Faszinierend sind die Bögen in der Fassade der frei stehenden neuen Markthalle in der französischen Stadt Saint-Dizier, besonders die großen mit einer Spannweite von 23 m an den Stirnseiten des eingeschossigen Gebäudes. Gestaucht sind die Varianten an den anderen Seiten: der kleinere hat noch sieben Meter Spannweite, der ganz kleine zwei Meter. Sie lassen die Markthalle offen erscheinen, und laden so die Passanten ein, ins Innere zu kommen, etwas zu kaufen oder die Gastronomie zu besuchen; die Mauern aus Massivsteinen hingegen erwecken den Eindruck von Beständigkeit und Stärke.
Solch einen Kern braucht die Stadt mit ehemals 35.000 Einwohnern dringend: Wie viele Kleinstädte überall in Europa ging die Zahl ihrer Bewohner über die Jahre zurück (zuletzt auf 25.000); die Innenstadt leidet unter der Konkurrenz durch die Einkaufszentren auf der grünen Wiese und durch den Online-Handel.
Im Jahr 2018 gab es deshalb einen Architektenwettbewerb für die Neugestaltung der alten Markthalle in der Ortschaft im Département Haute-Marne im Osten Frankreichs. Die Erwartungen waren hoch: Die „Neue“ sollte sozusagen eine Lokomotive für das Stadtleben sein, dies sowohl in wirtschaftlicher als auch in kultureller und sozialer Hinsicht.
Auf den Punkt gebracht: Sie sollte ein Ort für den Lebensstil der Bürger werden, auf dass diese sich wieder zu Hause fühlen würden.
Die technischen Herausforderungen waren nicht weniger groß: Unter dem großen Platz mitten in der Stadt fließt der Fluss Ornel, in den alten Kellern nisten Fledermäuse, die unter strengstem Schutz stehen, und der Untergrund ist denkbar ungeeignet für Fundamente.
Die Architekten des Kollektivs Studiolada mit Sitz in Nancy, nicht allzu weit entfernt, gewannen den Wettbewerb. Wir hatten schon häufiger Projekte von Christophe Aubertin und Aurélie Husson vorgestellt, wo sie massive Mauern aus Naturstein verwendeten und ungewöhnliche Lösungen realisierten.
Für die Markhalle in Saint-Dizier schufen sie quasi eine Schachtel, bei der die massiven Natursteinmauern mit den Bögen die Außenwände darstellen. Das Flachdach ist dazwischen aufgespannt und ruht auf einer besonderen Metallstruktur, die auch die Begrünung trägt.
Im Inneren der Halle von unten sieht man davon nichts: Es gibt eine markante Holzverkleidung, die die Architekten selber ziemlich treffend als „tanzend“ beschreiben. Sie ruht auf Stützen. Verwendet wurde Fichtenholz aus der Gegend, zugeschnitten und montiert von einem heimischen Betrieb.
Die Architekten merken zu der Bauweise an: „In Längsrichtung stabilisieren die Steinfassaden das Stahlgitter für das Dach; in seitlicher Richtung stabilisiert das Stahlgitter die Steinfassaden.”
An den kürzeren Seiten liegen Vorhallen, in denen nach der Art klassischer Wochenmärkte fliegende Händler ihre Waren anbieten können. Im Inneren der Halle handelt es sich eher um Geschäfte mit einer „eleganten Rustikalität“, wie die Architekten schreiben.
Durch die Vorhallen wiederum werden die Bögen noch markanter im Erscheinungsbild des Gebäudes.
Das Mauerwerk in den Fassaden macht mit seinen Fugen die Ableitung der Lasten vom Dach auch für den Laien sichtbar. Oben handelt es sich um hellen Maaskalkstein, die unterste Lage mit größeren Blöcken verwendet ein dunkleres Material. Übrigens: für die Fundamente mussten 36 Pfähle zwölf Meter tief in den Boden gerammt werden; das Gebäude steht auf einen Podest.
Putziges Detail: In den Bohrungen in den Steinen für die großen Bögen sitzen gerne die Spatzen.
Die Architekten betonen, dass sie mit regionalen Materialien und altbekanntem Handwerks-knowhow gearbeitet und traditionelle Bauweisen „neuinterpretiert“ haben. In einem Dokument zu dem Projekt formulieren sie ein Plädoyer für zeitgemäßes Bauen: „Der derzeitige Mangel an Arbeitskräften (am Bau) ist eine Folge des Verlusts an konstruktiver Qualität. Es ist dringend notwendig, den Handwerkern, den Gesellen und den Ingenieuren wieder einen zentralen Platz einzuräumen. Auch Architekten haben eine Rolle zu spielen.” Gemeint ist damit, dass das Bauen nicht allein nach Gesichtspunkten der Rendite erfolgen soll.
Bei den Nutzern scheint das Architekturkonzept anzukommen: Schon wenige Monate nach Inbetriebnahme der Markthalle dehnten die Geschäfte ihre Öffnungszeiten aus und wechselte die Gastronomie auf die auch woanders üblichen Geschäftszeiten.
Das Projekt gewann 2023 den Hauptpreis beim französischen Wettbewerb „Bauen mit Naturstein im 21. Jahrhundert”.
Die Steinarbeiten führte die Firma SNBR aus.
Collectif Studiolada (französisch)
SNBR (französisch)
Fotos: Olivier Mathiotte
Pläne: Collectif Studiolada










