Screenshot der Webpage der „Casa dei Pesci“.

Ob die Fische sich zu bestimmten Stunden in der Bucht von Talamone an der toskanischen Küste treffen, um über die Skulpturen im Unterwassermuseum „Casa dei Pesci“ zu debattieren, weiß man nicht. Seit Sommer 2024 hätten sie neuen Anlass dafür: Dort wurden fünf neue Skulpturen versenkt; sie reihen sich ein in die bereits aufgestellten knapp 30 Kunstwerke aus dem berühmten weißen Marmor aus den nahen Bergen von Carrara.

Und inzwischen ist das „Haus für die Fische“ um ein „Haus für die Kraken“ (Casa dei Polpi) erweitert worden: Für sie wurden in der Bucht künstliche Terrakotta-Höhlen verteilt, in denen sie ihre Eier ablegen können.

Zuletzt hatten nämlich illegale Fischer 100.000 Fallen im Meer versenkt, in die die Oktopusse bei ihrer Suche nach Laichplätzen geraten sollten.

Claudia Zanaga: „Sogno di un Pescatore“ (Fischers Traum).

Die Geschichte beginnt vor 40 Jahren mit dem Fischer Paolo Franciulli: Er hatte festgestellt, dass die illegale Schleppnetzfischerei direkt vor der Küste seine Lebensgrundlage zerstörte. Solche Netze, die über den Meeresboden gezogen werden, räumen alles Lebendige ab und reißen zudem das Seegras aus dem Boden, das die Meerestiere brauchen.

Franciulli schrieb Briefe an die Presse und an Behören, legte sich in den 1980ern auch handfest mit den Illegalen an, holte sich dann Beratung bei Greenpeace und dem WWF und warf schließlich Betonbrocken als Störfaktoren gegen die Netze ins Meer.

1992 begann er mit seinem Fischtourismus: Auf seinem Boot nahm er internationale Besucher mit aufs Meer, schilderte ihnen eindringlich die Misere und führte vor, dass und wie nachhaltige Fischerei möglich ist.

Von den Gästen hörte er über andere Aktionen von Künstler, etwa von Agnes Denes aus den USA, die 1982 auf einem Schuttgelände am World Trade Center in Manhattan Mutterboden verteilte und Weizen anpflanzte.

Damit war für Franciulli der Weg in die Berge vorgezeichnet: Er bat Steinbruchbesitzer um Spenden von Marmorblöcken, sprach internationale Bildhauer an und ließ sie am Hafen an Ort und Stelle ein Werk realisieren.

In einem Video resümmiert er über seine „Arte di Difendere il Mare“ (Kunst, das Meer zu verteidigen): Richtige Aufmerksamkeit habe sein Projekt erst bekommen, als er nicht mehr Beton in Meer warf, sondern dort Kunstwerke aufstellte. Wir fügen hinzu: Wirkungsvoll war auch, dass der verwendete Stein aus den Brüchen von Michelangelo kam.

Marketing also, vom Feinsten. Und so blieben auch 2024 die neuen Skulpturen eine Weile im Hafen stehen, bis sie vor der Presse von einem Schwimmkran aus versenkt wurden.

Emily Young: „The Young Guardian.“

Auf der Webpage der Casa dei Pesci kann man die Skulpturen anschauen. Sie sind, nun ja, nicht unbedingt bis ins kleinste Detail ausgearbeitet. Aber ihre Rolle ist ja auch nicht die der feinen Kunst.

Vielmehr sollen sie ihren Teil dazu beitragen, dass die Aktivisten der Casa dei Pesci mit den Bergen das Meer retten können.

Zuletzt wurden drei große Barrieren aus Betonblöcken vor dem Regionalpark Maremma platziert, um die illegale Fischerei nun auch im Mündungsgebiet des Ombrone zu behindern.

Von Talamone gibt es indes gute Nachrichten: Die Wiesen aus Neptungras haben sich wieder gebildet, und auch die Schwärme des Blauen Thunfischs sind wieder da. Die ältesten Marmorskulpturen auf dem Meeresgrund sind schon dick bewachsen mit allerlei Wasserpflanzen, und sind, anders als wir eingangs gemutmaßt haben, in der Rolle als Kunstwerke für die Fische wohl gar kein Thema mehr.

Casa dei Pesci

Galerie der Kunstwerke

Fotos: Casa dei Pesci