Peter’s Corner: der Marmomac Icon Award des Jahres 2021, die in Stein vergrößerte Plastik-Tischlampe „Teddy Boy“, ist eine Katastrophe für die ganze Branche

Marmomac Icon Award 2021: „Teddy Boy“. Foto: Effezeta Group

Was eigentlich ist das Bild, das die Messe Marmomac von Naturstein hat?

Diese Frage muss man ernsthaft stellen angesichts des Icon Awards des Jahres 2021. Ausgewählt wurde der „Teddy Boy“. Es handelt sich um die auf etwa 1 m Höhe vergrößerte steinerne Kopie jener Tischlampe des Designers Stefano Giovannoni, im Original 32 cm hoch und aus durchscheinendem Plastik mit eingebauter LED-Beleuchtung.

Das mit dem Icon-Award prämierte Stein-Objekt wird im Jahr 2022 für die Eigenwerbung der Marmomac verwendet, ist also weltweit zu sehen und trägt damit wesentlich dazu bei, wie die Natursteinbranche verstanden wird.

Wollte die Marmomac etwa unter Beweis stellen, dass auch die Steinfirmen das Kopieren beherrschen, so wie es die Keramikindustrie schon seit Jahren mit den echten Marmoren, Graniten und anderen Sorten macht?

Natürlich nicht.

Überhaupt. Objekte in anderen Materialien zu kopieren steht ja eher für Einfallslosigkeit.

Design-Unsinn.

Man denke nur an die großtuerischen Nachahmungen von ganzen Autos oder Motorrädern, die ehemals große Attraktionen auf den Steinmessen waren und die man glücklicherweise zuletzt nur noch selten sah.

Design-Unsinn.

Denn es waren und sind nur lächerliche Objekte, die weder mit Kunst noch mit Design etwas zu tun haben und mit denen sich eine Messe wie die Marmomac – natürlich – nie geschmückt hat.

Wir erinnern: das „Made in Italy” und die „Italian Excellence”, die die Messe in Verona ja immer im Fokus hatte, wollten immer das weltweite Spitzenniveau sowohl von Können in der Verarbeitung als auch von Stil und Eleganz zeigen.

Und jetzt der Teddy Boy in Stein?

Dieses verunglückte Objekt verwundert uns umso mehr, als die Testi Group es produzierte.

Testi Group, Pongratz Perbellini Architects: „Breeze“ aus der Kollektion „Hyperwave“.

Jene Testi Group nämlich, die in der Vergangenheit zum Beispiel in Kooperation mit den Architekten von Pongratz Perbellini mit ihren „Hyperwave”-Strukturen wichtige Marksteine für die Entwicklung der Steinbranche gesetzt hatte.

Einschub hier: die Messegesellschaft wird spätestens an dieser Stelle anmerken, dass der Icon Award dieses Jahres ja nicht von ihr kam, sondern von Besuchern auf der Messe und auf Instagram ausgewählt wurde.

Dem entgegnen wir: die Stationen für die Stimmabgabe auf dem Messegelände hatten wir selber gar nicht gefunden. Und, unter uns gesagt: ein erfahrener Veranstalter hat das gewünschte Ergebnis schon in der Tasche, bevor er die Gäste abstimmen lässt…

Deshalb nehmen wir den Teddy Boy ja auch so ernst.

Wir sehen ihn als Höhepunkt einer fatalen Entwicklung, die die Marmomac kennzeichnet: sie zeigt Natursteine nicht als wertvolle Materialien, die man im Alltag nutzen kann und die diesen Alltag aufwerten.

Sie zeigt sie wie Plastik, der für einen Moment als Spielzeug dient und dann schon wieder weggeworfen wird.

Diese Sichtweise hat in den letzten Jahren mit der Schau Brand&Stone, kuratiert von Giorgio Canale nach einem Konzept von Danilo di Michele, im eigentlich lobenswerten Italian Stone Theatre beinahe überhand genommen.

Der Teddy Boy als Icon Award, wie er nun für die 3. Ausgabe von Brand&Stone produziert worden war, ist nur der konsequente Endpunkt dieses verhängnisvollen Weges. Wir wiederholen: verhängnisvoll.

Denn: Wie mag ein Architekt oder Designer irgendwo auf der Welt reagieren, wenn er die ihm wohlbekannte Tischlampe Teddy Boy nun in Stein sieht (die im Original aus Polyethylen besteht und um die 129 € kostet, von der es auch ein Teddy Girl (169 €) und eine Variante mit Metallüberzug (300 €) gibt))?

Führt ihm der Klotz die Kreativität der Steinbranche vor Augen? Erfährt er, was man mit Stein alles machen kann? Wird ihm die Wertigkeit bewusst, die das Material Naturstein kennzeichnet?

Wir befürchten: nein.

Wahrscheinlich dreht sich ein erfolgreicher Architekt und Designer nur kopfschüttelnd weg und hin zu den Engineered Stones oder den Keramikmaterialien, die ihm praktikable und schöne Designobjekte oder Ideen für Küchen und Bäder präsentieren.

Schauen wir zurück auf 2 der Icon Awards der letzten Jahre:

Icon Award 2019: „Gerico” (Designer Lorenzo Palmeri, produziert von Vicentina Marmi in Zusammenarbeit mit Donatoni Macchine).Icon Award 2019: „Gerico” (Designer Lorenzo Palmeri, produziert von Vicentina Marmi in Zusammenarbeit mit Donatoni Macchine).

* 2019 wurden die Klangplatten „Gerico” (Designer Lorenzo Palmeri, produziert von Vicentina Marmi in Zusammenarbeit mit Donatoni Macchine) prämiert. Die Installation zeigte, dass Stein auch „eine Stimme” haben kann, wenn man ihn mit einem Hammer anschlägt, wie es in der Beschreibung hieß. Das war experimentell;

Icon Award 2019: „Panca Play” des Designers Denis Santachiara (Firma Costa Paolo).

Icon Award 2019: „Panca Play” des Designers Denis Santachiara (Firma Costa Paolo).

* im Jahr 2016 hatte „Panca Play” des Designers Denis Santachiara (Firma Costa Paolo) den Preis gewonnen. Man sah ein winziges Handy, dessen Botschaften von einem riesigem Marmorrohr als Verstärker in die Welt hinausposaunt wurden.
Zugegeben: das war auch nicht wirklich Produktdesign, also ein im Alltag benutzbares Objekt. Aber es war Kunst, nämlich witzig, mit Spott auf die Entwicklung der Welt blickend und vielleicht sogar mit Selbstironie auf die Steinbranche.

Nun ja. Vielleicht hält ja dieser Icon Award ja auch der Marmomac einen Spiegel vor.

Fotos: Marmomac / Peter Becker

(29.11.2021)