Die Steinbranche der Ukraine, in den Regionen westlich des Flusses Dnjepr gelegen, arbeitet trotz des Krieges weiter und sucht nach Exportpartnern im Westen

Pflasterung vor einer Kirche in Odessa mit typischen Steinsorten der Ukraine: Grey Ukraine geflammt, Labradorit poliert und Rosso Santiago poliert. Foto: Rukh International LLC (<a href="https://www.stone-ideas.com/94341/grey-ukraine-a-granite-from-the-zhitomir-region/"target="_blank">1</a>, <a href="https://www.stone-ideas.com/92304/irina-blue-labradorite-rukh-international-ukraine/"target="_blank">2</a>)

Naturwerkstein kann eine Schlüsselrolle unter den Gütern spielen

Wichtig für das Überleben der Ukraine als selbstständiger Staat ist auch, dass die Wirtschaft weitergeht. Oleg Majewski, Spezialist für die Steinbranche des Landes, aktuell Marktforscher und ehemals Chefredakteur der Zeitschrift KAMІНЬ (Stein,) hat die Lage dort analysiert. Sein Beitrag erschien in der polnischen Fachzeitschrift Nowy Kamieniarz (Mai 2022). Wir geben den Beitrag in einer Zusammenfassung wieder.

Majewski hebt die Unterstützung durch die EU, das UK, die USA und Kanada hervor und dankt vor allem den Polen: „Polen verdient besondere Aufmerksamkeit und große Dankbarkeit, da es uns mit seiner gesamten Gesellschaft unterstützt und Millionen von Flüchtlingen aufgenommen hat. Derzeit fließen 85 % unserer Ex- und Importe, Kriegsgüter und humanitäre Hilfe durch Polen.“

Im Blick auf das eigene Land weist er auf die besondere Rolle hin, die der Wirtschaft derzeit dort zukommt: „In der gegenwärtigen Situation ist es von entscheidender Bedeutung, dass die heimischen Unternehmen arbeiten und ihre Waren ins Ausland exportieren können.“

Wir merken an: Die Steinbranche kann tatsächlich in solch schwierigen Situationen eine besondere Rolle spielen. Denn das Material ist von Natur aus da, es muss lediglich gewonnen und, im Fall der Ukraine, vor allem zu Pflastersteinen oder Platten verarbeitet werden.

Granit Lezhniki (Maple Red) der Firma LLC Largostarh.

Granite sind das prägende Gestein der Ukraine. Viele Sorten gibt es, berühmt sind die Labradorite mit ihrem geheimnisvollen Glanz oder auch farbige Varianten wie der rote Lezhniki (Maple Red). Dass man den Labradorit eher mit Skandinavien in Verbindung bringt, hat mit einer geologischen Besonderheit zu tun: Von Norwegen bis in den Süden der Ukraine reicht eine unterirdische Gebirgsplatte, die nur an ihrem nördlichen und südlichen Ende an die Oberfläche kommt und unter der Ostsee und Weißrussland in die Tiefe abtaucht.

Die ukrainischen Abbaugebiete für Naturwerkstein liegen in den Regionen westlich des Flusses Dnjepr in den Regionen Zhytomyr, Vinnitsa, Tscherkassy, Kirowohrad, Dnipropetrovsk und Mykolaiv. „Alle genannten Gebiete befinden sich unter vollständiger Kontrolle der ukrainischen Behörden“, betont Majewski. In der Karte von Nowy Kamieniarz sind die Regionen grün eingefärbt:

Die ukrainischen Abbaugebiete für Naturwerkstein liegen in den Regionen westlich des Flusses Dnjepr. Karte: Nowy Kamieniarz

Anders als man erwarten könnte, scheinen die Firmen in jenen Regionen wegen des Kriegsrechts keine Probleme mit ihrem Bestand an Beschäftigten zu haben. Andriy Pavliuk, Eigentümer und Direktor von LLC Largostarh in der Region Zhytomyr, jedenfalls sagt im Gespräch mit Majewski: „Einige Mitarbeiter wurden zur Armee einberufen, um das Land zu verteidigen, aber im Moment können wir arbeiten und Aufträge erfüllen.“

Der Wegfall von Russland als Zielland für Exporte stelle auch kein unlösbares Problem dar, so Olexander Budas, Exportmanager für die EU bei Unikom-Prom (Zhytomyr): „In den letzten Jahren hatten wir unsere Granitausfuhren nach Russland ohnehin reduziert (vor dem Krieg auf etwa 30 % der Gesamtmenge), während wir die Ausfuhren auf den europäischen Markt auf 70 % erhöht haben. Für uns ist der EU-Markt, insbesondere Polen, sehr wichtig.“

Große Probleme bereite jedoch der Transport, dies in mehrerer Hinsicht.

Wie auch anderswo haben sich die Kosten vervielfacht. Olexander Budas von Unikom-Prom: „Wenn früher der Transport mit Blöcken nach Breslau in Polen 1.000 € kostete, müssen Sie jetzt rund 2.100 € bezahlen. Und wenn Sie diesen Betrag durch 6 Kubikmeter Granitblockladung teilen, macht der Preis für einen Kubikmeter ukrainischen Granit auf dem Markt unattraktiv.“

Irgendwann sei eine Grenze erreicht, bei der das Land nicht mehr konkurrenzfähig ist.

Pflaster in der polnischen Stadt Zamość mit Stein aus der Ukraine von der Firma Unikom-Prom.

Und: bislang waren die Baltischen Länder wichtige Abnehmer, aber dort tauchen zunehmend Anbieter aus Portugal und Spanien auf. Polen, eigentlich das wichtigste Abnehmerland für Steine aus der Ukraine, wird dort zu einem konkurrierenden Anbieter.

„Wir haben wirklich Angst, dass unser Stein von den Märkten verdrängt wird“, so Budas.

Natürlich sind Transporte in Zeiten des Krieges nicht dieselben wir vorher. Zum Beispiel können die Rückfahrten der Trucks oft nicht mehr bestückt werden, da die Ukraine im Moment weniger Alltagswaren einführt als zuvor.

Umgekehrt ist die Breispurbahn PKP LHS als Transportweg für Steine praktisch weggefallen: „Dieser Transportweg kann heute nur noch für strategische Güter wie Metalle und Getreide genutzt werden“, so Budas.

Andriy Pavliuk von LLC Largostarh verweist auf die neue Situation an der Grenze zu Polen: „Vor dem Krieg gab es Warteschlangen von 2 bis 3 Tagen, mit dem Beginn der russischen Invasion und der Verhängung des Kriegsrechts kann ein Lkw heute allein an der Grenze mehr als 5 Tage anstehen.“ Er beschreibt die Situation ähnlich wie Olexander Budas: „Die Kosten für einen Steintransport nach Polen haben sich verdoppelt.“

Oleg Majewski.

Zudem: Da der Inlandsmarkt zusammengebrochen sei, würden sich nun auch die ehemals nur zuhause aktiven Steinfirmen auf das Ausland konzentrieren: „Sie beginnen, sich nach Kunden in Europa umzusehen und dort zu werben.“

Trotz der schwierigen Lage sind beide jedoch optimistisch: „Wir glauben an einen Sieg an allen Fronten dieses Krieges, so Olexander Budas. Konkurrent Andriy Pavliuk fügt mit Blick auf das Ausland hinzu: „Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit mit Ihnen!“

Was Kontakte angeht, war zuletzt zu hören, dass die Steinmesse Stone im November in Poznan, Polen (23. – 25. November 2022) einen Schwerpunkt „Ukraine“ haben wird.

Oleg Majewski (Mail)

Nowy Kamieniarz (Polnisch)

Rukh International LLC zur aktuellen Situation

Fotos: Oleg Majewski

(25.08.2022)