Die Ausgrabungen des Tempels A auf dem ehemaligen Marsfeld in Rom zeigen, wie nachhaltiges Bauen schon von den Alten Römern praktiziert wurde – wenn auch nicht aus ökologischen Gründen

Der Tempel A heutzutage. Foto: Mac9 / <a href="https://commons.wikimedia.org/"target="_blank">Wikimedia Commons</a>, <a href=" https://en.wikipedia.org/wiki/Creative_Commons_license"target="_blank">Creative Commons License</a>

Recycling auch von Baumaterial war auch im antiken Rom ein wichtiges Thema, dies jedoch nicht aus ökologischem Antrieb. Die Vielfalt der Überlegungen der alten Bauherren und ihre Methoden erforscht Stephan Zink, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Institut für Archäologie. In einem Text in der Zeitschrift „Archäologie Weltweit“ (1/2021) beschreibt er sie am Beispiel des Tempels A am südlichen Marsfeld im Alten Rom.

Um 100 v. Chr wurde dieser Tempel rundum erneuert. Er ist einer der ältesten Sakralbauten des Marsfeldes. Welchem Gott er ehemals geweiht war, weiß man nicht, deshalb trägt er mit 3 weiteren Tempeln auf dem Gelände (heute: Largo Argentina) bei den Archäologen weltweit die Bezeichnungen von A bis D.

Für die Erneuerung wurden große Teiles des Vorgängerbaus entfernt, wie Stephan Zink schreibt. Hierbei kam es zu Downcycling: viele der steinernen Elemente wurden in tragbare Brocken zerschlagen und zum Auffüllen der neuen Fundamentgruben genutzt.

Das ist erfreulich für die Archäologen von heute, finden sie doch dadurch Zeugnisse vom Vorgängerbau.

Teilweise wurden die Bruchstücke aus den Bauarbeiten auch zu Schotter verarbeitet und dem römischen Beton (opus caementicium) für den neuen Tempel beigemischt.

Es gab damals 2 Gründe für dieses Recycling: zum ging es darum, Kosten für Baumaterial zu vermeiden, zum andern wäre ein Abtransport auf eine Müllkippe viel zu teuer gewesen. Denn Transportmöglichkeiten und -kapazitäten waren in der Antike und danach knapp, dies insbesondere durch die engen Straßen der Großstadt Rom.

Am Tempel A aber gab es auch das eigentliche Recycling, also eine Wiederverwendung von Material in ähnlicher Funktion wie zuvor. Der Neubau sollte nämlich als Zugang eine monumentale Treppe bekommen, und dafür verwendete man die Stufen des alten Gebäudes, die zuvor mit aller Sorgfalt gesichert worden waren.

Und nicht nur die Treppenstufen bekamen ihre alte Funktion wieder. In den Neubau wurde gleich die ganze Cella des alten Tempels integriert, also sein Innenraum.

Stefan Zink vermutet, dass hinter diesem Aspekt des Recyclings nicht nur Kostendenken stand. „Die Treppenstufen und die Cella waren fast schon eine Art von Reliquien“, schreibt er, „sie waren sozusagen sakral aufgeladen und sollten daher über die Zeiten hinweg bewahrt werden, selbst wenn das Baumaterial eigentlich mittlerweile schon nicht mehr ‚state of the art‘ war.“

Ähnliches wiederholte sich im Jahr 80 n. Chr, als der Tempel bei einem verheerenden Großbrand schwer beschädigt wurde.

Foto: Jastrow / <a href="https://commons.wikimedia.org/"target="_blank">Wikimedia Commons</a>, <a href=" https://en.wikipedia.org/wiki/Creative_Commons_license"target="_blank">Creative Commons License</a>

Beim Wiederaufbau von Tempel A ließ der Architekt auch diesmal möglichst viel der alten Substanz stehen. Nur wenn eine der alten Säulen aus Tuff nicht mehr statisch sicher war, ersetzte er sie durch eine neue aus Travertin – die aber war gar nicht neu, sondern hatte schon in einem anderen Bau ihre Dienste getan.

Allerdings: der Brand hatte große Zerstörung mit sich gebracht, und so lag nun in der Gegend am Tempel eine Schuttschicht von etwa einem Meter auf dem Boden. Die konnte man, siehe oben, nicht einfach wegschaffen.

So erfolgte der Neubau auf dem neuen Niveau.

Damit aber waren die alten Säulen, die ja im Schutt standen, auf einmal zu kurz für die gewünschte Höhe. Die Lösung, die die römischen Bauherren fanden, bezeichnet Stephan Zink als „an Pragmatismus und Effizienz kaum zu übertreffen“: die Bauleute setzten oben auf die alten Tuffsäulen einfach Verlängerungen aus Travertin.

Damit davon aber nichts zu sehen war, gaben sie der Säule unten auf Bodenniveau eine Fake-Basis aus Ziegeln und Stuck und bis nach oben eine Verkleidung aus Stuck. In den Stuck mischten sie Marmormehl, so dass die (verkleidete) neue Säule scheinbar ganz aus Stein bestand.

Stefan Zink warnt, sich darüber nur lustig zu machen. Denn die Fake-Säule verlangte von den Bauleuten einiges an handwerklichem Können und auch an technischem Wissen um die Besonderheiten der unterschiedlichen Materialien.

Er folgert: auch wenn zu Zeiten der alten Römer die Umstände andere waren als heute, zeigt das Beispiel von Tempel A, dass Nachhaltigkeit beim Bauen erfolgreich sein kann.

Archäologie Weltweit, 1/2021

See also:

(20.12.2021)