Ausstellung in der Münchener Glyptothek über Santiago Calatravas bildhauerische Inspirationen in den Skulpturen der Antike

Santiago Calatrava, Aegineten 275 G, 2020, Schmiedeeisen und alte Eiche © Staatliche Antikensammlungen und Glyptothek, fotografiert von Renate Kühling

Im Mittelpunkt der Schau steht die neue Skulpturenserie „Die Aegineten“. Sie ist Endpunkt eines Projekts seit 30 Jahren

Die Ausstellung „Jenseits von Hellas. Santiago Calatrava in der Glyptothek“ bietet einen außergewöhnlichen Dialog zwischen der ständigen Skulpturensammlung der Glyptothek in München und dem renommierten Architekten, Ingenieur und Künstlers Santiago Calatrava. Sie ist bis zum 23. Oktober 2023 zu sehen.

Calatravas Werdegang als Bildhauer verdeutlicht, wie er von der Antike und dem Erbe von „Hellas“ beeinflusst wurde. Als Hellas bezeichneten die alten Griechen ihre Heimat. Namensgeber war Hellen, der Gründervater aller griechischen Stämme.

Santiago Calatrava, Cyclades 122 B (links) und Cyclades 116A (rechts), 2005, Carraramarmor  © Santiago Calatrava

Die Kuratorin Cristina Carrillo de Albornoz erklärt: „Diese Ausstellung vereint die wichtigsten Säulen im Werk von Santiago Calatrava: sein immerwährendes Interesse am menschlichen Körper, seine große Bewunderung für die Antike und das antike Griechenland, seine Arbeiten über dynamische Gleichgewichte und sein Streben nach Modernität durch Bewegung.“

Im Mittelpunkt der Ausstellung steht Calatravas neue Skulpturenserie „Die Aegineten“. Sie ist Endpunkt eines Projekts, das seit 30 Jahren entwickelt wird. Die Serie besteht aus 14 schmiedeeisernen, großformatigen Werken auf Sockeln aus alter Eiche. Die Skulpturen sind so gestaltet, dass sie wie moderne, fast abstrakte Variationen der antiken Krieger des Aphaia-Tempels in Aegina erscheinen. Sie greifen insbesondere den Geist der dynamischen, kreisförmigen Kompositionen der Schilde der antiken Krieger im Tempelgiebel auf, die mit modernem Vokabular aktualisiert wurden.

Santiago Calatrava, Zeichnung 402.5, 1992, Kohle und Wasserfarbe auf Papier  © Santiago CalatravaSterbender Krieger (Laomedon), Ostgiebel des Aphaia-Tempels, um 490 v. Chr., Marmor © Staatliche Antikensammlungen und Glyptothek, fotografiert von Renate Kühling

„Als ich vor den Kriegern des Aphaia-Tempels in der Glyptothek stand, wurde ich Zeuge einer unerwarteten Modernität, die über die Perfektion des Klassizismus hinausgeht“, so Santiago Calatrava. „Während meiner gesamten Laufbahn haben Geschichte und Kultur eine große Rolle in meinem Entwurfsprozess gespielt, was auch in den Aegineten sichtbar wird.“

Vor mehr als drei Jahrzehnten war Calatrava bei einem Besuch in den Staatlichen Antikensammlungen und der Glyptothek von diesen Marmorarbeiten aus dem spätarchaischen Tempel der Aphaia in Aegina begeistert. Die dynamischen Skulpturen (Athena mit Gruppen von Kämpfern, gefallenen Kriegern und Waffen), die sich einst im Ost- und Westgiebel des Tempels befanden, zeigen Szenen aus den Epen der Trojanischen Kriege. Diese Begegnung veranlasste Calatrava dazu, in den letzten 30 Jahren ein kolossales Corpus von Hunderten von Zeichnungen und einzigartigen skulpturalen Werken zu schaffen, denen er den Titel „Aegineten“ gab.

Santiago Calatrava, Steel Leaves 207 A, Stahlskulptur, 2013 © Staatliche Antikensammlungen und Glyptothek München, fotografiert von Renate Kühling

Ergänzt wird diese neue Serie durch eine Auswahl von Leporellos, Aquarellen und Studien, die Calatravas Interesse am menschlichen Körper und an der Natur zeigen, was wiederum seinen Architekturstil seit jeher beeinflusst. Weitere großformatige skulpturale Werke in dieser Ausstellung sind Blatt-Skulpturen aus Stahl und Holz aus Calatravas organischer Periode und eine Auswahl aus seiner Kykladen-Marmorserie, inspiriert von den Skulpturen der gleichnamigen griechischen Inseln.

Diese Werke stehen im Zusammenhang mit dem allgemeinen Thema der griechischen Klassik, einer Epoche, in der die Grundlagen der europäischen Kunst, Philosophie, Gesellschaft und Bildung gelegt wurden, und die auch heute noch für die Kultur Griechenlands von fundamentaler Bedeutung ist.

Santiago Calatrava wurde in der spanischen Stadt Valencia geboren. Er ist Architekt, Bauingenieur, Maler und Bildhauer. Nach seinem Studium des Bauingenieurwesens an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich eröffnete er dort 1981 sein erstes Büro. In Zürich unterhält er auch heute noch seinen Hauptsitz. Weitere Büros befinden sich in New York und Dubai. Zu seinen jüngsten Projekten gehören ein Bürogebäude am Bahnhof Stadelhofen in Zürich mit Parkplätzen für fast 1.000 Fahrräder, die Cosenza-Brücke in Italien, das World Trade Center Transportation Hub in New York, der rekordverdächtige Dubai Tower sowie der Pavillon der Vereinigten Arabischen Emirate und Katars für die Expo 2020 in Dubai.

Antike am Königsplatz – Antikensammlung und Glyptothek

Santiago Calatrava: Neubau des Bahnhofs Guillemins in Lüttich, Belgien. Fotos: Peter BeckerSantiago Calatrava: Neubau des Bahnhofs Guillemins in Lüttich, Belgien. Santiago Calatrava: Neubau des Bahnhofs Guillemins in Lüttich, Belgien.

(14.07.2022)