Salone del Mobile in Mailand 2024: ausprobieren, wie die Messe der Zukunft aussehen kann

Kreativität steht bei dem Salone del Mobile an zentraler Stelle. Foto eines Sessels der belgischen Firma <a href="https://apcollection.be/"target="_blank">AP Collection</a> (limitierte Auflage).

Das Mailänder Großevent der Möbelbranche wendet unter seiner Präsidentin Maria Porro das Branchenmantra der Kreativität gleich auf sich selber an

In den Presseankündigungen zum 62. Salone del Mobile in Mailand (15. – 21. April 2024) gab es an mehreren Stellen nicht zu übersehende Hinweise, dass sich diese größte und bedeutendste Möbelmesse weltweit unter ihrer Präsidentin Maria Porro zu neuen Ufern aufgemacht hat. Ein „Kulturprogramm jenseits der Möbel“ war angekündigt, genauso hieß es „der Austausch von Informationen und die Ausbildung ist grundlegend für das Wachstum der Branche“.

Anders formuliert: Maria Porro, seit 2021 im höchsten Amt des – vollständig: „Salone del Mobile.Milano“ – und erst Anfang 40, sieht eine zeitgemäße Messe nicht nur als einen Marktplatz, um Verkäufer und Käufer zusammenzubringen, sondern auch als eine Gelegenheit für Kommunikation dieser und jener Art, auf dass das Denken in den Köpfen die Richtung ändern und am Ende neue Ideen herauskommen mögen.

Damit sind weltweit alle Messen beschäftigt, oder reden zumindest davon. Aber keine andere hängt sich dabei so weit aus dem Fenster wie der Salone. Nun ja, wir wollen es erwähnen, nichts geschieht auch bei ihm gegen das Geschäftliche. Schließlich sitzen die Aussteller im Board der Messe und segnen alle Neuheiten ab.

Und: Neuigkeiten sind quasi ein Mantra der Möbelbranche und fallen ihr vergleichsweise leicht, denn sie ist extrem kreativ, nicht nur, damit die Firmen jedes Jahr eine neue Kollektion zuwege bringen, sondern auch, um bloß nicht einen aktuellen Trend beim Verbraucher irgendwo zu verpassen.

Apropos Nachhaltigkeit als Megatrend: für den Bau der Messestände gab es diesmal rigorose Vorschriften, damit die Materialien wiederverwendet werden können.

Ein anderes Nachdenken bei den Salone-Machern um Maria Porro dreht sich zum Beispiel um die Abkehr vom Rechteck als bevorzugter Grundform für das Layout in den Hallen.

Im letzten Jahr hatte es schon eine Art von „Boulevard“ gegeben („See also“ am Fuß dieser Webpage).

Maria Porro, Präsidentin der Messe, und Hans Ulrich Obrist, Artistic Director der Serpentine Galleries in London. Foto: BBDO / Salone del Mobile.Milano

Die diesbezüglichen Experimente sollen weitergehen, kündigte Maria Porro bei einer Dialogveranstaltung an: Sie will erreichen, dass die Besucher „Dinge entdecken“ und dass es, wir drücken es sinngemäß aus, „Möglichkeiten für Unerwartetes und Überraschungen gibt“. Sie will „weg vom Rechteckmuster der römischen Militärlager“, wie sie es formulierte, „eine Mischung aus Wegen und Plätzen“ schwebt ihr vor.

Ihr Partner bei dieser Dialogveranstaltung war Hans Ulrich Obrist, Artistic Director der Serpentine Galleries in London und von dort aus wichtiger Impulsgeber für die Kunstzene. Er fand sich natürlich in Porros Ideen wieder, schließlich plädiert er für das Wandern als einer Möglichkeit, um auf Interessantes (am Wegesrand und im eigenen Kopf) zu stoßen.

In welcher neuen Form künftig das Miteinander-Reden auf modernen Messen vor sich gehen könnte, zeigten Porro und Obrist selber und unbewusst bei ihrer Dialogveranstaltung: Maria Porro eröffnete das Gespräch mit einer Frage, aber am Ende war es ihr Gegenüber Obrist, der die Rolle des Fragenden übernommen hatte.

Beide hatten offenbar überhaupt kein Problem damit, dass sie im Vorbeigehen die klassischen Hierarchien von Gastgeber(in) und Gast über Bord geworfen hatten.

So aber konnte es dazu kommen, dass es zum Schluss der Veranstaltung ein liebevolles politisches Statement von Maria Porro auch an die Adresse der Branche gab, als sie auf Obrists Frage nach einem ihrer Träume schwärmte: „Ich wünsche mir, dass Design und Kreativität an jeder Grundschule gelehrt werden, quasi als großes ,D‘ in jedem Lehrstoff für die Heranwachsenden stehen.“

Ähnlich ging es zu bei der Podiumsdiskussion zum Thema Künstliche Intelligenz. Für die sechs Gesprächspartner in der zentralen Sitzgruppe und ebenso für die rund 150 Zuhörer war es keine Frage, ob das Thema auf einer Möbelmesse vorkommen sollte.

„Under the Surface“.  Foto: Salone del Mobile.Milano„All You Have Ever Wanted to Know About Food Design in Six Performances“. Foto: Diego Ravier / Salone del Mobile.Milano„All You Have Ever Wanted to Know About Food Design in Six Performances“. Foto: Diego Ravier / Salone del Mobile.Milano

Weitere Neuigkeiten vom Salone 2024:
* einige der Hallen waren komplett vertauscht worden, sodass Firmen, die bisher in den hinteren Hallen beheimatet waren, nun einen Platz näher am Haupteingang fanden. Wohlgemerkt: die Belegung innerhalb der Hallen blieb gleich, es war das komplette Layout verpflanzt worden;
* über die Hallen waren Orte zur Entspannung oder Inspiration verteilt, zum Beispiel eine Art Unterwasser-Felswelt in blauem Licht auf ca 20 x 20 m Grundfläche (Titel: „Under the Surface“); groß angekündigt wurde eine Art Jahrmarkt-Dunkelkammer, zu der Künstler und Designer David Lynch versprach, die Besucher „mit Energie aufzuladen“ und so auf neue Gedanken zu bringen; es gab die Schau „All You Have Ever Wanted to Know About Food Design in Six Performances“; und mehr;
* zu einem Tischtennis-Turnier am Stand einer Firma für entsprechende Produkte konnten sich Besucher registrieren und mit Designern messen;
* als Neuheit gab es einen Bookshop mit Empfehlungen der prominenten Teilnehmer der Messe;
* nicht zuletzt: der Salone Satellite, Förderprogramm und Ausstellungsbereich für junge Kreative, ins Leben gerufen von Marva Griffin Wilshire, erlebte sein 25. Jubiläum, unter anderem mit einem Rückblick auf die Ideen von damals und deren Weg durch den Markt.

Weiteres ist auf der Events-Webpage der Messe beschrieben, zu der wir unten verlinkt haben.

Gespräche über Zukunftsentwürfe (Drafting Futures): US-Architect Jeanne Gang. Foto: Romano Dubbini / Salone del Monile.MilanoGespräche über Zukunftsentwürfe (Drafting Futures): Francis Kéré, erster aus Africa stammender Gewinner des Pritzker Prize. Foto: Salone del Mobile.Milano

Die Statistiken, spät aber doch noch: Mit 370,824 Besuchern (+20,2 % gegenüber dem Vorjahr) erreichte die Messe einen Rekord. 53,9 % der Gäste kamen aus dem Ausland.

Bei den Ausstellern wurde die Rekordzahl von 1.950 erreicht (33 % aus dem Ausland). Sie kamen aus 35 Ländern.

In den 15 wichtigsten Marktregionen erlebte China ein großes Comeback, gefolgt von
Deutschland, Spanien, Brasilien, Frankreich, die Vereinigten Staaten, Polen, Russland, der Schweiz, der Türkei, Indien, dem Vereinigten Königreich, Südkorea, Japan und Österreich.

Zahlreiche Delegationen kamen aus den Vereinigten Staaten, Indien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, dem Vereinigten Königreich, Frankreich und Saudi-Arabien.

Wie üblich gab es im zweijährigen Wechsel thematische Schwerpunkte, für die vier von 24 Hallen reserviert waren: diesmal hießen sie EuroCucina / FTK Technology For the Kitchen beziehungsweise Bad, im nächsten Jahr ist es Euroluce.

63. Salone del Mobile.Milano, 08. – 13. April 2025

Events-Webpage der Messe 2024

See also:

(03.05.2024)