Von einem lustigen Fall von studentischem Übermut mit Steinen auf der Straße wird auf einem Wandbild im Karzer der Heidelberger Uni berichtet

Dokument studentischen Übermuts im historischen Karzer der Universität Heidelberg. Quelle: Objektdatenbank heidICON, Lizenz CC BY-NC-SA 4.0.

Pflaster auf den Gehwegen waren – manchmal nur im Spaß und manchmal im Ernst – immer auch ein Mittel für die Auseinandersetzung mit der Obrigkeit

Die Wandmalereien und Graffiti im ehemaligen Karzer Heidelberger Universität sind seit kurzem in einem Online-Portal mit 2000 Bildern digital zugänglich. Die meisten von ihnen stammen aus dem 19. Jahrhundert, als es unter Studenten geradezu schick war, für ein gerne selbst inszeniertes Vergehen in dem Uniknast eingesessen zu haben.

Wir konnten natürlich der Versuchung nicht widerstehen, in der Datenbank das Suchwort „Steine“ einzugeben und entdeckten eine Malerei, die das uralte Spannungsfeld zwischen den Steinen auf der Straße und der Obrigkeit dokumentiert.

Es handelt sich um die Inschrift auf dem Bild oben, das aus Raum 24 des Karzers stammt. Die gesamte Anlage, die übrigens besucht werden kann, zieht sich über 3 Stockwerke und umfasst 5 Arrestzellen und Treppenhaus.

Der Text kündet von einer Tat der Studenten, ausgeführt vermutlich unter reichlich Alkoholeinfluss: Sie hätten 5 Bausteine auf der Straße gefunden, heißt es in dem Text, und diese, wie sich das für „ehrliche Leute“ gehöre, als Fundsache bei der Polizei abgegeben – „indem wir sie mit der Bezeichnung ‚Fundobjekt‘ in die Wachtstube warfen“.

Dafür gebühre ihnen statt des Arrests in Wirklichkeit der Titel „Märtyrer unserer Ehrlichkeit!“ ist als Schlussfolgerung der jungen Leute zu lesen.

Der Fall hat uns an die 1980er Jahre erinnert, als zum Höhepunkt der Hausbesetzerzeit etwa in Berlin die Gewalt schon eskaliert war und die „Deeskalation“ als Leitlinie der Ordnungshüter noch nicht erfunden war. Damals rissen Demonstranten das Kleinpflaster aus dunklem Basalt oder hellem Kalkstein aus den Gehwegen und bewarfen damit die Polizei.

Ein Cartoon in einem Stadtmagazin machte daraus einen Spaß: das Bild zeigte ein aufgerissenes Gehwegpflaster, auf dem zwei Steine nahe beieinander lagen. Der eine lud den anderen gerade zum Rendez-vous: „Hast Du heute Abend schon etwas vor?“ Der 2. Stein lehnte ab: „Ich muss noch zur Bank.“

Zurück zum Karzer der Uni Heidelberg: „Der Studentenkarzer befindet sich in der Augustinergasse auf der Rückseite der Alten Universität. Das Gebäude wurde 1786 von der Universität erworben. Im Laufe des 19. Jahrhunderts erfolgte nach und nach der Umbau zum Karzer. Mehr als 100 Jahre lang wurden Studenten dort unter Anwendung der akademischen Gerichtsbarkeit für Delikte wie nächtliche Ruhestörung oder andere Verstöße gegen die öffentliche und universitäre Ordnung festgesetzt,“ heißt es in einer Beschreibung.

Der amerikanische Schriftsteller Mark Twain besuchte den Karzer 1878 und war verblüfft über die Vielfalt der Malereien oder Ritzungen an den Wänden: „Ich glaube nicht, dass ich jemals in üppiger mit Fresken geschmückten Räumen war.“

Datenbank Studentenkarzer

Karzer-Webpage der Uni Heidelberg

(08.02.2022)