Die Holmer Beliebung ist ein Beispiel für eine ungewöhnliche dörfliche Begräbniskultur, die die Jahrhunderte überlebt hat

Kapelle und Friedhof auf dem Holm in Schleswig. Foto: Matthis Süßen / <a href="https://commons.wikimedia.org/"target="_blank">Wikimedia Commons</a>, <a href=" https://en.wikipedia.org/wiki/Creative_Commons_license"target="_blank">Creative Commons License</a>

Im heutigen Fischerviertel der Stadt Schleswig gründeten die Bürger nach dem 30jährigen Krieg und in Zeiten der Pest eine gegenseitige Hilfe für die Beerdigung

Der Holm, das alte Fischerviertel der Stadt Schleswig, hat einige Besonderheiten, in deren Mittelpunkt das Begräbnis der Bürger und der Friedhof stehen. In dem kleinen Nest nur ein paar 100 m von der Innenstadt entfernt werden diese Traditionen von den derzeit rund 300 Ansässigen noch immer gepflegt – weshalb sich das Örtchen auch nicht rund um einen Marktplatz erstreckt, sondern rund um eine Kapelle mit dem Friedhof.

Der Reihe nach.

Um 1650 war auch Norddeutschland verwüstet und verarmt: der Westfälische Friede von Münster, mit dem der 30jährige Krieg zu Ende gegangen war, lag erst 2 Jahre zurück, und zwar zogen seitdem nicht mehr die Söldnerheere durch das Land und nahmen sich, was sie brauchten, sondern die Pest raffte in mehreren Epidemien die Menschen wie die Fliegen dahin. Die Situation war so grausam, dass die Toten nicht mehr mehr nach den Regeln des Glaubens beerdigt werden konnten, sondern bei Nacht und Nebel unter die Erde gebracht wurden.

Nach der tiefen Frömmigkeit der damaligen Zeit aber hätten die Sterbesakramente und die Bestattung in geweihter Erde den Verstorbenen am Jüngsten Tag den Zugang zum Himmelreich leicht gemacht.

Im Jahr 1650 taten sich deshalb die Holmer Dörfler, allesamt Fischer, zusammen und gründeten ihre „Beliebung“, eine Art von Begräbnisversicherung. Zusammen mit Mitgliedern aus Ortschaften in der Nähe sicherten sie sich gegenseitig zu, immer für ein ehrbares und christliches Begräbnis zu sorgen und auch den Hinterbliebenen mit Anteilnahme und Hilfe zur Seite zu stehen.

Die Betonung lag dabei auf der Freiwilligkeit der Maßnahme: „aus freiem Belieben“ hatten die Bürger, sprich: die männlichen Bewohner, sich diese Selbstverpflichtung auferlegt, dies ganz ohne Zutun der Obrigkeit. Der Krieg war nämlich auch deshalb für die Menschen eine traumatische Erfahrung gewesen, als es über 30 Jahre keine Macht und kein Mittel gegeben hatte, um die einfachen Leute vor den marodierenden Soldaten zu schützen. Wallenstein hatte nämlich früh die Frage nach der Versorgung und Besoldung der Truppen mit einem einfachen Satz geklärt: der Krieg ernährt den Krieg.

Eine der Aktivitäten der Beliebung war, für den Ort eine Kapelle und einen Friedhof zu errichten. Beide liegen mitten im Dörfchen, so dass, wie der Deutschlandfunk es in einem Bericht einmal formulierte, die Bewohner der kleinen und bunten Katen „den Tod tagtäglich vor Augen“ haben. Zitiert wird in dem Beitrag auch die Autorin eines Buches über den Holm mit dem Satz: „Zärtlicher kann man den Tod nicht in die Mitte nehmen und nirgendwo ist man weniger tot, wenn man gestorben ist.“

Anders formuliert: wer aus dieser Gemeinschaft stirbt, geht gewissermaßen nur dorthin, wo andere schon sind.

Auch in anderen Dörfern und Städten wurden in schlechten Zeiten ähnliche Gemeinschaften gegründet. Doch nur die Holmer Beliebung lebt noch heute.

Übrigens: dass sich im Dorfmittelpunkt des Holms ein Friedhof anstelle des üblichen Marktplatzes befindet, störte niemand. Denn ehemals war das einzige Handelsgut dort Fisch aus der Ostsee, und den trugen die Fischer ohnehin gleich auf den Markt nach Schleswig.

Außerdem, auf heutige Zeiten gemünzt: besser ein Friedhof als ein Parkplatz.

Holmer Beliebung

Deutschlandfunk

Magazin „Monumente“ der Deutschen Stiftung Denkmalschutz

(11.10.2020)