Die Henraux Foundation versteht den Preis als Plattform für neue Ideen in der zeitgenössischen Bildhauerei zwecks Weiterentwicklung und Erneuerung
Die Gewinner der 6. Ausgabe des Henraux International Sculpture Prize sind Olivia Erlanger, Nicola Martini und Tarik Kiswanson. Bemerkenswert ist, dass keiner von ihnen zuvor mit Marmor gearbeitet hat.
Bei dem Preis, der alle zwei Jahre für Künstler unter 40 Jahren ausgeschrieben wird, geht es um die Erforschung und das Experimentieren mit neuen künstlerischen Ausdrucksweisen. Die Henraux Foundation als Veranstalter will nicht nur den weißen Stein als Material für die Kunst propagieren, sondern versteht den Preis auch als Plattform für die Entwicklung der zeitgenössischen Bildhauerei und zur Erneuerung der Kunst in Stein beitragen.
Der Einsatz moderner Werkzeuge wie der numerischen Computersteuerung ist ein wichtiges Thema.
Die Werke der Gewinner werden in die renommierte Sammlung der Henraux-Stiftung aufgenommen und setzen damit die Revolution in der zeitgenössischen Bildhauerei fort, die das Unternehmen in den 1960er Jahren ausgelöst hat.
Die Künstler sind eingeladen, ihre Ideen in den Werkstätten von Henraux in Querceta in der Toskana zu verwirklichen, auf Wunsch mit Hilfe erfahrener Handwerker. Paolo Carli, CEO des Unternehmens und Präsident der Stiftung, erläutert, was die Auszeichnung für seine Mitarbeiter bedeutet: „Während wir einerseits gewohnt sind, logische, systematische Anfragen zu erfüllen, lassen wir uns andererseits durch den Preis auf neue Ideen und neue Visionen ein – wir lassen uns auf die Künstler ein, die das Unmögliche aus dem Material machen wollen. “
Die Henraux Foundation beschreibt die Arbeiten:

Olivia Erlanger (USA, 1990, lebt und arbeitet in New York) erforscht, wie Umgebungen und Objekte unsere Identität und Wahrnehmung beeinflussen. Ihre Bildsprache ist verstörend und visionär in ihrer Fähigkeit, die Realität zu manipulieren. Für den Preis schuf Erlanger ihre erste Marmorarbeit „Act III (Spellbound)“, die sich auf die Serie der „Eye-Sculptures“ (2022-fortlaufend) konzentriert, deren Iris mentale Räume darstellt. Das Werk befasst sich insbesondere mit dem Gedächtnis und dem „Schwelleneffekt“, einem psychologischen Phänomen, das den Verlust des Kurzzeitgedächtnisses beim Wechsel von einem Ort zum anderen bezeichnet.

Tarik Kiswanson (Schweden, 1996, lebt und arbeitet in Paris) wurde in eine Familie von Palästinensern im Exil geboren. In seinen Werken sind Formen und Wahrnehmungen von Empfindungen der Instabilität und Transformation durchdrungen, die nicht nur mit seiner Identität als Migrant der zweiten Generation, sondern auch mit historischen und existenziellen Dimensionen des Bruchs und Verlusts zusammenhängen. Seine Forschung konzentriert sich auf die Zwischen- und Übergangszustände des menschlichen Daseins und untersucht Themen wie Identität, Metamorphose und Erneuerung. Seine Skulptur mit dem Titel „Reconciliation“ (Versöhnung) ist wiederum eine Transformation eines früheren Werks, „The Wait“ (2023), und hat die Form einer Marmorpuppe oder eines Kokons, auf den ein Aktenschrank aus einer Einwanderungsbehörde aufgepfropft wurde.

Das Werk von Nicola Martini (Italien, 1984, lebt und arbeitet in Mailand) trägt den Titel „Omag Tower 7 CNC“, genau wie eine von Henraux’ Maschinen mit numerischer Computersteuerung (CNC). Die Roboterarme der Maschine bewegen sich entlang von sieben Achsen und werden hauptsächlich zum Fräsen und Abtragen von Marmor verwendet. Der Prozess der Subtraktion ist von zentraler Bedeutung für das Verständnis einer Arbeit, die die Aufmerksamkeit auf die Beziehungen zwischen dem Individuum, dem Artefakt und der Natur lenkt. Martini wählte einen unförmigen, übrig gebliebenen Block aus dem Steinbruch von Cervaiole auf dem Monte Altissimo aus und durchlöcherte ihn in alle Richtungen bis an die Grenze seiner mechanischen Belastbarkeit. Sich auf die Leere zu konzentrieren bedeutet, die Perspektiven umzukehren und die Qualitäten und Prozesse hervorzuheben, durch die das Material selbst geschaffen werden, um eine Verbindung zwischen dem menschlichen und dem tausendjährigen Gedächtnis der Natur herzustellen.
Fotos: Federico Gherardi/Nicola Gnesi
(22.11.2024)

