Von einem Stein, der erst 1995 in Utah entdeckt wurde (Honeycomb Calcite) und einer Künstlerin (Jonna Ramey), die die Herausforderung durch das sehr spezielle Material meistert

Jonna Ramey: „Two Spirit“.Die Strukturen und die Farben im Stein machen manche Darstellung unmöglich

Im US-Bundesstaat Utah gibt es einen Stein, der erst 1995 entdeckt wurde und der sonst nirgendwo auf der Welt vorkommt: der Honeycomb Calcite (Wabencalcit) oder auch Amber Onyx (Bernsteinonyx). Am 16. März 2021 wurde er vom dortigen Gouverneur zum offiziellen Stein von Utah ernannt, und wir haben eine Künstlerin mit Sitz in Salt Lake City gefunden, die sich sehr intensiv damit beschäftigt hat. „Es ist nicht leicht, hinter die Schönheit des Materials zu kommen, dass man damit das ausdrücken kann, was man will“, sagt sie.

Sowohl ihr Kommentar als auch die Fundgeschichte sind so ungewöhnlich, dass wir den Stein und die Bildhauerin ausführlicher vorstellen wollen.

Als Entdecker des Wabencalcits wird ein gewisser Floyd Anderson genannt, mit einem Doktortitel in Psychologie und heute über 95 Jahre alt, der in den 1990ern ein bisschen Abenteuer jenseits seines Jobs wollte. Er machte sich mit einer Gruppe von anerkannten Geologen und Studenten auf, um nach Smaragden zu graben, und fand im grellen Sonnenlicht eine blanke Stelle im Boden, die wie Bernstein leuchtete. Das Ganze spielte sich ab in der Nähe der Stadt Hanna, wo heute Shamrock Mining sitzt.

Die Firma baut heute den Stein ab und verkauft ihn in die ganze Welt. Verwendet wird er in der Innenarchitektur gerne für hinterleuchtete Wände, vielfach auch für dekorative Alltagsgegenstände oder für Schmuck.

Die petrographischen Daten findet man auf der Webseite, die wir unten verlinkt haben.

Jonna Ramey ist die Bildhauerin, die wir oben erwähnt hatten. Für sie ist Bildhauerei eine Art von Storytelling: sie will nicht einfach nur Formen schaffen, die schön und interessant sind, sondern einen Gedanken in Stein artikulieren.

Dabei macht der Wabencalcit es ihr nicht unbedingt leicht. Denn wie alle dekorativen Steinsorten hat er ein extrem starkes Eigenleben: ein Gesicht zum Beispiel kann man in solchen Sorten kaum gestalten, weil die Strukturen und Farben, die dem Material von der Natur mitgegeben sind, vieles aus der Hand des Bildhauers kaum erkennbar werden lassen.

Im Gegensatz dazu bieten eben diese Steine aber auch ungewöhnliche Möglichkeiten der Gestaltung. Meist muss der Künstler flächig und mit den vorgegebenen Texturen arbeiten, wie bei „Two Spirit“ ganz oben.

Jonna Ramey: „Push Back (Malala)“.

Zum Beispiel: In der Arbeit „Push Back (Malala)“ auf dem Foto ganz oben erzählt Jonna Ramey von der Künstlerin Malala Yousafzai, die sich um Ausbildung für Mädchen und junge Frauen kümmert. Auf den 1. Blick ist die Skulptur nicht zu erfassen – man muss um sie herumgehen, um die Hände in Abwehrhaltung als Gegenwehr gegen den Druck auf junge Frauen zu erkennen. Das Gesicht ist nur angedeutet, Details wären schlichtweg nicht möglich.

Das gibt vielen der Skulpturen von Jonna Ramey eine Art von Entrücktheit, so als würden sie aus einer anderen Welt stammen und wären nur für sich selber da.

Sie habe diese Arbeitsweise vor 20 Jahren von Bildhauern aus Zimbabwe gelernt, die in Salt Lake City lebten, schreibt sie in einer Mail.

Im Wesentlichen gibt es für sie 2 Vorgehensweisen: entweder hat sie eine Idee im Kopf und sucht sich den dazu passenden Stein, oder sie findet einen Steinbrocken und bekommt durch ihn die Idee.

Jonna Ramey: „Gingko Bough“.

Der „Gingko Ast“ war eine alte Idee, die sie auf Papier skizziert und in ihrem Studio an die Wand gehängt hatte. „Beim Herumstöbern am Wabencalcit-Steinbruch stieß ich auf einen Behälter mit Abfällen. Da war der richtige Stein für meine Gingko-Idee drin“, schreibt sie.

Jonna Ramey: „Maguey Bloom“.

Anders bei „Maguey-Blüte“: „Ich fand zuerst den ausrangierten Strommastanker an einer Straße und sah darin sofort eine Maguey- oder Agavenpflanze. Ich wusste, dass ich nun auch eine Blüte für sie formen musste. Also machte ich mich im Steinbruch auf die Suche nach einem Stein, der zu meiner Idee und dem vorhandenen stählernen Fundstück passen würde. Natürlich kam ich mit 5 möglichen Steinen nach Hause und gestaltete letztendlich den, der mich wirklich ansprach. Der Rest kommt auf meinen Stapel und wartet auf ein zukünftiges Projekt…“

Man möchte meinen, dass sie mit dem Wabencalcit das Material ihres Lebens gefunden habe. Weit gefehlt: „Mit der aktuellen Ausstellung ist die Zeit vorbei, wo ich nur mit diesem Material gearbeitet habe. Jetzt sind es andere Steine,“ schreibt sie uns.

Dann hat sie beim E-Mail-Schreiben offenbar von ihrem Bildschirm aufgeschaut und sich in ihrem Studio umgeblickt. So fügt sie noch hinzu: „Wo ich das sage, arbeite ich gerade an einem Stück Wabencalcit. Ich liebe die Herausforderung und die Vertrautheit des Steins, er ist mir nah, ziemlich einfach zu beschaffen und reichlich vorhanden. Ich habe das Glück, dass ich nur 80 Meilen vom Steinbruch entfernt wohne.“

Jonna Ramey

Ausstellung Beyond Beauty“

Petrographische Angaben zum Honeycomb Calcite

(24.05.2021)