Weltweit älteste Spuren von Rädern und Wagen im Boden auf einem Megalith-Friedhof bei Kiel gefunden

Die beiden dunklen Linien sind die Wagenspuren, die die Forscher in einem der Langbetten (LA3) der Flintbeker Sichel entdeckten. Foto: Dieter Stoltenberg

Die innovative Technologie wurde vielleicht nicht im Nahen Osten entwickelt, wie bisher vermutet

Die weltweit ältesten Spuren von Rädern und Wagen wurden auf einem der größten Megalith-Friedhöfe Europas bei Kiel wurden gefunden: Die Linien im Boden, etwa 3400 Jahre vor unserer Zeitrechnung entstanden, finden sich auf einem Gräberfeld bei Flintbek, auf dem sich dutzende Grabmonumente aus der Jungstein- und Bronzezeit sichelförmig aneinanderreihen.

Dort entdeckten Archäologen die beiden unscheinbaren braunen Linien. Bei genaueren Untersuchungen stellten sie fest, dass die Breite dieser Verfärbungen genau mit der Breite von jungsteinzeitlichen Holzrädern übereinstimmt, wie sie unter anderem in den Mooren Norddeutschlands gefunden worden waren.

So wie auf dem Titelbild der Publikation, das die Arbeiten während des Grabbaus darstellt, könnte der von Rindern gezogene Wagen ausgesehen haben, der die Spuren auf dem Flintbeker Gräberfeld hinterlassen hat. Foto: Susanne Beyer

Weiterhin entsprechen die Abstände der beiden Linien zueinander genau der Achsbreite jungsteinzeitlicher Wagen. Die Forscher sehen darin einen eindeutigen Beweis dafür, dass die Strukturen im Boden durch die die damals neue Nutzung von Rädern und Wagen in der so genannten Flintbeker Sichel entstanden.

Damit findet sich in Flintbek der früheste Nachweis dieser Innovation, die in vielen anderen Regionen Europas und Südwestasiens erst später anzutreffen ist. Die Technologie wurde somit vielleicht nicht im Nahen Osten erfunden, wie bislang angenommen.

Megalith-Friedhof

Bereits vor um etwa 3800 v.u.Z. wurde das das auf Grund seiner Form als Flintbeker Sichel bezeichnete Gebiet für Bestattungen genutzt. Archäologen fanden dort bei Ausgrabungen sieben sogenannte Langbetten, steinzeitliche Großsteingräber, sowie 14 Grabhügel.

Zu dieser Zeit erbauten die Menschen zunächst die Langbetten, die sie durch sukzessive Anbauten kontinuierlich vergrößerten. Während der frühen Phase errichteten sie zudem Grabhügel mit kleinen Steinkammern, sogenannte Dolmen.

Ansicht von Südwesten auf das Langbett Flintbek LA 3. Es besteht aus einer Ansammlung mehrerer Dolmen und Einzelgräber. Im Vordergrund ist ein Einzelgrab zu sehen. Es ist mit einer Bodenpflasterung aus flachen Steinplatten ausgestattet und der Rand besteht aus vielen Steinen, zwischen denen ursprünglich eine zeltartige Holzkonstruktion fußte. Diese spezifische Architektur ist nach einem Fundplatz in Dänemark als Typ Konens Høj benannt. Foto: Dieter Stoltenberg

500 Jahre später, um 3300 v. u. Z., verändert sich die Architektur. Man begann, die Toten in Ganggräbern zu bestatten, großen Steinkammern mit ebenfalls aus Stein gebauten Zugängen, die fortan für viele Jahrhunderte als kollektive Bestattungsorte dienten. Professorin Doris Mischka vermutet, dass hier Familien aus verschiedenen Gebieten jeweils ihren eigenen Begräbnisplatz hatten. Die Flintbeker Sichel wäre somit das rituelle Zentrum für die ganze Region.

Mischka, Doris, 2022. Das Neolithikum in Flintbek. Eine feinchronologische Studie zur Besiedlungsgeschichte anhand von Gräbern. Frühe Monumentalität und soziale Differenzierung 20. Verlag Dr. Rudolf Habelt GmbH (Bonn 2022).

Quelle: Universität Kiel

(17.05.2022)