Abnahme der marmornen Deckplatte des Sarkophags von Otto dem Großen Anfang März. Foto © Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, A. HörentrupDie vom Steinkasten abgenommene, repräsentative Deckplatte, die von Wiener und Bochumer Spezialisten für die Herkunftsbestimmung antiken Marmors untersucht wurde. © Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Andrea Hörentrup

Ein überraschendes Zwischenergebnis haben die aktuellen Untersuchungen am Grabmal des Kaisers Ottos des Großen im Magdeburger Dom ergeben: Die Deckplatte des Sarkophags stammt eindeutig nicht aus Steinbrüchen in Italien oder Griechenland, sondern aus den Prokonnesos-Brüchen (heute: Marmara-Insel nahe Istanbul). Das haben Materialuntersuchungen durch Forscher aus Wien und Bochum ergeben.

Allerdings: Es ist weiterhin wahrscheinlich, dass sie erst über den Umweg Italien nach Magdeburg gelangten.

Die Untersuchungen fanden im Rahmen eines Kooperationsprojektes der Kulturstiftung Sachsen-Anhalt und des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie (LDA) Sachsen-Anhalt statt.

Otto der Große (912 – 973) ist eine der zentralen Figuren der europäischen Geschichte. Mit seiner Kaiserkrönung im Jahr 962 in Rom knüpfte er, wie Karl der Große rund 150 Jahre zuvor, an den alten Traum eines europäischen Gesamtreiches nach dem Vorbild der Römer an. Neu war, dass sie sich als christliche Herrscher verstanden.

Sein Grabmal im Magdeburger Dom ist von kulturgeschichtlich größter Bedeutung, war aber zuletzt so stark beschädigt, dass rigorose Maßnahmen für die Rettung notwendig wurden. Dazu gehörte, den Marmor-Deckel auf dem Steinsarkophag abzunehmen. Das geschah im März 2025, wodurch sich die einmalige Gelegenheit ergab, das Denkmal genauer zu untersuchen.

Der Sarkophag Ottos des Großen an zentraler Stelle im Magdeburger Dom. © Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, Christoph Jann

Im Inneren des Kalkstein-Außenkastens steht der Holzsarg. Über die Analysen hatten wir schon berichtet.

Schon länger war bekannt, dass es sich bei der Deckplatte um wiederverwendetes antikes Material handelte. Bisher aber hatten die Experten als Steinsorte Carrara- oder Cipollino-Marmor (aus den Apuanischen Alpen in Italien) beziehungsweise aus Brüchen auf der griechischen Insel Euböa vermutet. Das beruhte auf Untersuchungen an sehr kleinen Proben.

Die Lebensdaten von Otto und weitere Fakten hatten das nahegelegt.

Nun haben zwei Spezialisten für die Herkunftsbestimmung antiker Marmore, nämlich Walter Prochaska und Vasiliki Anevlavi vom Österreichischen Archäologischen Institut an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (Wien) und Vilma Ruppiene vom Institut für Archäologische Wissenschaften der Ruhr-Universität Bochum, die Platte mit wissenschaftlichen Methoden an „repräsentativen Proben“ untersucht, wie es in einer Pressemitteilung heißt.

Dazu entnahmen sie zwei Bohrkerne mit jeweils etwa 1,5 cm Durchmesser aus dem weißen Bereich sowie aus einer dunklen Lage der Platte. Dünnschliffe dieser Proben wurden unter dem Mikroskop einer petrographischen Analyse unterzogen. Daneben wurde das Gestein auf seine isotopische und chemische Zusammensetzung hin untersucht.
Die Ergebnisse wurden mit etwa 7.500 Steinbruchproben aus den klassischen antiken Lagerstätten des Mittelmeerraums, aus Norditalien und dem Ostalpenraum verglichen.
Die Ergebnisse belegen eindeutig, dass der Marmor der Grabplatte aus den Lagerstätten von Prokonnesos stammt.

Seit der archaischen Epoche (7./6. Jahrhundert vor Christus) bis heute wird dort hochwertiger Naturstein abgebaut.

Für die anstehenden Dokumentations-, Sicherungs- und Forschungsarbeiten wurde im Hohen Chor des Magdeburger Doms eigens eine Einhausung errichtet. Foto © Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, A. Hörentrup

Der prokonnesische Marmor ist weiß und weist streng begrenzte graue Bänder von unterschiedlicher Intensität und selten auftretender Verfaltung auf. Üblicherweise wurden die Werkstücke in der Antike so geschnitten, dass die Bänderung der Längsachse folgte.

Die bei der Grabplatte Ottos vorliegende Struktur von eng verfalteten Bändern mit aufgelösten und gezackten Rändern schräg zur Längsachse wurde wohl erst in der Spätantike Mode, vermuten die Experten.

Beispiele für prokonnesische Marmore dieses Typs sind in großer Zahl unter anderem aus der Hagia Sophia in Istanbul, San Marco in Venedig und insbesondere aus Ravenna bekannt. Dort wurden sie zur Wandbekleidung, als Bodenbelag und als Säulen genutzt.

Da Otto I. sich etwa zehn Jahre seines Lebens in Oberitalien aufhielt, konnte man mit großer Wahrscheinlichkeit vermuten, dass die Platte für sein Grab auch von dort stammte.

Nur: Dass sie direkt aus den Steinbrüchen der Prokonnesos auf den Weg nach Magdeburg ging, kann nun nicht mehr sein.

Es war auch zuvor schon aus logistischen und politischen Gründen unsicher: Schließlich ist bereits für Karl den Großen überliefert, dass er Marmorspolien in Rom und Ravenna kaufen musste, da er sie woanders nicht bekam.

Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie (LDA) Sachsen-Anhalt

Mikroskopische Aufnahme der Marmorprobe aus dem weißen Bereich der Grabplatte im Polarisationsmikroskop, mit dem charakteristischen, ungleichkörnigen ›Mörtel‹-Gefüge des prokonnesischen Marmors. © Institut für Archäologische Wissenschaften der Ruhr-Universität Bochum, Vilma RuppieneMikroskopische Aufnahme der Marmorprobe aus dem grauen, deutlich feinkörnigeren Bereich der Grabplatte im Polarisationsmikroskop. © Institut für Archäologische Wissenschaften der Ruhr-Universität Bochum, Vilma Ruppiene