Produktdesign mit Naturstein (1): was ist eigentlich damit gemeint und wie kann man aus Marmor, Granit & Co Gegenstände für den Gebrauch im Alltag kreieren?

James Irvine für Marsotto Edizioni: Türstopper.

„Form Follows Function“ heißt die Leitlinie, im Fall eines Wettbewerbs ergänzt um kluge Projektsteuerung seitens der Kuratoren und Auftraggeber

Mehr und mehr Messen und genauso Verbände haben das Thema Produktdesign mit Naturstein entdeckt. Zeit für uns, einmal eine Bilanz der Jahre seit 1950 zu ziehen, als sich in der Gegend um Carrara erstmals in größerem Stil Bildhauer an Alltagsgegenständen aus Marmor versuchten. Im 1. Teil unserer Serie widmen wir uns der Frage, was Produktdesign mit Stein überhaupt ist und wie man entsprechende Wettbewerbe zu einem Erfolg macht.

In Jahr 2021 ist es der Steinverband in Schweden, im letzten Jahr war eine Initiative aus Wallonien in Belgien, seit mehreren Jahren zuvor die Verbände IMIB und EIB aus der Türkei sowie zahlreiche Messen wie die Marmomac, die Xiamen Stone Fair, die Vitoria Stone Fair in Brasilien oder die Rocalia in Frankreich: alle haben sich das Thema Produktdesign mit Naturstein zu eigen gemacht, teils in jährlichen Wettbewerben, teils als innovatives Segment ihrer Präsentationen auf dem Messegelände.

Stellt sich die Frage: was eigentlich ist mit Produktdesign mit Naturstein gemeint?

Ein Objekt soll uns zeigen, um was es geht. Frage an die Leser: welche Alltagsgegenstände verbergen sich hinter den Haifischflossen auf dem Foto ganz oben?

Antwort: es sind Türstopper, entworfen von dem englisch-italienischen Designer James Irvine und produziert von der italienischen Firma Marsotto Edizioni.

Schon auf den ersten Blick erkennt man den Kern der Designidee: Türstopper müssen schwer sein, Stein ist schwer, also kann Stein ein geeignetes Material für einen Türstopper sein. Diesen Sachverhalt hat Irvine mit einer originellen Form und mit dem wunderschönen Carrara Marmor in Szene gesetzt.

Produktdesign meint das Kreieren von Objekten, die sich im Alltag verwenden lassen und die zudem schön anzuschauen sind. Industriedesign ist eine Erweiterung und besagt, dass der Gegenstand in großen Stückzahlen hergestellt werden kann.

Die Grundregel für Produktdesign ist altbekannt: „Form Follows Function“ lautet sie. Gemeint ist damit, dass die wichtigste Eigenschaft eines Gegenstandes seine Funktionalität ist, erst an zweiter Stelle steht sein Aussehen – die Form kommt im Designprozess nach der Funktion.

Man kann auch von materialgerechtem Design sprechen: die Eigenschaften des Steins müssen die Nutzbarkeit des Objekts unterstützen. James Irvine hat das bei seinen Türstoppern ebenso elegant und scheinbar beiläufig erfüllt.

Formulieren wir ein erstes Credo für Produktdesign mit Naturstein: Wichtig ist, was der Stein kann. Und damit sind wir in ein Minenfeld geraten: denn wer diese Frage stellt, fragt gleichzeitig auch danach, was der Stein NICHT kann. Sonst bräuchte man die Frage ja gar nicht zu stellen.

Für mache Vertreter der Natursteinbranche ist solch eine nüchterne Betrachtungsweise ein Sakrileg: Stein kann alles, postulieren sie, und Stein sieht immer gut aus.

Dazu wollen wir hier nur anmerken: weder in der Glas-, noch der Stahl-, noch irgendeiner anderen Branche käme jemand auf die Idee, so etwas von dem eigenen Material zu behaupten.

Lampe „Arco“ der Brüder Achille und Pier Castiglioni.

Schauen wir uns einen Klassiker des Produktdesigns mit Naturstein an, die Lampe „Arco“ der Brüder Achille Castiglioni (1918-2002) und Pier Castiglioni (1913-1968): auch sie nutzt das Gewicht das Steins, um dem weit geschwungenen Arm mit wenig Masse ein großes Gegengewicht zu geben. Die Form des Fußes ist denkbar einfach, so dass auch hier der Carrara-Marmor schön zur Wirkung kommt.

Jedoch handelten sich die beiden Castiglionis mit diesem Design ein Problem ein: der Fuß hat fast einem Zentner Gewicht (43 kg) und lässt sich folglich nicht mehr ohne Weiteres verschieben. Sie fanden eine großartige Lösung: durch den oberen Teil des Marmors ist ein Loch gebohrt, durch das man einen Besenstiel stecken kann – so können etwa beim Putzen der Wohnung 2 Personen die Lampe leicht hin- und herrücken.

Das Lampendesign aus dem Jahr 1962 war und ist so überzeugend, dass es den Gegenstand noch heute in unendlichen Variationen gibt, sowohl was die Form als auch was das Material betrifft.

„Form Follows Function“ also, Material und Form müssen zusammengehen, damit ein alltagstaugliches Objekt herauskommt.

Leider ist das in der Steinbranche meist nicht der Fall: es werden Objekte geschaffen, die als vorrangiges Ziel haben, möglichst viel Stein zu verbrauchen. In der Folge sind sie schwer, unhandlich und unverkäuflich.

Wir zeigen ein paar Beispiele ohne die Urheber zu nennen:

Design-Unsinn.Design-Unsinn.

Woran aber liegt es, dass, zum Beispiel in Wettbewerben, so viele Studenten und sogar professionelle Designer am Naturstein scheitern?

Die Schuld liegt, das mag überraschen, bei den Auftraggebern, also bei den Kuratoren der Messen oder bei den Firmen, die die Wettbewerbe ins Leben rufen: sie fordern die Teilnehmer nicht dazu auf, den Stein so einzusetzen, dass er die Funktion möglichst unterstützt, sondern wünschen sich (zumindest unausgesprochen), dass für das Objekt möglichst viel Stein verwendet werden möge.

Wir verweisen an dieser Stelle noch einmal auf unsere Bemerkung von oben, dass manche Leute aus der Steinbranche behaupten, dass ihr Material alles könne und immer gut aussehe.

Das heißt in der Konsequenz auch: der Kurator oder Auftraggeber darf den Teilnehmern keinen Steinblock vorsetzen, auf dass sie daraus ihr Objekt kreieren. Wenn er es doch tut, arbeiten die Teilnehmer sofort wie Bildhauer. Das Resultat ist, wir haben es bereits gesagt: unverkäuflich – ein Fehlschlag also.

Die Frage an den Designer muss immer sein, warum er eigentlich Stein verwenden will, inwieweit das der Funktion dient.

Die Lösung aus diesem Dilemma findet man auf Möbel- oder Einrichtungsmessen: hier verfolgen die Kreativen und ihre Auftraggeber nicht ein Design AUS Stein, sondern nur ein Design MIT Stein. Wir zeigen ein paar Beispiele und werden diesen Aspekt in einem späteren Teil unserer Serie ausführlich behandeln.

Funktional und deshalb verkäuflich: Tisch der italienischen Firma Bamax.Stein und Schönheit: Spiegel der italienischen Firma JCP, Designstudio CTRLZAK.

In der nächsten Folge geht es um materialgerechtes Design. Die zentrale Frage lautet hier: Was kann der Stein? Eine der Materialeigenschaften, um die es gehen wird, hatten wir bereits in den erfolgreichen Beispielen oben angesprochen: Stein kann schwer, sozusagen.

(28.05.2021)