Der Name des Bed&Breakfast ist „Ai Cav Calanca“ und er bedeutet „Zu den Calanca-Steinbrüchen“. Bei der denkmalgerechten Restaurierung des mehr als 150 Jahre alten Hauses ging es folglich nicht nur um das Aussehen des alten Gebäudes, sondern auch um die (Weiter-)Verwendung der alten Materialien. Wir befinden uns im Calanca-Tal im Schweizer Kanton Graubünden, und von dort kommt der Gneis gleichen Namens.
Pietro Denicolà (1820-1885) hatte das Gebäude im Jahr 1864 errichten lassen. Er war aus Venedig zugezogen und betrieb fortan sein Geschäft mit Holz aus den Bergwäldern. Direkt neben dem Wohnhaus ließ er eine Sägemühle errichten, die ihre Energie aus dem Bergbach bezog. Das Ensemble spielte in der Industriegeschichte des Calanca-Tals eine wichtige Rolle.
Bis 1960 war die Mühle in Betrieb, danach gab es Leerstand und Verfall, bis Giovanni Polti im Jahr 2016 das Wohnhaus kaufte. Er betreibt den Steinbruch, wo der Calanca-Gneis gewonnen wird, und von ihm stammt auch der Name für das Bed&Breakfast. Arvigo heißt das Dorf.
Wir wollen hier einen kurzen Abriss der Renovierung geben, und haben zunächst Polti die Frage gestellt, wieso er sich auf das Risiko solch eines Projekts eingelassen hat. Er spricht für die Familie: „Weil uns alte Bauten so gut gefallen, weil wir dieses Haus so schön fanden.“
Man muss wissen, dass Polti in Arvigo groß wurde und dort schon drei Generationen der Familie den Steinbruch betreiben.
Die Sanierung erzählen wir von oben nach unten, so kann man die Materialien in den Mittelpunkt stellen.
Das Dach ist mit Stein gedeckt, wie noch heute in der Region Moesano und im oberen Tessin üblich. Der Leser denkt an dünnen Schiefer, und erlebt eine Überraschung: Die Steinplatten für die Deckung sind hier vier bis fünf Zentimeter dick. Ihre Standardmaße sind 45-50 cm Breite und 70-110 cm Länge.
Man ahnt, was jetzt kommt: Das Gewicht dieses Belags beträgt 450 kg pro Quadratmeter! Es braucht also ein besonderes Gebälk und erfahrene Handwerker, die mit so etwas umgehen können.
Natürlich hat die Steinmasse auch positive Seiten: Die Platten brauchen nicht genagelt zu werden – die Überlappung der obersten Reihe hält alles weiter unten an Ort und Stelle.
Und natürlich: Allein schon der Ausdruck von schierer Stabilität beeindruckt und gibt Sicherheit. Leider sehen die Bewohner selbst nicht viel davon. Aber als Ganzes gestalten die Dächer die Atmosphäre in so einer Ortschaft mit, und das zieht die Touristen an, wie es in Arvigo und im Calancatal geschieht.
Der Stein für die Dachdeckung ist übrigens neu, stammt natürlich aus dem Polti-Steinbruch. Es handelt sich um den bekannten Calanca-Gneis, der einen geheimnisvollen Glanz trägt.
Generell aber war es das Ziel von Polti und auch der Denkmalbehörde, die alte Substanz zu erhalten und weiterzuverwenden. Dass es auf dem Dach nicht möglich war, hängt mit der Situation um 1864 zusammen: Damals verwendeten die Bauleute Felsmaterial aus Hangabbrüchen. Dessen Qualität ist schlechter als die des heutigen Steins aus dem Steinbruch, auch wenn es sich um dasselbe Material handelt.
„Neuen“ Stein findet man nach der Renovierung im Keller, in den Badezimmern (die es ehemals nicht gab), und an der Theke der Rezeption. Auch die Gehwegplatten rund ums Haus sind neu.
„Alter“ Stein ziert alle Rahmen um die Türen und Fenster.
Noch mehr Kompromisse mussten gefunden werden. So gibt es jetzt im Keller einen Frühstücksraum, und dessen Boden sollte auch Gneis als Oberfläche haben. Die Größe der neuen Platten ergab sich aus den Räumen obendrüber, aber die dort übliche gespaltene Oberfläche war hier ungeeignet. „Also wurden die neuen Platten im Speisesaal zunächst gespalten, dann aber noch sandgestrahlt, um ihnen für die heutige Nutzung das Aussehen alter Platten zu geben“, verrät Polti.
Geblieben ist das Holz, das die Innenräume prägt. Geblieben sind auch die schmalen Treppen und genauso die dekorativen Malereien in den Gästezimmern.
Die alte Sägemühle nebenan wurde den Poltis erst nach der Renovierung des Wohnhauses verkauft. Sie hatte viele Jahre als Getreidemühle gedient. Nun wird sie ebenfalls wiederhergestellt. Der Regionalpark Val Calanca beteiligt sich und will später diesen Teil der Anlage für Besichtigungen nutzen.
Commmune di Calanca (italienisch)
Fotos: Alfredo Polti SA












