Rätsel gelöst: das Material der 30.000 Jahre alten Venus von Willendorf kam auf einem langen Weg vom Gardasee nach Niederösterreich an die Donau

Denkmal am Fundort der Venus von Willendorf. Foto: SchiDD / <a href="https://commons.wikimedia.org/"target="_blank">Wikimedia Commons</a>, <a href=" https://en.wikipedia.org/wiki/Creative_Commons_license"target="_blank">Creative Commons License</a> Zerstörungsfreie Micro-Computer-Tomographie ermöglichte den Vergleich des Oolith-Kalksteins der Venus mit Proben aus ganz Europa

Die Venus von Willendorf zählt zu den bedeutendsten Kunstwerken der Menschheitsgeschichte. Seit langem rätseln Wissenschaftler darüber, ob sie vielleicht ein Kultobjekt für Fruchtbarkeit war. Genauso rätselhaft war bisher auch die Herkunft des Materials der Venus, die in der Wachau an der Donau in Österreich gefunden worden war. Die Statuette besteht aus Oolith, einem sehr speziellen Kalkstein, der rund um Willendorf nicht vorkommt. Forschungsteams aus Wien fanden nun mit Hilfe hochauflösender tomographischer Aufnahmen heraus, dass das Material der Venus einen weiten Weg hinter sich hat und vom Gardasee stammt.

Die 11 cm hohe Figur wurde im Jahre 1908 bei einer Grabung des Naturhistorischen Museums Wien entdeckt. Sie zeigt eine gesichtslose, erwachsene Frau mit ausgeprägten Brüsten, breiten Hüften sowie einer kunstvollen Frisur oder Kopfbedeckung.

Schon lange war klar, dass die Figur aus Oolith geschnitzt wurde, einem Gestein, das sich aus winzigen Kalkkügelchen zusammensetzt, die im flachen Wasser tropischer Meere entstehen. Normalerwiese wurden solche Objekte aus Elfenbein oder Knochen geschnitzt.

Durch die ungewöhnliche Materialwahl ist die Venus von Willendorf weltweit einzigartig.

Die Original-Venus von Willendorf. Links: Seitenansicht. Rechts oben: halbkugelförmige Hohlräume an der rechten Hüfte und am Bein. Rechts unten: vorhandenes Loch vergrößert, um den Nabel zu bilden. Quelle: Kern, A. & Antl-Weiser, W. Venus. (Edition-Lammerhuber, 2008)

An der Universität Wien wurde die Statue nun erstmals mittels Micro-Computer-Tomographie durchleuchtet. In mehreren Durchgängen wurden Aufnahmen mit bis zu 11,5 Mikrometer Auflösung erzielt, vergleichbar mit Schnitten, die man sonst im Mikroskop betrachtet.

Vergleiche mit Oolith aus ganz Europa ergaben, dass das Material von Willendorf perfekt mit dem aus einem Ort am Gardasee übereinstimmt. „Durch die unterschiedliche Größe der Kalkkügelchen und den unterschiedlichen Anteil an Fossilien ist jeder Stein einzigartig“, so Geologe Dr. Alexander Lukeneder aus dem Forschungsteam.

Vielleicht, das die Menschen damals einfach ihre Kunstwerke mitgenommen haben, wenn sie sich auf Wanderschaft begaben und vorzugsweise entlang der Flüsse weiterzogen.

Doch neben Norditalien ´ist auch ein Oolith-Vorkommen im Donezbecken in der Ukraine möglich. Zwar passt die Zusammensetzung der dortigen Steine nicht so genau wie die italienischen Proben, jedoch gibt es in der Ukraine und in Russland Frauenfiguren, die der Venus von Willendorf erstaunlich ähnlich sind, sowie Gemeinsamkeiten bei den Werkzeugtypen.

Obsidian-Funde aus der Ostslowakei in niederösterreichischen Fundstellen wiederum unterstreichen, dass es zu jener Zeit Kontakte zwischen der Wachau und dem Osten gab. In beiden Fällen weisen die Ergebnisse auf komplexe Kommunikationsnetzwerke der frühen modernen Menschen kurz vor dem Höhepunkt der letzten Eiszeit hin.

Die Tomographie-Daten der Venus zeigen außerdem, dass die Sedimente im Gestein in verschiedenen Dichten und Größen abgelagert sind. Dazwischen befanden sich immer wieder kleine Reste von Muscheln und sechs sehr dichte, größere Körner, sogenannte Limonite. Letzteres erklärt die bisher rätselhaften halbkugelförmigen Vertiefungen an der Oberfläche der Venus mit demselben Durchmesser: „Die harten Limonite sind dem Schöpfer der Venus beim Schnitzen vermutlich herausgebrochen“, erläutert der Anthropologe Gerhard Weber: „Beim Venusnabel hat er dann offenbar aus der Not eine Tugend gemacht.“

Eine weitere Erkenntnis: Der Venus-Oolith ist porös, weil sich die Kerne der Millionen Kügelchen (Ooide), aus denen er besteht, aufgelöst hatten. Damit kann man sehr gut erklären, warum der Bildhauer vor 30.000 Jahren gerade dieses Material ausgesucht hat: es ist leichter zu bearbeiten als Oolith von woanders.

Die Forschungsarbeiten führten die Anthropologen Prof. Dr. Gerhard Weber von der Universität Wien und die beiden Geologen Dr. Alexander Lukeneder und Dr. Mathias Harzhauser sowie die Prähistorikerin Dr. Walpurga Antl-Weiser vom Naturhistorischen Museum Wien aus.

Scientific Reports: The microstructure and the origin of the Venus from Willendorf. Weber, G.W., Lukeneder, A., Harzhauser, M., Mitteroecker, P., Wurm, L., Hollaus. L.-M., Kainz, S., Haack, F., Antl-Weiser, W., Kern, A. 2022.
DOI: https://doi.org/10.1038/s41598-022-06799-z

Smithsonian Magazine

(15.03.2022)