Ersatz zu finden für die beim Brand zerstörten Steine stand ganz am Anfang der Restaurierung der Pariser Kathedrale Notre-Dame. Ziemlich schnell kristallisierten sich dabei gute und schlechte Nachrichten heraus: Man würde rund 1000 m³ Kalkstein brauchen – das ist zweifellos eine große Menge, jedoch in Anbetracht der Baumasse der Kathedrale nicht allzu viel, was bedeutete, dass der Stein den Flammen gut widerstanden hatte. Aber solch ein Volumen an Ersatz herbeizuschaffen war wiederum schier utopisch: Bei Restaurierungen haben es die Fachleute an einer Baustelle normalerweise mit Steinmengen von ein paar Dutzend m³ zu tun.
Dr. David Dessandier hat in einem Bericht zahlreiche Details dazu beschrieben. Er ist beim Bureau de Recherches géologiques et minières (BRGM) mit dem Thema befasst. In anderen Ländern fingiert diese staatliche Einrichtung unter der Bezeichnung Geologischer Dienst.
Nicht genug mit den genannten Herausforderungen bei der Beschaffung der Materialien: Gesucht wurden Steine der höchsten Qualität. Schließlich stand auf dieser Baustelle das Können der Fachleute von heute jener Meisterschaft der mittelalterlichen Planer und Handwerker gegenüber.
Und, der Zeitdruck war enorm: Präsident Emmanuel Macron hatte fünf Jahre als Zeitraum genannt, bis das zentrale Gotteshaus von Frankreich und Weltkulturerbe seine Pforten wieder öffnen würde.
Am 08. Dezember 2024 war es soweit, fünfeinhalb Jahre nach dem Brand in der Nacht zum 16. April 2019.
Die erste Aufgabe für die Steinexperten lautete: Ausreichende Quellen zu finden für einen Kalkstein, der optisch und mechanisch dem Original möglichst nahekam. Der Stein entstand vor rund 45 Millionen Jahren, im sogenannten Lutétien(Lutetium)-Zeitalter.
Das Laboratoire de recherche des Monuments historiques (LRMH) ging voran und übernahm die Analyse der Steine. Pariser Besonderheit: Große Teile der Stadt sind mit Kalkstein direkt aus dem Untergrund errichtet, so auch Notre-Dame.
Im Nordosten der Stadt gibt es noch hinreichend aktive Brüche für den benötigten Stein – genauer: für die benötigte weiche Variante. Die würde man für die zerstörten Gewölbe nutzen können.
Allerdings, wieder schlechte Nachrichten: für die tragenden Mauern brauchte man die harte Variante, und das für den weitaus größten Teil der Gesamtmenge, nämlich für genau 750 m³ (von 1000 m³). Zwar fand man diese harte Variante in jenen neun Brüchen, die in die ganz enge Wahl gekommen waren.
Aber nur in einem einzigen Bruch waren die „Bänke“ (Lagen) hinreichend dick, sodass man Rohblöcke in den benötigten Maßen herausschneiden konnte. Teils haben die Mauersteine 40 cm Höhe, regelmäßig erreichen sie 60 cm oder sogar 80 cm.
Und noch eine schlechte Nachricht obendrauf: jener Steinbruch, der liefern konnte, war eigentlich für die Aufgabe ungeeignet.
David Dessandier schreibt: „Es handelte sich um einen kleinen Betrieb, in dem der Stein von einem einzelnen Arbeiter in geringen Mengen abgebaut wurde und nur für die nahegelegene Steinmetzwerkstatt der Familie bestimmt war.“ Will heißen: Die Steinbruchfirma lieferte Ersatzmaterial für kleinere Arbeiten an Gebäuden aus der Haussmannschen Zeit und besorgte auch gleich den Einbau.
In dem Text wird nicht weiter ausgeführt, wie die Beteiligten das Problem lösten. Es heißt nur an einer Stelle: Die Dienststelle Rebatir Notre-Dame, die mit der Organsiation des Wiederaufbaus beauftragt war, schloss einen Vertrag mit diesem Steinbruch namens Croix-Huyart, gelegen im Dorf Bonneuil-en-Valois im Departement Oise unweit von Paris „um die Versorgung sicherzustellen“.
Das heißt im Klartext, dass der Betrieb praktisch völlig umgekrempelt wurde – und die Eigentümer spielten offenbar mit.
Ähnliche Probleme stellten sich bei anderen Teilarbeiten. Ein Beispiel: für La Flèche, die spitze Nadel über dem Kirchenschiff, die der gewaltigen Baumasse optisch eine himmlische Leichtigkeit gibt, wurden Eichenstämme von mehr als 20 m Länge gebraucht. Diese gibt es zwar in speziellen Plantagen im Land, aber: Wer kann solche unglaublich hohen, dünnen Bäume, absägen? Wer kann sie aus dem Wald herausholen? Wer kann sie zum Sägewerk fahren? Denn es gibt in Frankreich nur noch ein einziges Werk, das mit Stämmen dieser Länge umgehen kann.
Zurück zu den Steinen. Für deren Gewinnung und Verarbeitung wurden detaillierte Regeln mit genauen Zuständigkeiten erarbeitet. Dazu gehörte auch, dass der Stein immer wieder auf eventuell verborgene Risse überprüft wurde. „Streng und innovativ“ nennt David Dessandier die Vorgehensweise.: „Im Zeitraum von März 2022 bis März 2024 führte das BRGM fast 90 Kontrollen in Steinbrüchen, Steinmetzbetrieben und Steinverarbeitungsbetrieben durch.“
Zuletzt kamen die Steine in den fertigen Größen auf einen speziellen Lagerplatz. Von dort wurden sie in den Mauern beziehungsweise Gewölben verbaut oder gingen auf den Vorplatz der Kathedrale, wo in einer Offenen Werkstatt Steinbildhauer die zerstörten Skulpturen oder Dekorelemente neu schufen.
David Dessandier würdigt lakonisch das Aufeinandertreffen von Material aus unterschiedlichen Epochen der Menschheitsgeschichte: „Die Kathedrale ist nun mit ,neuen‘ Steinen geschmückt, die neben Steinen liegen, die vor mehreren Jahrhunderten verbaut wurden.“
David Dessandrier: Derrière la reconstruction de Notre-Dame de Paris, un besoin hors norme en pierres bien précises (französisch)
Bureau de Recherches géologiques et minières (BRGM)
Veranstaltungen und Ausstellungen
Neueste News: Die Ausstellung „Making Stones Speak. Notre Dame’s Medieval Sculptures” (bis zum 16. März 2025 im Musée du Cluny in Paris) präsentiert die Ergebnisse der umfangreichen Forschungen zu den Steinfiguren.


