Gabriele Steller: „Tanz der anonymen Seelen“.

Österreichs Steinmetze verdienen ihr Geld, wie auch die Kollegen in anderen Berufen, vor allem mit Routinearbeiten. Ihr Wunsch ist aber, auch ihre kreativen Seiten einzubringen, und so machen sie zusammen mit dem Wiener Künstler Arnold Reinthaler immer wieder künstlerische Projekte. Eine gute Gelegenheit für solch eine Aktion bot 2025 wieder die Landesgartenschau Oberösterreich in Schärding am Inn – deren Motto „Inns Grüne“ haben die Steinmetze zu einer Reise in ihr Inneres („Ins Ich“) umgedeutet.

Thema war, sich in unserer modernen Welt der Selfies, Fakes, Selbstoptimierungen und Rankings einmal – ehrlich – die Frage zu stellen, wer man eigentlich ist beziehungsweise wer man sein will. Herausgekommen sind zwölf Skulpturen, die bis zum Ende der Gartenschau am 05. Oktober 2025 in einem besonderen Bereich zu sehen sind. Organisator der Aktion war das Steinzentrum Hallein.

Der Denkansatz dabei war, das künstlerische Schaffen einmal nicht nach dem Wunsch des Kunden auszuführen, sondern auf sich selbst zu richten: Normalerweise setzt der Steinmetz zum Beispiel am Grabmal die Erinnerungen der Hinterblieben um – für die Landesgartenschau sollten Steinmetzin und Steinmetz nun „mit einem Quantum Ehrlichkeit das eigene Selbst“ darstellen, wie es in den Presseunterlagen heißt.

Gewissermaßen, also: Arbeit an und für sich, um mit dem berühmten Satz eines Philosophen zu spielen.

Wir zeigen die Arbeiten mit den kurzen Beschreibungen der Autoren. Der Katalog zum Projekt steht in deutscher Sprache zum Download bereit.

InnsGrün

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Steinzentrum Hallein

Fotos: Arnold Reinthaler
Gerade erschienen: „Modeling Temporality“ mit den künstlerischen Arbeiten von Arnold Reinthaler (Verlag für Moderne Kunst)
 

Gabriele Steller: „Tanz der anonymen Seelen“. Gabriele Steller: „Tanz der anonymen Seelen“. Die schlanken Granitteile laden Besucher ein, sich unter die fünf abstrakten Figuren zu mischen, mitzuhören und – wenn möglich – auch mitzutanzen. Es scheint, als würden die Figuren, abgeschottet von der Umwelt, Stimmen oder Musik hören, selbst aber ausdruckslos und stumm bleiben. Ein Steinpodest in der Mitte der Figurengruppe fordert Besucher auf, Teil des Kollektivs zu werden.
 

Bernhard Baumgartner: „Ich sind die anderen“.Bernhard Baumgartner: „Ich sind die anderen“. Das steinerne Selbstporträt setzt sich aus zwei gespiegelten, überlebensgroßen Elementen zusammen, platziert im Sichtfeld der anderen Arbeiten. Die Skulptur weist dementsprechend viele Löcher auf. Besucher sind aufgefordert, durch die offene Selbstdarstellung hindurchzusehen und die anderen Arbeiten in den Fokus zu nehmen.
 

Wolfgang Gollner: „Ab in die Psyche“. Wolfgang Gollner: „Ab in die Psyche“. Im Eingangsbereich der Schau lädt der übergroße Rahmen einer Brille dazu ein, den physischen Raum der Ausstellung zu betreten. Ein Teil des Brillengestells ist in der Erde versenkt, während sich der sichtbare Teil als abstraktes Objekt im Parkgelände aufspannt. Die Plastik will betreten werden. Führt der Weg ins Innere über das Auge?
 

Norbert Kienesberger: „Immer am Sprung“.Norbert Kienesberger: „Immer am Sprung“. Aus dem Grün des Skulpturengartens ragt eine überdimensionierte Stange aus Marmor heraus, die an einen Stabhochspringer denken lässt. Das fragile Objekt ist leicht gebogen, als wäre es eben erst benutzt worden. Lässt sich Stein biegen? Wohin ist derjenige gesprungen, der hier Selbstbetrachtung betreiben sollte?
 

Ernestine Lehrer: „Das Tüpfelchen auf dem „I‘ch“.Ernestine Lehrer: „Das Tüpfelchen auf dem „I‘ch“. In der lokalen Mundart ist „ich“ ein schlichtes „I“. Die Skulptur zeigt diesen Buchstaben als dreidimensionales, zu Stein gewordenes Schriftzeichen, und zwar in der Körpergröße der Autorin. Dem Punkt auf dem „I“ kommt eine entscheidende Rolle zu: Er macht das „I“ erst zu einem vollendeten Ich-Portrait.
 

Helmut Moser: „Das versteinerte Bild des Steinmetzen“.Helmut Moser: „Das versteinerte Bild des Steinmetzen“. Das Medium Stein dominiert hier eine aus mehreren Teilen zusammengesetzte Plastik, die sich in alter Steinmetztechnik wie ein Bauwerk präsentiert. Sie stellt einen handwerklich arbeitenden Steinmetz dar, dessen Bewegung eingefroren ist. Die lebensgroße Figur aus heimischen Gesteinsarten zeigt, wie sie sich selbst erschafft: Noch ein paar Schläge, so scheint es, dann ist auch die Kopfbedeckung fertig und das Bildnis eines Steinmetzmeisters vollendet.
 

Robert Moser: Nichts als die Welt“.Robert Moser: Nichts als die Welt“. Auf einem Sockel aus Stahl thront eine klassisch anmutende Büste aus Marmor, ganz wie sie Bildhauer im Laufe der Kunstgeschichte zwecks Selbstdarstellung fertigten. Anders als herkömmlich gestaltete Porträts bedeutender Persönlichkeiten, die vorwiegend das Äußere darstellen wollten, ist hier eine schlichte Kugel zu sehen. Bei genauerer Betrachtung und Betastung wird klar, dass es sich um eine skalierte Abbildung der Erde handelt.
 

Sophia und Thomas Neukart: „Ewige Liebe“. Sophia und Thomas Neukart: „Ewige Liebe“. Zwei monumentale Zahnräder aus Granit greifen ineinander, können sich jedoch nicht eigenständig drehen, weil sie an ihren Berührungspunkten miteinander verschmolzen sind. Es sind auch zwei in ihrer Größe unterschiedliche Räder, entkoppelt von einem imaginären Getriebe, ihrer Funktion enthoben und als steinernes Relikt bewegungslos im Raum stehend.
 

Hans Paar: „Die tausend Gesichter des Hans Paar“. Hans Paar: „Die tausend Gesichter des Hans Paar“. Die Installation zeigt die Werkstattsituation eines Arbeitstisches samt aufgebänktem Werkstück und mehreren lose auf dem Boden liegenden Köpfen aus unterschiedlichen Materialien. Die Porträts ähneln einander. Es hat den Anschein, als würde sich der Steinmetz unentwegt an einem bildhauerischen Selbstportrait abarbeiten, dabei die Gesichtszüge nicht ausformulieren und die Selbstdarstellung kurz vor seiner Fertigstellung immer wieder verwerfen.
 

Thomas Pilsl: „Der Schaukelstuhl des Yogi“. Thomas Pilsl: „Der Schaukelstuhl des Yogi“. Inmitten dreier Bäume und nahe am Fluss befindet sich ein Wackelstein, der weniger einem verwitterten Felsblock als einem Sitzmöbel für den Innenbereich gleicht. Die reduziert gestaltete Arbeit ist einem Yogakissen nachempfunden, das zum Hinsetzen und Meditieren einlädt. Das Motto der Gartenschau „Inns Grün“ wird hier aufgegriffen und zu einem (selbst-)kommunikativen Objekt weiterentwickelt: Kommen Sie ins Grün, nehmen Sie Platz und reisen Sie ins Ich!
 

Erich Trummer: „Ich ist Banane“. Erich Trummer: „Ich ist Banane“. Anders als der erste Blick vermuten lässt, ist die Banane auf dem kreisrunden Präsentationssockel keine vergängliche Frucht, sondern ein Objekt aus weißem Marmor. Als solches verweigert sie sich einer repräsentativen Darstellung des Autors. Das Selbstporträt als Banane ist ein ephemeres, fast subversives Objekt, das nicht nur das Thema „Ins Ich“ ironisch unterwandert. Es befragt und kommentiert zudem die Wertigkeit von Kunstwerken.
 

Rudolf Wienerroither: „Das fragmentierte Ich“.Rudolf Wienerroither: „Das fragmentierte Ich“. Der weiße Marmorwürfel liegt in der Wiese, als wäre er eben erst heruntergefallen. In seine sechs Seiten sind schwarze Buchstabenfragmente eingeschrieben, die zusammengesetzt „Ich“ ergeben. Aber das Wort ist nie als Ganzes zu lesen. Kippt der Würfel, ist das „Ich“ in Schräglage oder sogar auf den Kopf gestellt. Es zeigt sich aus bisher unbesehenen Perspektiven.
 

Die Steinmetze und Arnold Reinthaler (in der Mitte mit Sonnenbrille und finsterem Blick), und Ehrengäste.Die Steinmetze und Arnold Reinthaler (in der Mitte mit Sonnenbrille und finsterem Blick).