Eigentlich geht es nur um Wellness, aber wenn es nur das wäre, hätte die Unesco nicht im Jahr 2025 der Schwimmbadkultur in Island den Rang eines Immateriellen Kulturerbes der Menschheit verliehen. Denn modische Trends im Alltag eines Landes können diesen Status nicht bekommen. Auf der Arktisinsel unweit von Grönland jedoch pflegt man das Baden und ebenso Schwimmen im warmen Wasser schon seit vielen Jahrhunderten, und es verbindet nicht nur Land und Leute, sondern auch die Menschen mit den natürlichen Gegebenheiten dort, sprich: mit der Geothermie und dem Vulkanismus.
Die aufmerksamen Leser wissen schon, worauf wir hinauswollen, und weshalb wir überhaupt über diese isländische Besonderheit berichten: Die Sache hat ihren Kern in der Erde und den Steinen, nämlich in der Tatsache, dass sich auf dem Meeresboden durch den Atlantik von Norden nach Süden ein Riss zieht, an dem dauernd Lava aus dem Erdinneren austritt, auch andauernd Vulkane ausbrechen oder Erdbeben vor sich gehen.
Solche Bruchzonen gibt es in unterschiedlicher Beschaffenheit auch in den anderen Ozeanen und auch auf den Kontinenten.
Der Riss, von dem hier die Rede ist, Transatlantischer Rücken genannt, kommt bei Island an die Oberfläche und teilt die Insel gewissermaßen in zwei Hälften – mit der amerikanischen Kontinentalplatte auf der einen Seite und der eurasischen Platte auf der anderen. Die Insel hat Vulkane, Geysire und heiße Quellen im Überfluss – und wie auch anderswo auf unserem Planeten haben sich die Menschen an die örtlichen Gegebenheiten angepasst und ihre Freude daran gefunden.
Die isländische Schwimmbadkultur scheint sich tatsächlich durch den Alltag der Bürger zu ziehen, wenn wir den Videos am Fuß dieser Webpage glauben dürfen. Dort berichtet jemand, dass er morgens einige Bahnen schwimmt, dann in die Sauna geht und schließlich noch eine Zeit im „hot pot“ verbringt. Dort trifft er schon auf die Kollegen, mit denen er nachher im Büro wieder zusammenkommen wird.
Besonders wichtig im Pot ist wohl das lockere Abhängen, modern gesagt: das Networking – bei der Betrachtung der Videos fühlt man sich gelegentlich an einen Waldtümpel im Hochsommer in Mitteleuropa erinnert, wo die Frösche sich manchmal an einem Ufer versammeln und mal hier und mal da ein „Quak“ loslassen.
Auf einer Website werden die Swimmingpools gar als „Debattierclubs“ eingestuft, was an anderer Stelle aber abgestritten wird: Eine der Grundregeln für die Gespräche im Wasser sei, sich von Politik als Thema fernzuhalten.
Und, bezüglich der Ernsthaftigkeit von solcherart Gedankenaustausch: „Im Pool kann man alle Probleme lösen,“ sagt einer mit einem Schmunzeln, „nur halten diese Lösungen bloß einen Tag – dann muss man wieder in den Pool.“
Gelassenheit scheint also ein wichtiger Bestandteil der Schwimmbadkultur zu sein. Vielleicht geht das darauf zurück, dass das Wasser die Menschen trägt, wenn sie sich ihm anvertrauen, und bekanntlich ist auch angemessene Wärme rund um den Körper behaglich. Man könnte also sagen, dass die Isländer sich mit der Swimmingpool-Kultur die Temperatur, Feuchtigkeit und Behaglichkeit der Tropen in ihr Zuhause geholt haben.
Wohlgemerkt: Von Moskitos haben wir bei den isländischen Pools nichts gelesen.
Schwimmen zu lernen ist für die Kinder ein wichtiger Teil des Lebens in Island, und in den Pools scheint es Regeln zu geben, an die sich alle halten.
Beim Durchschauen der Videos und beim Lesen der vielen Beschreibungen haben wir uns gelegentlich schon gefragt, ob die (männlichen) Jugendlichen dort nicht auch mal Wasserbomben machen, herumspritzen oder anderes Imponiergehabe vorführen wollen.
Ach ja, die Steine. Als früheste Zeugnisse der Schwimmbadkultur gelten die Snorralaug, die in den Jahrhunderten um 1000 n. Chr. in den Lavafels gehauen oder aus Lavasteinen gemauert wurden.
Heute findet man in manchen Luxushotels aufwändige Landschaften aus diesem Vulkangestein, die den Touristen das Gefühl von Freiheit und Abenteuer unweit des Polarkreises vorspielen. Wir zeigen Fotos der Anlage von Krauma, 97 km von der Hauptstadt Reykjavík entfernt.
Unter den Isländern selbst scheinen sich aktuell Hot Pots direkt am Meeresufer besonderer Beliebtheit zu erfreuen: Man nimmt zunächst ein Bad im Ozean, dessen Wassertemperatur oft einstellig ist, und hängt dann den Rest der Zeit im frei stehenden Pot ab.
Der Kopf bleibt über Wasser, natürlich.





