EU-Taxonomie: künftig soll es für alle (Bau-)Projekte, Produkte und Dienstleistungen exakte Beschreibungen über ihre Nachhaltigkeit geben

Auch im Bereich der Gebäude will die EU-Kommission zu einer Null-Carbon-Strategie kommen.

Die Kommission in Brüssel setzt bei der Finanzbranche an, um den Umbau der europäischen Wirtschaft zu Klimaneutralität auf den Weg zu bringen

Die EU-Kommission macht ernst mit ihrer Klimapolitik: zum 01. Januar 2022 wurde der 1. Schritt der so genannten Taxonomie in Kraft gesetzt. Gemeint ist damit, dass künftig anhand von exakten Kriterien die Nachhaltigkeit jedes Vorhabens beschrieben werden soll – es wird Vergleichbarkeit anhand von Fakten geschaffen, und davon soll sich jeder (Ein-)Käufer leiten lassen, angefangen vom Bürger bis hin zu großen Konzernen.

Die Taxonomie ist ein zentraler Schritt in der Umsetzung des „European Green Deals“.

Für die Bauwirtschaft, und damit auch für die Natursteinbranche, wird die Taxonomie von besonderer Wichtigkeit sein. Wobei, das wollen wir hier schon mal verraten, Naturstein gut aufgestellt ist.

Der Reihe nach.

Was am aktuellen Stand der Dinge überrascht, ist, dass die neuen Regelungen zunächst nur für die Finanzbranche gelten (und bis 2023 freiwillig). Sie besagen: Große Banken, Finanzdienstleister, Versicherungen oder Fonds, um nur einige zu nennen, müssen künftig jährliche Nachhaltigkeitsbilanzen erstellen (vergleichbar ihren bisherigen Berichten über Corporate Social Responsibility, CSR).

Unter Punkt 18 der Regelungen zur Taxonomie wird das etwas verschwurbelt umrissen: „Fondsverwalter und institutionelle Anleger, die Finanzprodukte anbieten, (sollen) offenlegen, auf welche Weise und in welchem Umfang sie die Kriterien für ökologisch nachhaltige Wirtschaftstätigkeiten anwenden.“

Im Klartext heißt das: Finanzfirmen müssen benennen, wieviel aus ihren Umsätzen aus ökologisch nachhaltigen Aktivitäten stammt. Ein Beispiel: gibt die Bank einem Investor Geld für einen Neubau, muss sie überprüfen, wie es um die Nachhaltigkeit des Gebäudes steht, also Informationen über die Ökobilanzen der verwendeten Baustoffe oder den Energieverbrauch des Gebäudes im Betrieb einholen, und das in ihrem Bericht darlegen.

Damit ist klar, weshalb die Kommission vorrangig die Finanzbranche in den Blick nimmt und von ihr Nachhaltigkeitsberichte verlangt: Investoren sollen den Druck zur Nachhaltigkeit an die Baufirmen weitergeben, und diese an ihre Lieferanten.

Dabei soll die Öffentlichkeit als Kontrolleur im Hintergrund bereitstehen, fügen wir hinzu: die Erfahrungen zum Beispiel aus Aktionärsversammlungen zeigen, wie Kleinanleger zusammen mit der Presse Druck machen und Themen gebetsmühlenartig vorantreiben können.

Tatsächlich kommt der Finanzbranche eine Schlüsselrolle beim Umbau der Wirtschaft zu: die Kommission schätzt die notwendigen jährlichen Investitionen auf mehrere hundert Milliarden €. Ausdrückliches Ziel ist, dass auch private Gelder dafür bereitgestellt werden.

Zur Erinnerung: so wie um 1830 aus den ehemaligen Agrargesellschaften Industrienationen wurden – Stichworte sind Eisenbahn, Kohle und die Dampfmaschine, später Öl -, so soll dieses bisherige Wirtschaftsmodell nun in Richtung Klimaneutraliät herumgewuchtet werden.

Schlüsselbegriffe sind künftig „grüne“ Energien (Wind, Sonne, Wasserkraft…) und Null CO2-Freisetzung. Letzteres heißt, dass alles Klimagas, das irgendwo zum Beispiel bei einem industriellen Verbrennungsprozess aus dem Schornstein steigt, woanders in einem anderen Prozess der Atmosphäre wieder entzogen wird.

Ein weiterer Schlüsselbegriff ist Kreislaufwirtschaft, sprich: Wiederverwendung und geschlossene Rohstoffkreisläufe.

Ein zentraler Bestandteil der Taxonomie sind die technischen Bewertungskriterien. Sie befinden sich größtenteils noch in der Ausarbeitung.

Die Natursteinbranche ist hier schon sehr gut aufgestellt: es gibt Ökobilanzen der deutschen und finnischen Verbände zu ihren Materialien, und die Mitglieder des schwedischen Verbands haben sich kürzlich Klimaneutralität bis 2029 als Ziel gesetzt. In Frankreich gibt es eine Ökobilanz für Grabsteine. Auch einzelne Firmen haben schön Ökobilanzen für ihre Produkte erstellt.

Bildlich gesprochen: diese Firmen haben die Antworten schon parat, bevor seitens der Auftraggeber die entsprechenden Fragen gestellt wurden.

Um das riesengroße Thema des Umbaus der Wirtschaft überhaupt in Aktendeckel zu bändigen, hat die Kommission 6 zentrale Kategorien geschaffen.

Die Taxonomie soll benennen, was jedes Vorhaben bedeutet im Blick auf
* die Eindämmung des Klimawandels,
* die Anpassung an den Klimawandel,
* die Nachhaltige Nutzung und Schutz von Wasser- und Meeresressourcen,
* den Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft,
* die Vermeidung und Verminderung der Umweltverschmutzung,
* die Schutz und Wiederherstellung der Ökosysteme Biodiversität und der Ökosysteme.

Zentrale Bedeutung hat dabei die DNSH-Prüfung (Do No Significant Harm): nicht nur soll ein Vorhaben bezüglich einer dieser Kategorien betrachtet werden, sondern bezüglich aller. „Greenwashing“ darf nicht möglich sein, so das Ziel der Kommission.

Ein aktuelles Beispiel ist der Streit zwischen EU-Mitgliedsländern, ob die Atomkraft in der Taxonomie als nachhaltig eingestuft werden soll: Die einen verweisen darauf, dass bei der Erzeugung solchen Stroms kein CO2 freigesetzt wird, die anderen setzten dem entgegen, dass die Abfallstoffe extrem giftig und langlebig sind und insofern die Ökosysteme bedrohen.

Schließlich: die Kommission betont bei jeder Gelegenheit, dass die Taxonomie „von zentraler Bedeutung (ist) für die Sicherung der langfristigen Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft“, wie es in den Regelungen heißt. Gemeint ist damit: Da auch die beiden anderen wirtschaftlichen Superschwergewichte, China und die USA, das Thema Klimaschutz auf der Agenda haben, will man in Brüssel bei den entsprechenden Technologien und Produkten der Konkurrenz einen Schritt voraus sein.

Wir haben Reiner Krug vom Deutschen Naturwerkstein-Verband (DNV) um einen Kommentar gebeten. Er benennt noch eine weitere Stärke der deutschen Branche im Hinblick auf die Taxonomie: „Natursteinfirmen hierzulande sind mittelständisch geprägt, das heißt vom Steinbruch bis zur Verarbeitung ist alles in einer Hand. Sie genießen deshalb bei Auftraggebern hohe Glaubwürdigkeit, wenn es um die Nachhaltigkeit geht.“

Übrigens: Bei den Regelungen zur Taxonomie spielen auch soziale Aspekte in der Produktion eine Rolle. Das bedeutet, dass künftig Lieferländer, die sich Vorwürfen bezüglich Kinderarbeit oder Kritik an ihren Arbeitsbedingungen gegenübersehen, ihre Produkte kaum mehr auf dem Markt der EU platzieren können.

Die Regelungen zur Taxonomie in allen Sprachen der EU Mitgliedsländer

(07.02.2022)