Kunstgeschichte weltweit: das Labyrinth als vorgegebener Weg zu einem Ziel mit zahlreichen Wendungen und der Irrgarten als gezielte Irreführung

Labyrinth auf dem Fußboden der Kathedrale von Chartres. Quelle: Wikimedia CommonsLabyrinth auf dem Fußboden der Kathedrale von Chartres (um 1750). Quelle: Wikimedia Commons

Steinplatten oder Pflaster beziehungsweise grüne Hecken oder Gras sind die bevorzugten Materialien

Labyrinth und Irrgarten zählen zu den faszinierendsten Ideen der Menschheit. Es gibt sie im Wesentlichen in 2 Materialien: in Stein, meist auf einem Boden als Mosaik ausgelegt, oder mit Pflanzen in Form übermannshoher Hecken. Diese kurze Beschreibung lässt schon den wesentlichen Unterschied erkennen: Labyrinthe wollen einen Weg zu einem Ziel zeigen, der jedoch sehr verschlungen sein kann; Irrgärten wollen in die Irre führen und den Menschen für eine gewisse Zeit dem Gefühl von Unsicherheit aussetzen.

Labyrinth auf dem Fußboden der Kathedrale von Chartres. Quelle: Wikimedia Commons

Berühmt ist jenes Labyrinth in der Kathedrale der französischen Stadt Chartres: auf einer großen Fläche im Mittelschiff, von einer Seite bis zur anderen, ist mit verschiedenen Steinsorten symbolisch der Weg vorgezeichnet, auf dem die Menschen das Himmelreich erreichen können.

Das heißt: an einigen Tagen im Jahr, wenn die Bänke weggeräumt und das Labyrinth offen zugänglich ist, können Gläubige betend oder auf den Knien meditierend auf eine exakt 261,55 m lange symbolische Pilgerreise gehen, die sie zum Paradies führt.

In alten Beschreibungen wird Bezug genommen auf jenes Labyrinth auf der Insel Kreta, das Daidalus, der geniale Ingenieur und Künstler, für den König Minos gebaut hatte – im Zentrum war der blutdürstige Stier Minotaurus eingesperrt.

Zahlreiche unterhaltsame Legenden ranken sich um diese Anlage: sie war so klug konstruiert, dass nach der Fertigstellung selbst Daidalus beinahe nicht mehr herausfand; als der Held Theseus sich aufmachte, den bösen Minotaurus im Zentrum zu töten, brauchte er anschließend den seidenen Faden der Prinzessin Ariadne, um wieder den Weg zu finden.

Ein anderes berühmtes Fußbodenlabyrinth aus Stein gab es in der französischen Kathedrale von Reims. Es wurde 1779 von religiösen Eiferern zerstört, die, so geht eine der Geschichten, sich an den Kindern störten, die während der Gottesdienste zwischen den Linien im Boden spielten. Angeblich bestand das Labyrinth aus besonders weichem Stein, an dessen Abnutzung man erkennen konnte, wie viele Gläubige auf den Knien rutschend den Weg zum Zentrum hinter sich gebracht hatten.

Während vom Labyrinth in Reims nur eine Zeichnung erhalten geblieben ist, hat jenes in Chartres weltweite Nahahmung gefunden.

Eine befindet sich in der Unterkirche der Feodorovsky Kathedrale in Saint Petersburg, Russland: sie hat 7 m Durchmesser und ist mit den Marmorsorten Chios und Crema Nuova gestaltet. Nach dem Ende der Sowjetunion wurde sie von der griechischen Firma Stone Group International erneuert.

Eine andere ist ein Pflastermosaik draußen vor der Kathedrale in Magdeburg, Deutschland aus dem Jahr 2012. Die Kirche ist so alt wie die von Chartres.
https://bloggermymaze.wordpress.com/2012/05/09/einweihung-des-magdeburger-domplatz-labyrinths-am-5-mai-2012/

Labyrinth in den Gärten der Welt in Berlin.Zahllose andere Pflaster-Labyrinthe gibt es weltweit, ein weiteres in Deutschland findet man in den Gärten der Welt in Berlin. Hier gibt es exakte Zahlen zum Weg: „Nach 11 Umgängen, 28 Kehren und ca. 10 Minuten hast du das Zentrum erreicht“, verspricht die Webpage.
https://www.gaertenderwelt.de/gaerten-architektur/themengaerten/irrgarten-und-labyrinth/

Gras und Steinplatten sind die Materialien des Labyrinths im Armenian Heritage Park in Bosten, MA. Es erinnert an den Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich.
https://www.armenianheritagepark.org/

Beispiele für Labyrinthe aus Stein findet man in einem Video auf der Seite des spanischen Centro de Cultura Contemporanea Barcelona (CCCB). Dort war 2010 die Ausstellung „Through Labyrinths“ gezeigt worden.
https://www.cccb.org/en/exhibitions/file/through-labyrinths/33520

Labyrinthe sind ohne Zweifel spektakulär, weshalb man sie gelegentlich auch auf Messen findet. Auf der Marmomacc im Jahr 2010 gab es im Rahmen der Präsentation Marmomacc Meets Design einen solchen Ort zu sehen, inszeniert von dem portugiesischen Architekten Manuel Aires Mateus in Kooperation mit der italienischen Firma Pibamarmi.

Der Designer Antonio Facco schuf ein Labyrinth für die italienische Firma Antolini, ausgestellt 2015 auf der Messe ICFF in New York. Fotos: AntoliniDer Designer Antonio Facco schuf ein Labyrinth für die italienische Firma Antolini, ausgestellt 2015 auf der Messe ICFF in New York.Der Designer Antonio Facco schuf ein Labyrinth für die italienische Firma Antolini, ausgestellt 2015 auf der Messe ICFF in New York.Auf der Messe ICFF in New York im Jahr 2015 gestaltete der Designer Antonio Facco für die italienische Firma Antolini eine labyrinthische Installation, wo die Besucher auf verschlungenen Wegen den Steinen und und ihren Oberflächen ganz nahe kommen konnten.

Das bringt uns zur Kunst, speziell: zur Land Art. Hier werden gerne Steine in verschlungenen Anordnungen auf einem Feld oder an einem Strand ausgelegt. Bekannte und dauerhafte Beispiele findet man auf den Scilly Isles im Ärmelkanal.
https://www.worldwidewriter.co.uk/stone-labyrinths-of-the-scilly-isles.html
https://www.labyrinthos.net/C47%20Scilly%20Troytowns.pdf

Von hier aus ist der gedankliche Weg nicht mehr weit zu den Spiegellabyrinthen, die den Besucher gerne gegen die Wände laufen lassen, und zu jenen Strukturen in Maisfeldern, die zur Erntezeit gerne zusammen mit Kornkreisen auftauchen.

Wir erkennen: Spiel und Spaß gehören heutzutage zum Labyrinth dazu. Das gilt auch für den Irrgarten.

Der wohl berühmteste Irrgarten weltweit und zudem einer der ältesten ist der des Hampton Court Palace‘ bei London. Er wurde um 1700 errichtet und ist ein Beispiel für die englische Gartenkunst jener Zeit. Die um die 2 m hohen grünen Hecken aus 1225 Eiben sind „berühmt dafür, dass sie die Besucher mit ihren vielen Windungen, Abzweigungen und Sackgassen verwirren und verblüffen“, wie es auf der Webpage heißt.

Rund 20 Minuten soll man vom Eingang bis zum Zentrum brauchen, wo ein Aussichtspunkt eine Übersicht über die Anlage bietet. Beruhigend ist das Versprechen auf der Webpage, dass alle Besucher wieder hinausgefunden haben.

„Labyrinth Garden” von Raffaello Galiotto auf dem FuoriSalone 2022 in Mailand.Im Jahr 2022 gab es zum FuoriSalone in der Innenstadt von Mailand eine Kunstinstallation des Industriedesigners Raffaello Galiotto, über dessen Arbeiten mit Naturstein wir schon häufig geschrieben hatten. Er hatte in einem der Innenhöfe der Università Catolica einen Irrgarten geschaffen, zu verstehen als Ausdruck der Unsicherheiten in der Gegenwart und als Symbol für die Suche der Menschheit nach neuen Wegen zu Frieden und Gesundheit. Verwendet wurden nur Materialien, die aus dem Recycling stammten.
https://www.galiottodesign.it/en/?evento=nardi_interni2022

Labyrinthosnet

Ein Labyrinth kann, nicht zuletzt, auch ein intimes Plätzchen sein.

(30.09.2022)