Vielerorts werden die Mauern oder Haufen von Lesesteinen wiederhergestellt

Wiederhergestellte Feldsteinmauer in Bürglen, Schweiz. Foto: Bümausa-Projekt

Sie bieten Lebensräume für Tiere und Pflanzen und sind Zeugnisse der bäuerlichen Kultur / Beispiele aus der Schweiz und den Neuengland-Staaten

Lesesteinhaufen oder -mauern in der Landschaft erleben neue Beachtung und Wertschätzung. Sie wurden ehemals von den Bauern aus Feldsteinen errichtet, die diese aus ihren Äckern herausgesammelt hatten. Am Rand der Flächen wurden sie hingekippt oder aufgestapelt.

Ihre Funktion war unter unterem die Kennzeichnung der Grundstücksgrenzen.

Heutzutage werden sie aus zwei Gründen wiederhergestellt: zum einen bieten sie Lebensräume für Pflanzen und kleine Tiere, die wichtige Rollen im ökologischen Gleichgewicht und in der Nahrungskette in einer Landschaft spielen.

Zum anderen schätzt man sie als kulturelle Zeugnisse der alten Bauernkulturen.

Wiederhergestellte Feldsteinmauer in Bürglen, Schweiz. Foto: Bümausa-Projekt

Ein Beispiel ist das Projekt „Bümausa“ in der Ortschaft Bürglen im Schweizer Kanton Uri. Ausgeschrieben steht die Abkürzung für „Bürgler Mauersanierung“. Gemeint ist damit die Wiederherstellung von Trockenmauern und Lesesteinhaufen, die viele Jahrzehnte dem Verfallen preisgegeben waren.

Alte Steine, die lange in Wind und Wetter gelegen haben, tragen einen malerischen Bewuchs aus Flechten, Moos und Pilzen. Je nach der Ausrichtung zur Sonne beziehungsweise zum Wind und zum Regen können sich auf den Seiten solch einer Mauer unterschiedliches Mikroklima etablieren, in denen Flora und Fauna Futter und Schutz finden.

Im Gebirge sind Lesesteine auf den Feldern die Folge von Frost und Eis. Am Polarkreis oder in der Tundra, wo der Boden tief gefriert, können sie im Frost-Tau-Wechsel aus dem Untergrund nach oben gezogen beziehungsweise gehoben werden.

Mauern und Haufen von Feldsteinen im Örkelljunga Freilichtmuseum, Schweden. Foto: Dguendel / <a href="https://commons.wikimedia.org/"target="_blank">Wikimedia Commons</a>

Wo die Eiszeiten über das Land gingen und die Berge unter manchmal 1000 m dickem Eis abhobelten, brachten sie die großen Findlinge oder kleine Brocken mit sich, die in der Warmzeit auf den Grasflächen liegen blieben.

Woanders werden die Lesesteine immer wieder vom Menschen aus dem Untergrund hochgeholt. Je nach der Pflanzung werden Äcker in regelmäßigen Abständen tiefgepflügt, das reißt den Fels in der Tiefe auf. Der Pflug holt die Brocken an die Oberfläche.

Kurios ist, dass man sie zunächst gar nicht sieht – was bei privaten Gärtnern zu großer Verwunderung führt, wenn dort nach einem Regenguss plötzlich die Steinbrocken auftauchen. Das hängt damit zusammen, dass an den Steinen aus der Tiefe zunächst Erde dranhängt, die abgelöst werden muss.

Auch in Irland prägen Feldsteinmauern die Landschaft. Foto: Eckhard Pecher / <a href="https://commons.wikimedia.org/"target="_blank">Wikimedia Commons</a>

Landschaftsprägend sind die Lesesteinmauern in den Neuengland-Staaten der USA. Gemeint sind damit die sechs Bundesstaaten an der Ostküste, von Maine im Norden an der kanadischen Grenze bis nach Connecticut, an das sich weiter südlich New York anschließt. Sie sollen eine Gesamtlänge von 240.000 Meilen (430.000 km) haben, was der kürzesten Entfernung Erde-Mond oder viermal der Umrundung des Äquators entsprechen würde, wie Robert Thorson, Professor an der Universität Connecticut schreibt.

Thorson hat 2002 die Stone Wall Initiative (SWI) gegründet, auf deren Webpage man viele Informationen zum Thema findet.

Auf den ersten Blick kurios ist die positive Rolle als Abgrenzung zwischen Nachbarn, die Thorson den Mauern unterstellt. Aber er zitiert dazu das Gedicht „Mending Wall“ von Robert Frost aus dem Jahr 1914. Dort steht am Ende die tiefe Erkenntnis über das Zusammenleben der Menschen: „Gute Zäune machen gute Nachbarn“, heißt es da.

Wie Thorson schreibt, soll John F. Kennedy von dieser Erkenntnis so beeindruckt gewesen sein, dass er den alternden Dichter Frost nach Moskau zu Präsident Nikita Chruschtschow schickte, um die Beziehungen beider Großmächte im Kalten Krieg zu verbessern.

Stone Wall Initiative (SWI)

Smithsonian Magazine

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(25.03.2024)