitarbeiter verteilt, sollten vorbei sein.“ Von cäsarischen Herrscherfiguren hält der Leiter des Traditionsbetriebes generell nicht viel. Stattdessen misst er der Fähigkeit und der Bereitschaft zur Selbstkritik – gerade beim Führungspersonal – große Bedeutung bei. Und auf die Frage, was er von einem abgenutzten Evergreen wie „Lehrjahre sind keine Herrenjahre!“ halte, folgt eine wohltuend differenzierte Antwort: Im Grunde sei dieser Spruch ja nicht verkehrt.

Nur könne man das im Jahr 2020 in dieser Form niemanden mehr um die Ohren hauen. „Wer neu ist und einen Beruf erlernt, muss sich zunächst beweisen. Allerdings muss ihm auch Gelegenheit gegeben werden, Dinge auszuprobieren und Fehler zu machen. Es kann nicht darum gehen, Hierarchien gänzlich zu schleifen. Der entscheidende Punkt ist aber, dass ich den Leuten auf Augenhöhe begegne und ihnen Wertschätzung entgegenbringe!“ In diesem Statement steckt nicht weniger als ein bündiges Stück Firmenphilosophie. Und der Erfolg scheint Stefan Maier recht zu geben. Er ist überzeugt, das Betriebsklima ist keine Beiläufigkeit, sondern hat immensen Einfluss auf die Motivation der Mitarbeiter, die Qualität der Produkte und auch die Kunden spürten es, wenn eine grundsätzlich positive Stimmung herrsche. Zu den Prinzipien zeitgemäßer Unternehmensführung gehört für den Betriebsleiter außerdem die gelebte Sozialpartnerschaft. Statt Konflikte zu kultivieren, gelte es, Interessengegensätze kooperativ zu lösen und den Teamgeist zu fördern.

Wer bei der Brenner GmbH ernsthaftes Interesse an einer Ausbildung zeigt, dem wird eine Chance gegeben, und sei es zunächst in Form eines Praktikums. Auf Zeugnisnoten kommt es dabei weniger an als auf die tatsächliche Eignung für die tägliche Praxis. Auch habe man sehr gute Erfahrungen damit gemacht, sensibel für die Fähigkeiten und Vorlieben der Auszubildenden zu sein, um Potentiale erkennen und gegebenenfalls gezielt fördern zu können.

Sitz der Firma Steinmetz Brenner GmbH in Augsburg.

Eine Empfehlung, wie und wo man persönlich in Kontakt mit Jugendlichen kommen kann, die sich in der beruflichen Orientierungsphase befinden? Für den Geschäftsführer des Augsburger Unternehmens haben sich Jobmessen als geeignete Veranstaltungsform erwiesen, um direkt ins Gespräch zu kommen und für sich als Ausbildungsstätte zu werben. Davon, dass der Großteil des Publikums dort bei der Automobilindustrie stehe, dürfe man sich allerdings weder beeindrucken noch frustrieren lassen. Es brauche eben eine gewisse Beharrlichkeit verbunden mit der Bereitschaft, dauerhaft in den Nachwuchst zu investieren.

Bei allem Optimismus und zuvorkommender Offenheit, durch die rosarote Brille schaut auch bei Brenner niemand. Dass die Bewerbungen nicht mehr mit zuverlässiger Regelmäßigkeit ins Haus flattern, diese Erfahrung macht Stefan Maier ebenfalls. Obendrein sei die persönliche oder fachliche Eignung der Interessierten nicht selten unzureichend.

Umso mehr jedoch müssten Betriebe sich heute ins Zeug legen, um auch denen attraktive Berufsperspektiven zu bieten, die zukünftig als Leistungsträger infrage kommen. Nur so ließe sich der Fachkräftenachwuchs sichern. In Augsburg – wie vielerorts auch – nimmt man diese Herausforderung unbeirrt und zuversichtlich an. Von ernsten Zukunftssorgen war dort jedenfalls nichts zu hören.

Berufsbildungswerk des Steinmetz- und Bildhauerhandwerks e.V. (bbw)

Steinmetz Brenner

(01.10.2020)