Insider über Joachim Grüter, der nach 20 Jahren als DNV-Präsident das Amt niederlegt: „Er war ein Glücksfall für die Branche“

Foto von der Verleihung des Deutschen Naturstein-Preises 2018: rechts Joachim Grüter (scheidender DNV-Präsident), links Hermann Graser (neuer DNV-Präsident), dazwischen links Heiner Farwick (Präsident der Bundesarchitektenkammer) und rechts Preisträger Arno Lederer (Lederer Ragnarsdóttir Oei). Foto: DNVHermann Graser wurde auf der Mitgliederversammlung des Natursteinverbands als Nachfolger gewählt

Er sei „ein Glücksfall für die deutsche Natursteinbranche gewesen“, sagen die, die ihn kennen. Denn Joachim Grüter, der am 06. November 2020 auf der Mitgliederversammlung des Deutschen Naturwerkstein-Verbands (DNV) sein Amt als Präsident niederlegte, vereinte in seiner Person eine Reihe von bemerkenswerten Charakterzügen, die er in seiner Tätigkeit während 2 Jahrzehnten immer im richtigen Moment auszuspielen wusste: er war verbindend und verbindlich, beharrlich und durchsetzungsfähig, gleichzeitig aber auch ein Mensch mit hoher Sozialkompetenz, so dass eine Meinungsverschiedenheit mit ihm nicht in Rechthaberei ausartete, sondern auf der Ebene der Argumente verblieb.

Das mag auch der Grund dafür sein, dass „es mit ihm nie langweilig wurde“, wie uns jemand gesagt hat, der mit ihm seit dem Jahr 2000 zusammenarbeitete, jenem Jahr, als Grüter für den verstorbenen Vorgänger-Präsidenten kurzfrstig einsprang.

Was die in diesem Zitat angedeutete unterhaltsame Ader an ihm angeht, fügen wir aus eigener Erfahrung hinzu: besonders zu später Stunde läuft Grüter – nach wie vor – gerne zu ganz großer Form auf.

Zwei Episoden aus seinem Leben für die Natursteinbranche wollen wir erzählen.

Die erste stammt aus seiner Zeit bei Zeidler und Wimmel, einst Platzhirsch in Berlin und nach dem Krieg im fränkischen Kirchheim neugegründet: als um die Jahrtausendwende der Holzmann-Konzern bankrott ging und schon die Heuschrecken auf Z+W als damalige Konzerntochter warteten, schaffte Grüter es, das Unternehmen zu retten und die Geiger Stein- und Schotterwerke zu einer Übernahme zu bewegen.

Hier zeigte sich sein Streben einerseits nach Bewahren: es ging ihm darum, den renommierten Namen Z+W nicht untergehen zu lassen, und gleichzeitig auch für die Mitarbeiter die Jobs zu retten.

Er habe gekämpft wie ein Löwe, wird erzählt, und wo andere Chefs sich mit einer Abfindung aus dem Staub gemacht hätten, verbrachte Grüter viele schlaflose Nächte und war am Ende gar gesundheitlich angeschlagen, als die Lösung ausgehandelt war.

Die andere Episode zeigt umgekehrt seine Offenheit fürs Modernisieren: Grüter setzte sich vehement für den neuen Beruf des Natursteinmechanikers ein und setzte ihn gegen die Widerstände aus allen Richtungen durch.

Bemerkenswert hierbei ist auch, dass er eigentlich, als er das Amt als Verbandspräsident antrat, mit Vehemenz verkündet hatte, dass er sich nicht um Berufsbildung kümmern wolle.

Einsatz für die väterliche Firma

Irgendwie hatte Grüter sein ganzes Leben lang mit Rohstoffen zu tun. Sein Vater hatte im Fichtelgebirge eine Firma für Flusssäure, die damals als wichtiger Rohstoff in der chemischen Industrie eingesetzt wurde.

Aber Grüter sollte wohl erst noch zu einem Mann von Welt werden, und so lernte er bei einer großen Handelsfirma unter anderem in den USA, wie man international Erze gewinnt und sie mit Schiffen überall hin verschickt. Schamottesteine für Öfen gehörten ebenfalls zum Portfolio seiner Handelswaren, später kam der Nero Assoluto aus Brüchen in Afrika hinzu.

Damals kam er in Kontakt mit Konsul Metzing von Z+W, lange Jahre einer prägenden Figur der hiesigen Natursteinbranche, und dieser beeindruckte Grüter so sehr, dass er sich bei ihm bewarb und dafür aus der großen weiten Welt ins Fränkische zurückkam.

Seine Begeisterung für Naturstein ist ansteckend und man kann sich ihr kaum entziehen. Er lebt sie auch im Privatleben aus, wo es im Familiengarten viele Statuen aus verschiedenen Steinsorten gibt.

Natürlich hat Grüter auch schon die Enkelkinder an den Naturstein herangeführt. So wird von einem Ausflug in einem Solnhofener Steinbruch erzählt, und es überrascht uns nicht zu hören, dass die Kids – purer Zufall – überaus reichliche Beute an Fossilien machten.

Auf der Webpage der Ortschaft Kleinrinderfeld findet man eine Erwähnung zu den 4. Klassen der dortigen Schule, die einen Besuch in der Steinmetzschule Aschaffenburg machten, „angeregt, organisiert und begleitet von Herrn Joachim Grüter und seiner Frau Brigitte“. Man kann sich unschwer ausmalen, dass das als großes Fest für die Kids arrangiert war.

Für seine Leistungen für den Freistaat wurde er im Juli 2016 mit dem Bayerischen Verdienstorden ausgezeichnet.

Noch ein Schmankerl?

„Er beherrscht die hohe Kunst des Präsidenten“, heißt es. Die bringt er gern ins Spiel, zum Beispiel wenn es um Lobbyarbeit geht: dann bindet er sein weltmännisches Auftreten, die unüberhörbare Beharrlichkeit und gleichzeitig die Seriosität zu einem ganzen Schlüsselbund zusammen, mit dem er sich als Türöffner nützlich macht.

So 2016/17 bei jenem Klinkenputzen, das er zusammen mit DNV-Geschäftsführer Reiner Krug bei 12 Bauministerien der Bundesländer absolvierte, um die Entscheidungsträger über die ökologischen Stärken des heimischen Natursteins zu informieren.

Vorgestellt wurde dabei auch die Nachhaltigkeitsstudie, die der DNV in Auftrag gegeben hatte. Inzwischen liegt die Fortsetzung dazu vor. Ihr Thema ist der Vergleich von Natursteinfliesen als Bodenbelag mit Keramik, PVC, Laminat, Teppich und Parkett.

Diese Studie zeigt besonders deutlich den typisch Grüter’schen Blick über den eigenen Tellerrand hinaus: der DNV stellte zusammen mit den Sponsoren diese Datensammlung kostenlos auch den Verbänden im Ausland zur Verfügung, auf dass diese sie übersetzen und für ihre eigene Arbeit nutzen mögen.

Jedoch verlässt Grüter nach der DNV-Mitgliederversammlung am 06. November die Branche nicht, einstimmig wurde er zum Ehrenpräsidenten des Verband gekürt. Als neuer Präsident wurde, auf Vorschlag von Grüter, Herman Graser jr (43) vom Bamberger Natursteinwerk Hermann Graser GmbH gewählt, ebenfalls einstimmg. Information zu den weiteren Nominierungen in der Pressemitteilung des Verbands.

Deutscher Naturwerkstein-Verband

(14.11.2020)