Die Restaurierung von Michelangelos unvollendetem Meisterwerk Pietà Bandini bestätigte alte Quellen, wonach Probleme mit dem Marmor den Abbruch der Arbeiten bewirkten

Restaurierung von Michelangelos unvollendetem Meisterwerk Pietà Bandini. Fotos: Opera del Duomo MuseumDie Pietà Bandini. Foto: <a href="https://commons.wikimedia.org/"target="_blank">Wikimedia Commons</a>, <a href=" https://en.wikipedia.org/wiki/Creative_Commons_license"target="_blank">Creative Commons License</a>

Der 2,7-Tonnen Block aus den Brüchen von Seravezza hatte Mikrorisse und „Unreinheiten“, so dass sogar die Meißel „Funken schlugen“

In Florenz im Museo dell‘Opera del Duomo wurde die Restaurierung von Michelangelos Meisterwerk Pietà Bandini abgeschlossen. Noch bis zum 31. März 2022 ist die Skulptur mit 4 Figuren, von denen eine das Gesicht des über 70-jährigen Meisters zeigt, von einer Plattform aus zu sehen, von der die Spezialisten seit November 2019 mit Unterbrechungen durch die Corona-Pandemie gearbeitet hatten. Parallel zu der Säuberung wurde die Skulptur aus weißem Marmor erstmals einer genauen Materialanalyse unterzogen, die einige Überraschungen hervorbrachte.

Finanziert wurde die Restaurierung von der gemeinnützigen US-Gesellschaft „Friends of Florence“ unter der Oberaufsicht der Soprintendenza ABAP als Vertretung der Stadt und der Provinz.

Michelangelo hatte zwischen 1547 und 1555 an dem Block mit 2,25 m Höhe und 2,7 t Gewicht gearbeitet. Bekannt ist, dass er sie für seine eigene Grabstätte in einer römischen Kirche entwarf und dass er nur nachts oder an freien Tagen Zeit für sie fand. Denn sein Geld verdiente er ab 1547 am Petersdom, wo er die Bauleitung übernommen hatte.

Jedoch: er stellte diese Pietà (von insgesamt 3) nie fertig, auch wenn danach noch andere Werke folgten.

Die genaue Analyse ergab nun, dass tatsächlich das Material die Ursache für das vorzeitige Ende an den Pietà-Arbeiten war.

Damit wurden die Aussagen in Giorgio Vasaris Schrift von 1550 (englischer Titel „Lives of the Most Excellent Painters, Sculptors, and Architects“) bestätigt. Der spätere Biograph von Michelangelo hatte davon berichtet, das der Marmorblock „hart“ und „voller Unreinheiten“ sei, so dass der Meißel „Funken schlug“.

Im Fall der Funken handelte es sich um Einschlüsse von Pyrit, ergab jetzt die Untersuchung.

Im Rahmen der Analyse konnten auch zahlreiche Mikrorisse in der Skulptur identifziert werden.

Wahrscheinlich war es bei der Arbeit am linken Arm von Christus und am Arm der Maria, dass Michelangelo resignierte und das Projekt aufgab.

Restaurierung von Michelangelos unvollendetem Meisterwerk Pietà Bandini.

Nicht bestätigt hingegen wurde, dass er im Zorn das unfertige Werk mit dem Hammer zerstören wollte. Allerdings: um 1565, ein Jahr nach Michelangelos Tod, legte sein Mitarbeiter Tiberio Calcagni noch einmal Hand an und brachte das Werk in den heutigen Zustand – vielleicht hat er die Spuren des Meisterzorns beseitigt.

Eine kleine Sensation ergab die Analyse im Blick auf Italiens Marmorwirtschaft zu der damaligen Zeit. Wir erinnern uns: seit Cäsar sich in Ägypten von den dortigen Natursteintempeln und -skulpturen hatte inspirieren lassen und Kaiser Augustus nach griechischem Vorbild den weißen Marmor zum Ausdruck von höchstem Stil gemacht hatte, gab es für den Naturstein vor allen aus Carrara einen enormen Nachfrageboom.

Der Marmor der Pietà Bandini aber stammt aus Seravezza, wenige Kilometer von Carrara entfernt, zeigte sich nun.

Die Erklärung dafür hat mit Wirtschaftspolitik zu tun: das Tal von Seravezza mit seinen – inzwischen ebenfalls berühmten – Marmorbrüchen gehörte zum Herrschaftsbereich der Medici, und deren Oberhaupt zur damaligen Zeit, Giovanni de‘ Medici, hatte Michelangelo angewiesen, diesen Marmor für die Arbeiten zum Beispiel an der Kirche San Lorenzo in Florenz zu verwenden. Bestandteil der Order war auch, dass der Bildhauer einen praktikablen Transport der Blöcke zu organisieren hatte.

Giovanni de‘ Medici wurde übrigens 1513 als Leo X. Papst in Rom zum Papst gewählt und sorgte auch dort für die Verwendung seines Marmors.

Im Rahmen der aktuellen Restaurierung durch Beatrice Agostini (Federführung) und Paola Rosa wurden unter anderem die Staubablagerungen auf der Skulptur sowie Wachsreste oder Reste von einem Gipsabguss entfernt. Details zu den Arbeiten sind in einem Report beschrieben, den wir unten verlinkt haben.

Nun ist der Stein wieder in seiner ursprünglichen Farbe zu sehen. Auch die Plastizität der Skultur zeigt sich im Originalzustand – Michelangelo wusste meisterhaft die inneren Gefühle der Figuren durch die äußere Formgebung auszudrücken. Teile der Figurengruppe sind poliert, Teile nur roh behauen.

Zu sehen ist Christus, der gerade vom Kreuz abgenommen wurde und dessen Leichnam von Maria, Maria Magdalena und Nicodemus gehalten wird. Nicodemus trägt das Gesicht von Michelangelo.

Restaurierung von Michelangelos unvollendetem Meisterwerk Pietà Bandini.

Timothy Verdon, Direktor des Museo dell’Opera del Duomo in Florenz interpretiert in einem Text die Gestaltung: die Züge der männlichen Figur sind „voller Erfahrung und Leid“. Verdon stellt diesen Ausdruck dem jener Pietà im Petersdom gegenüber, die Michelangelo als knapp 25-Jähriger geschaffen hatte. In jener Figurengruppe gibt es nur Maria und Christus, es wird Glorie und Vollendung dargestellt.

In einem Text des Doms wird auch der Name der Pietà Bandini erklärt: Tiberio Calcagni nahm sich nach dem Tod des Meisters das Werk noch einmal vor und verkaufte es danach an Francesco Bandini, einen Bankier und Aristokraten in Rom. Der Preis betrug 200 Scudi, und Bandini ließ die Pietà im Garten seiner Villa aufstellen. Nach zahlreichen weiteren Verkäufen gelangte sie 1674 nach Florenz. Wir haben den Text zum Download verlinkt.

Seit 1981 steht sie dort im Dom-Museum, seit 2015 in einem Raum mit dem Titel „Tribuna di Michelangelo“.

Opera del Duomo Museum mit Videos von der Restaurierung

Friends Of Florence

Download: „Restoring Michelangelo’s Pietà“

Download: „Michelangelo’s Pietà by Timothy Verdon“

Die Pietà von Michelangelo im Petersdom. Foto: Stanislav Traykov / <a href="https://commons.wikimedia.org/"target="_blank">Wikimedia Commons</a>, <a href=" https://en.wikipedia.org/wiki/Creative_Commons_license"target="_blank">Creative Commons License</a>(07.03.2022)