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„Eine Million Gramm Granit“: Steinmetze aus Österreich beschäftigten sich künstlerisch mit einer Tonne heimischen Natursteins

Blick in den Parcours von „Eine Million Gramm Granit“.

Die Arbeiten können auf der Landesgartenschau Oberösterreich besichtigt werden

„Eine Million Gramm Granit“ lautete die Aufgabe, die sich Steinmetze aus ganz Österreich für eine Präsentation auf der Landesgartenschau Oberösterreich in Aigen-Schlägl gegeben hatten. Der ungewöhnliche Titel, den man auch banal in „Eine Tonne Granit“ umrechnen könnte, sollte die teilnehmenden 12 Handwerker und Firmen zu einem kreativem Umgang mit einem Stück Naturstein mit diesem Gewicht anregen.

Dabei ging es auch darum, jedes Gramm des Materials, das schließlich Millionen von Jahren alt ist, wertzuschätzen und Abfall möglichst zu reduzieren oder sogar ganz zu vermeiden.

Das Konzept und die künstlerische Begleitung stammten von Arnold Reinthaler, Steinmetzmeister und Künstler mit Doktortitel aus Wien. Er ist bekannt für große Materialkenntnis und gleichzeitig seine Begeisterung für ungewöhnliche Ideen. Die Koordination des Projektes hatte das Steinzentrum Hallein, eine Bildungseinrichtung für Österreichs Steinmetze.

Mit den 12 Arbeiten wurde auf dem Gelände der Gartenschau ein Parcours erstellt. Wir stellen die Arbeiten in ihrer Reihenfolge im Parcours vor.

Landesgartenschau Oberösterreich 2019 in Aigen–Schlägl, bis 13. Oktober

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Steinzentrum Hallein

Arnold Reinthaler

Fotos: Steinzentrum Hallein/Arnold Reinthaler

Ausgangspunkt war für alle Teilnehmer der gleiche rechteckige Kubus mit den Maßen 40 x 40 x 225 cm.Ausgangspunkt war für alle Teilnehmer der gleiche rechteckige Kubus mit den Maßen 40 x 40 x 225 cm. Es gab ihn in Schärdinger, Herschenberger, Schremser, Gebhartser, Steinwalder, Hartberger und Neuhauser Granit. Die teilnehmenden Steinmetze und Firmen bezahlten ihn aus eigener Tasche.

„Der Erste Schritt“ nannte Bildhauer Walter Baumann seine Arbeit in Kooperation mit Poschacher Natursteinwerke„Der Erste Schritt“ nannte Bildhauer Walter Baumann seine Arbeit in Kooperation mit Poschacher Natursteinwerke, bei der eine menschliche Figur aus dem Pfeiler heraustritt. Abfall wurde hier vermieden, indem die Skulptur gleichzeitig aus einem Positiv und einem Negativ der Figur besteht. Der Schritt, den die Figur macht, steht symbolisch für die Aufforderung an den Besucher, sich auf die Objekte des Parcours’ einzulassen.
 

Steinmetzmeister Erich Trummer nahm das Thema wörtlich und zerbrach den Kubus in viele kleine Einzelteile. Die verlegte er als „Steinernen Faden“ auf dem Gelände.Steinmetzmeister Erich Trummer nahm das Thema wörtlich und zerbrach den Kubus in viele kleine Einzelteile. Die verlegte er als „Steinernen Faden“ auf dem Gelände. Jedes der Bruchstücke ist natürlich ein Unikat – damit stellt die Arbeit auch einen selbstironischen Seitenhieb auf die Marketingstrategien der Steinbranche dar.
 

Helmut Moser zerschnitt das Ausgangsstück in 24 Segmente, die er neu zu einem Zifferblatt mit 2,2 m Durchmesser zusammensetzte.Helmut Moser zerschnitt das Ausgangsstück in 24 Segmente, die er neu zu einer Scheibe mit 2,2 m Durchmesser zusammensetzte. Dem so entstandenen Zifferblatt verweigerte er jedoch den Zeiger – schließlich liegt das Alter des Steins jenseits aller Zeitmessung, und wird ohne Zeiger eine Uhr quasi für eine Momentaufnahme angehalten. Verschiedene Oberflächenbearbeitungen zeichnen die Tag- und Nachtstunden nach.
 

Thomas Pisl nutze die Gelegenheit, um maßstabsgetreu die Geologie Österreichs darzustellen, nämlich das Granit- und Gneisplateau im nördlichen Landesteil.Thomas Pisl nutze die Gelegenheit, um die Geologie Österreichs darzustellen, nämlich das Granit- und Gneisplateau im nördlichen Landesteil. Er zerteilte den Ausgangsblock in 4 Teile und zeichnete in diesen Elementen nach, wie sich der Fluss von Freinberg (Passau) bis Sarmingstein in den steinernen Untergrund eingeschnitten hat. Die Darstellung ist maßstabgetreu.
 

Bernhard Baumgartner holte mit 4 präzisen Längsschnitten 9 gleich große Stäbe aus dem Pfeiler heraus.Bernhard Baumgartner holte mit 4 präzisen Längsschnitten 9 gleich große Stäbe aus dem Pfeiler heraus. Diese befestigte er aneinander und verschob sie leicht, so dass eine Art „Fliegender Fächer“, so der Titel, entstand. Es scheint, als habe er dem Stein Flügel gegeben, und als würde der nächste stärkere Windstoß die Skulptur davontragen.
 

„Steinvermehrung“ nannte Norbert Kienesberger seine Arbeit: er ließ ein Diamantseil im Längsschnitt verschiedene Formen aus dem Ausgangsstück schneiden.„Steinvermehrung“ nannte Norbert Kienesberger seine Arbeit: er ließ ein Diamantseil im Längsschnitt verschiedene Formen aus dem Ausgangsstück schneiden. Dabei entstanden Stäbe mit unterschiedlicher Form, wobei ein Stab aus dem anderen hervorging. Man mag nicht glauben, wie viel Volumen sich so aus dem Ausgangsblock gewinnen ließ.
 

„Kinderskulptur“ von Raimund Fuchs und seinen 3 Kindern.„Kinderskulptur“ nannte Raimund Fuchs seine Arbeit – „seine“ Arbeit? Er hatte die Aufgabe nämlich an seine 3 Kinder von 6, 8 und 10 Jahren abgetreten und ihnen die Gestaltung der 3 gleich großen Teilstücke des Kubus’ überlassen. Seine Arbeit bestand am Ende nur noch darin, deren Modelle in Stein zu übertragen und zusammenzufügen. Das habe er „mit Hingabe und Perfektion“ erledigt, genauso wie zuvor die Kinder ihre Prototypen erstellten, heißt es im Katalog des Projekts.
 

Während die Männer den Stein zerlegt hatten, kratzte Ernestine Lehrer nur ein wenig an seiner Oberfläche und ritzte dort ein Spiel mit Worten ein.Ernestine Lehrers Arbeit unterschied sich radikal von allen anderen Projekten. Während die Männer den Stein zerlegt hatten, kratzte sie nur ein wenig an seiner Oberfläche und ritzte dort ein Spiel mit Worten ein, aus dem am Ende sich ein „Das Bin Ich“ formte. Von den Millionen Gramm hatte sie nur wenige entnommen. Der Stein ist etwas vertieft ins Gelände gestellt, als wäre er vergraben oder würde versinken.
 

Für „Hier beginnt das Paradies“ hatte Hans Paar mit der Flex dreieckige Stäbe aus dem Kubus geschnitten.Für „Hier beginnt das Paradies“ hatte Hans Paar mit der Flex dreieckige Stäbe aus dem Kubus geschnitten. So entstanden Pfosten für einen 4 m langen Zaun. Besucher mögen sinnieren: Auf welcher Seite dieses Zauns liegt das Paradies? Bin ich schon dort? Könnten die Spitzen der Pfosten mich beim Weg dorthin verletzen?
 

Für „Der Gespiegelte Berg“ hatte Eva Holl den Gebirgszug Gosaukamm maßstabsgetreu aus dem Rohstück herausgeschnitten, das Erlebnis aber auf den Kopf gestellt.Für „Der Gespiegelte Berg“ hatte Eva Holl den Gebirgszug Gosaukamm maßstabsgetreu aus dem Rohstück herausgeschnitten, das Erlebnis aber auf den Kopf gestellt. Den Abfall hatte sie rundherum verteilt – so als würde sich da ein Berg aus Stein in einem See aus Stein spiegeln. Beteiligt war die Firma Strasser Steine.
 

Mit „Schlag für Schlag“ lud Wolfgang Gollner die Besucher zum Mitgestalten ein.Mit „Schlag für Schlag“ lud Wolfgang Gollner die Besucher zum Mitgestalten ein: er hatte auf allen 4 Seiten Schnitte in das Ausgangsstück gezogen – wenn nun ein Besucher mit dem Hammer dagegen hauen würde, würden diese schmalen Grate abbrechen und es würde sich allmählich die endgültige Form des Objekts herausschälen.
 

Mit nur einem einzigen Schnitt mit dem Diamantseil rückte Rudi Winterroither seinem Ausgangsstück zu Leibe - Material- und Energiesparen total!Mit nur einem einzigen Schnitt mit dem Diamantseil rückte Rudi Winterroither seinem Ausgangsstück zu Leibe – Material- und Energiesparen total! Er nannte das Ergebnis „Diogenes-Bank“.
 

Die Teilnehmer an dem Projekt „Eine Million Gramm Granit“. Auf der Bank links: Dr. Arnold Reinthaler.

Anmerkung: Das Projekt zeigt natürlich auch die Grenzen der Vermeidung von Abfall. Denn bei jedem Schnitt der Säge fällt Abfall an, nämlich Steinmehl entsprechend der Breite des Schnitts. Das ist unvermeidlich – eröffnet aber seinerseits auch Möglichkeiten für kreative Ideen zum Umgang mit diesem Abfall.

(14.07.2019)