Spuren von Sonneneruptionen in Sedimenten unter alten Städten sind Chroniken des Handels vor Hunderten von Jahren

Das wikingerzeitliche Ribe, Dänemark, hat eine äußerst detaillierte Stratigraphie in Hausböden, Werkstätten und Abfallablagerungen aus der Zeit von ca. 700 bis ca. 900 n. Chr. In den Schichten neben der Hand des Archäologen wurde das Miyake-Ereignis von 775 n. Chr. durch Radiokohlenstoffdatierung nachgewiesen.

Forscher haben Verbindungen der Vikinger zu Regionen im nordatlantischen Norwegen, im fränkischen Westeuropa und sogar im Nahen Osten genauer datiert

Mobilität hat die Welt der Menschen lange vor der Neuzeit tiefgreifend geprägt. Doch Archäologen tun sich oft schwer, eine Zeitleiste für das Tempo und die Auswirkungen dieser Mobilität zu erstellen. Ein interdisziplinäres Forscherteam des Centre for Urban Network Evolutions (Zentrum für die Entwicklung städtischer Netzwerke) an der Universität Aarhus (UrbNet) hat nun einen Durchbruch erzielt, indem es astronomische Erkenntnisse über die Aktivität der Sonne nutzte, um einen genauen Zeitanker für die globalen Netzwerke im Jahr 775 n. Chr. zu setzen.

In Zusammenarbeit mit dem Museum von Südwestjütland im Rahmen des Northern Emporium Project hat das Team eine große Ausgrabung in Ribe durchgeführt, einer der wichtigsten Handelsstädte des wikingerzeitlichen Skandinaviens, an der Nordseeküste gelegen. Dabei konnten sie die Entstehung des Handslsnetzes der Vikingerzeit mit Verbindungen ins nordatlantische Norwegen, fränkische Westeuropa und den Nahen Osten nachzeichnen.

Um eine Chronologie dieser Ereignisse zu erhalten, hat das Team Pionierarbeit bei der Anwendung der Radiokarbondatierung geleistet: Die Wissenschaftler konnten in einer Bodenschicht ein Miyake-Ereignis aus dem Jahr 775 n. Chr. nachweisen. So bezeichnet man extreme Sonneneruptionen, die Partikelstürme nach sich ziehen.

Eine Auswahl importierter Glasperlen aus dem späten achten und frühen neunten Jahrhundert n. Chr., gefunden in Ribe. Wie die neue Studie zeigt, wurde die lokale Glasperlenproduktion um 790 n. Chr. weitgehend durch Fernimporte ersetzt.

Das Ereignis war aus Baumringen schon bekannt und konnte nun auch in den Sedimenten unter Ribe nachgewiesen worden. Das ermöglichte es dem Team, die gesamte Schichtenfolge und 140 Radiokohlenstoffdaten um dieses eine Jahr herum zu verankern.

„Dieses Ergebnis zeigt, dass die Ausdehnung der afro-eurasischen Handelsnetze, die durch die Ankunft einer großen Anzahl von Perlen aus dem Nahen Osten gekennzeichnet war, in Ribe genau auf das Jahr 790±10 n. Chr. datiert werden kann – was mit dem Beginn der Wikingerzeit zusammenfällt. Die Einfuhren per Schiff aus Norwegen trafen jedoch bereits um 750 n. Chr. ein“, sagt Professor Søren Sindbæk, der Mitglied des Teams ist.

Diese bahnbrechende Erkenntnis stellt eine der am weitesten verbreiteten Erklärungen für die maritime Expansion in der Wikingerzeit in Frage – dass nämlich die skandinavische Seefahrt als Reaktion auf den zunehmenden Handel mit dem Nahen Osten über Russland in Gang kam: Maritime Netzwerke und Fernhandel waren bereits Jahrzehnte vor den Impulsen aus dem Nahen Osten etabliert, die dann jedoch zu einem Ausbau dieser Netze führten.

Die Verbreitung von Münzen, Handelsperlen und anderen exotischen Artefakten liefert archäologische Beweise für die Handelsverbindungen, die sich von Südostasien und Afrika bis nach Sibirien und in die nördlichsten Ecken Skandinaviens erstreckten. Im Norden markieren sie den Beginn der maritimen Abenteuer, die die Zeit der Wikinger prägen. Forscher vermuten sogar, dass die Ankunft von Silber und anderen wertvollen Gegenständen über Osteuropa der Auslöser für die ersten Wikingerexpeditionen war.

Ab etwa 790 kam es dann zu den berühmten Überfällen, die Westeuropa erschütterten und die das Bild der Wikinger noch heute prägen.

Quelle: Universität Aarhus

Bericht in Nature

Fotos: The Museum of Southwest Jutland

Im Rahmen der Forschungen wurden Teile der Hauptstraße in Ribe und ein Grundstück mit Häusern und Werkstätten ausgegraben.

(11.01.2022)