Saudi-Arabien betreibt im Rahmen seiner „Vision 2030“ eine Kulturpolitik auf vielen Feldern

Diskussionsrunde „Frauen in der öffentlichen Kunst“ am Rande des Tuwaiq-Bildhauersymposiums. Foto: Rhiyadh Art

Modernisierung nicht nur mit spektakulären Bauvorhaben wie „Neom“, sondern auch mit zahlreichen Projekten in der Kunst

Das Foto oben zeigt eine der Diskussionsrunden am Rande des Tuwaiq-Bildhauersymposiums in Saudi-Arabiens Hauptstadt Riad, wir waren dazu eingeladen. Bemerkenswert waren das Thema und die Teilnehmer: Es ging um „Frauen in der öffentlichen Kunst“, und die Personen auf dem Podium waren ausschließlich Frauen.

Auffallend dabei war noch mehr: zum einen die Kleidung der Damen, die von dem eher traditionellen bis hin zu modernem Outfit reichte.

Die Teilnehmerinnnen an der Diskussionsrunde „Frauen in der öffentlichen Kunst“ (v.l.n.r.): Laura Egerton, Sarah Fahad Alruwayti, Auronda Scalera, Rose Lejeune, Amy Mowafi. Foto: Rhiyadh Art

Und, nicht zuletzt: draußen auf dem Gelände, wo die Arbeiten der Bildhauer standen, gab es jazzige Life-Musik von einer Band.

In Saudi-Arabien, das ehemals als eines der konservativsten Länder am Golf galt, sind die Dinge in Bewegung geraten. Das zeigt sich nicht nur an den gewaltigen Investitionen, die mit Bauprojekten wie der der linienartigen Wüstenstadt „Neom“ verbunden sind.

Auch im Alltagsleben gibt es in dem großen und reichen Land eine Modernisierung. Sie trägt den Titel „Vision 2030“, die der Kronprinz und Premierminister Mohammed bin Salman im April 2016 ausgerufen hat.

Bei genauerer Betrachtung muss der Umbau der saudischen Welt aber schon vorher angelegt worden sein. Denn die Frauen auf dem Podium und in Positionen bei wichtigen kulturellen Einrichtungen in der Stadt, die wir getroffen haben, konnten über Studium und Zeiten im Ausland vorweisen.

Das heißt: ihre Väter und der Staat müssen sie schon in den 2000er Jahren ins Ausland geschickt haben – damals hörte man aber im Westen noch nichts von den Veränderungen, die in dem Königreich nun erkennbar sind.

Der Veranstalter des Tuwaiq-Symposiums, die Organisation Rhiyadh Art, hatte für Gäste des Bildhauertreffens Besuche bei Kultureinrichtungen der Stadt organisiert.

Wir waren eingeladen, und erlebten im Misk Art Institute die zweite Überraschung nach der oben genannten Diskussionsrunde. Zu den Aufgaben dieser Kultureinreichtung zählt es, Künstler aus dem Land zu fördern. Daneben dokumentiert sie das Kulturgeschehen im Land.

Ausstellung „Echoing the Land“: Abdulhalim Radwi, links: „The Mother“ (1978), 60 x 30 cm; rechts: „An Arab Girl“ (1975), 64 x 22,2 cm.Ausstellung „Echoing the Land“: Abduljabbar Alyaha, „Building“ (1983).

Dort fand gerade die Ausstellung „Echoing the Land“ zu saudischer Malerei in den Jahren 1959 (dem Jahr der ersten Kunstausstellung dort) bis 1989 statt: gezeigt wurden nicht nur Arbeiten von Künstlerinnen, sondern auch Gemälde, auf denen Frauen dargestellt waren.

Vielfach sind Menschen auf den Bildern zu sehen – was dem Bilderverbot im strengen Islam wiederspricht.

Offenbar gab es in dem erzkonservativen Land immer eine liberale Szene, die geduldet wurde.

Figur in der Skulpturenausstellung im Park des Feena AlAwwal Center.

Eine dritte Überraschung erlebten wir beim Besuch im Feena AlAwwal Center. Das ist eine weitere Kultureinrichtung, untergebracht im ehemaligen Gebäude der Alawwal Bank, bekannt als Saudi Hollandi Bank. Architekt des spektakulären Rundbaus mit Anklängen an den traditionellen Najdi-Stil war das Büro Omrania Architecture, zu dem Nabil Fanous gehörte. Er errichtete bekannte Gebäude auch im Ausland, etwa die saudische Botschaft in Berlin.

Die Überraschung bestand in einem kleinen Detail in der Skulpturenausstellung im Park des Centers: dort saß eine kleine metallene Figur auf einem Steinblock – im traditionellen Koran wäre das streng verboten.

In großem Stil investiert Saudi-Arabien in Kunst und Kultur, um die Modernisierung voranzutreiben. Dazu gibt es die „Cultural Strategy Saudi Arabia“. 2020 wurde vom Königshaus der Cultural Development Fund ins Leben gerufen, zu verstehen als eine der Strategien für die Umsetzung der Vision 2030.

Angebunden n diese Investitionen in die Kultur ist zum Beispiel der Tourismus: die Noor Riyadh Exhibition 2023 war zum wiederholten Mal ein riesiges Lichtspektakel in der Hauptstadt. 2,8 Millionen Besucher habe man damit ins Land geholt, heißt es.

Aber auch der Blick in die Vergangenheit gehört zur Kulturstrategie der Saudis – und er reicht auch in die Zeit vor dem Islam.

Was mit der „Bewahrung des kulturellen Erbes“ gemeint ist, umriss auf einer der Diskussionsrunden am Rand des Symposiums Manal Ataya, Generaldirektorin der Sharja-Museen in den Vereinigten Arabischen Emiraten und Beraterin des Sultans dort: Sie will die Arbeiten der Altvorderen nicht nur in Museen und Archiven aufbewahren, sondern zu neuem Leben bringen. Als ein Vorbild nannte sie Textildesign aus Südafrika, wo man alte Muster für moderne Kleidung weiterentwickelt hat.

Genauso will sie das islamische Design neu entdecken.

Das aktuelle Lebensgefühl in dem Land, das von der Fläche her rund viermal so groß wie Frankreich, umriss Sarah Fahad Alruwayti, Direktorin des Symposiums und Mitglied der Königlichen Kommission für die Stadt Riad [Royal Commission for Riad City]: „Wir leben in historischen Zeiten.“

Im Buch „Art in Saudi Arabia“ ist das aktuelle Kunstgeschehen in dem Land beschrieben.

Cultural Strategy Saudi Arabia

Misk Art Institute

„Echoing the Land“: Katalog

„Echoing the Land“: digitale Ausstellung

Feena AlAwwal Center

Omrania Architecture

Ausstellung „Echoing the Land“: Häufig stellen die Künstler die Wüste dar. Mohammed Alsaleem: „Untitled“ (1989), 105 x 105 cm.Ausstellung „Echoing the Land“: Häufig stellen die Künstler die Wüste dar. Mohammed Alsaleem: „Untitled“ (1977), 80 x 80 cm.

See also:

(11.04.2024)