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Die neue James-Simon-Galerie auf der Berliner Museumsinsel ist ein Schmuckstück, das in die ganze Stadt strahlt

Blick von der Schlossbrücke auf die James-Simon-Galerie. Foto: Peter BeckerDie James-Simon-Galerie mit der Freitreppe. Foto: Ute Zscharnt für David Chipperfield Architects

Der Architekt David Chipperfield schuf mit Marmor-Beton als Material einen Kontrast zu und gleichzeitig eine Anbindung an die alten Gebäude

Ein Schmuckstück für Berlin ist die neue James-Simon-Galerie auf der Museumsinsel. Der britische Architekt David Chipperfield hat das Kunststück vollbracht, das dringend benötigte zentrale Besuchergebäude auf das Gelände des Unesco Weltkulturerbes zu bringen und es auch noch in die altehrwürdigen Bauten dort zu integrieren. „Es ist atemberaubend schön“ hieß es bei der Pressekonferenz. „Es strahlt in die ganze Stadt“, war von Seiten der Architekten schon vorher zu lesen.

Bevor wir darlegen, wie David Chipperfield das erreicht hat, eine Erklärung zum Namen des Neubaus. James Simon war ein herausragender jüdischer Mäzen im Berlin der Kaiserzeit. Als millionenschwerer Händler stellte er nicht nur Geld für wichtige Grabungskampagnen im Orient zur Verfügung, sondern war auch ein engagierter Sammler, der dennoch viele seiner Schätze der Öffentlichkeit schenkte. Wir wollen nur die Nofretete als eines der Beispiele nennen.

James Simon, ca 1901. Foto: privat

Schließlich: Nicht zuletzt gab er viel Geld für soziale Zwecke, etwa für Badeanstalten für Arme und Arbeiter.

Ausdrücklich verwiesen bei der Pressekonferenz Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, und Michael Eissenhauer, Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin, auf die Bedeutung, die James Simons Wirken auch noch heute für die Berliner Kulturlandschaft hat. Und nicht nur seins: Simon war letztlich nur die herausragende Figur unter den vielen Mäzenen jüdischen Glaubens.

Nachdem zwischen 1830 und 1930 das Museumsensemble auf der Insel zwischen den beiden Spreearmen (Spree und Kupfergraben) geschaffen worden war, war ein Grundstück unbebaut geblieben. Auf ihm wurde nun das zentrale Zugangsgebäude errichtet.

Die wichtigste Aufgabe des Neubaus ist der Besucherservice, also Cafes und Restaurant, ein Buchladen und Sanitäreinrichtungen auf modernem Niveau.

Chipperfield hat sich bei seinem Entwurf einerseits an der Architektursprache der alten Bauwerke orientiert, gleichzeitig aber einen starken Gegensatz zu ihnen hingestellt. So findet man zwar auch an der James-Simon-Galerie Säulen als prägendes Element der Fassaden. Aber es sind nicht die monumentalen Rundlinge aus Naturstein wie einst, sondern schlanke, rechteckige Pfeiler.

Jede ihrer Seiten misst nur 28 cm (bei 9 m Höhe), was sie luftig und leicht sowie, man muss es so ausdrücken, „jung“ erscheinen lässt. Hinweis: in jedem 8. Pfeiler läuft ein Regenrohr herab, was eine Verstärkung dieser extrem verdünnten Elemente mit Edelstahl notwendig machte.

Die 100 m lange Pfeilerkolonnade. Foto: Ute Zscharnt für David Chipperfield Architects

Entlang des Spreekanals gibt es eine 100 m lange Reihe mit 92 dieser Pfeiler.

Pergamonmuseum (links), James-Simon-Galerie (rechts). Foto: Ute Zscharnt für David Chipperfield Architects

An ihrem Ende stößt sie auf die massive Fassadenverkleidung des Pergamonmuseums.

Bemerkenswert ist, wie sensibel Chipperfield die Materialien einsetzt: den Kalk- beziehungsweise Sandstein der alten Gebäude führt er beim Neubau als perlgrauen Beton fort. Und nicht nur die warme Anmutung der Natursteine hat er durch die Kühle des Betons ersetzt: dieser Beton ist ein ganz besonderes Material, das ein paar Bemerkungen verdient.

Der perlgraue Marmor-Beton an den Außenfassaden der James-Simon-Galerie. Foto: Peter BeckerDer perlgraue Marmor-Beton an den Außenfassaden der James-Simon-Galerie. Foto: Peter Becker

Ihm sind nämlich Splitter eines Marmors aus einem Bergwerk im Erzgebirge beigemischt. Seine Oberfläche ist sandgestrahlt, was ihm ein lebhaftes Erscheinungsbild gibt, wie man es zum Beispiel auch bei jenem Kalkstein findet, der im Gebäudeinneren auf dem Boden liegt.

Dabei ging es dem Architekten nicht nur partout um jene perlgraue Farbe, für die man erst nach etlichen Versuchen den richtigen Sand als zugabe fand. Auch sollte jede Außenseite der Pfeiler beim Sandstrahlen identisch mit den anderen Seiten herauskommen, so dass man den Beton auf einem Rütteltisch hart werden ließ, weil sich sonst die relativ großen Marmorsplitter auf der Unterseite angesammelt hätten.

Lieferant des Marmor-Betons war die Firma Dreßler Bau, die auch schon Chipperfields Sandstein-Beton für das Neue Museum nebenan geliefert hatte. Ausführlich ist das Material in der Zeitschrift Detail (6/2018) beschrieben.

Die Säulenkolonnade vor der Alten Nationalgalerie  wurde mit den Pfeilern aus Marmor-Beton verlängert. Foto: Peter Becker

Die Anbindung zwischen alt und neu erreichte Chipperfield auch, indem der die alte Säulenkolonnade, die von von der Alten Nationalgalerie herüberkommt, mit seinen modernen Pfeilern weiterführte. Dadurch entstand auch ein neuer Innenhof zwischen den Gebäuden.

Schließlich: die bei den Architekten vergangener Zeiten beliebte große Geste einer Freitreppe versagte Chipperfield sich nicht. Die oberen Geschosse der James-Simon-Galerie sind durch einen solchen dekorativen Aufgang zu erreichen, zu dem es in den Presseunterlagen heißt, er werde einmal zu Berlins „Spanischer Treppe“, wo sich die Bürger vor Ort mit den Bürgern von anderswo treffen würden.

Das ist durchaus nicht unwahrscheinlich, denn unter der 100 m langen Pfeilerreihe liegt ein Cafe und Restaurant, das unabhängig von den Öffnungszeiten der Museen zugänglich sein wird.

Besonderheit der Funktion der James-Simon-Galerie als Zentralzugang der Museumsinsel ist, dass dieser gleichzeitig von allen 3 Ebenen des Gebäudes aus erfolgt: von den beiden oberen Ebenen hat man Zugang zum angrenzenden Pergamon- beziehungsweise zum Neuen Museum; im Erdgeschoss beginnt die Archäologische Promenade, die unterirdisch die gesamte Insel erschließt. Auch sie wird einmal ein Schmuckstück.

Holzverkleidung der Schließfächer. Foto: Peter BeckerHolzverkleidung im Eingang im Erdgeschoss. Foto: Peter Becker

Noch ein Wort zu Chipperfields Umgang mit den Materialien: im Eingang im Erdgeschoss und überall in den Servicezonen sind die Wände mit Holz verkleidet, das spiegelbildlich angeordnet ist. Wobei etwa bei den Wänden mit den Schließfächern die Bahnen unabhängig von den Türen der Fächer verlaufen.

Zeitgleich mit der Eröffnung der Galerie wurde übrigens das James Simon Kabinett im heutigen Bodemuseum am anderen Ende der Insel wiedereröffnet. Als einzige Gegenleistung für seine vielen Spenden hatte Simon sich gewünscht, dass man im Bodemuseum ihm ein Kabinett einrichten möge, das dort für 100 Jahre verbleiben würde.

Schon nach 34 Jahren, als die Nazis an die Macht gekommen waren, wurde es ausgeräumt und war seitdem nicht wieder hergestellt worden.

Eröffnet wird die James-Simon-Galerie am 13. Juli 2019 mit einem Museumsfest.

James Simon Galerie

Masterplan Berliner Museumsinsel

Dreßler Bau (deutsch)

Detail der alten Ufermauer am Kupfergraben. Foto: Peter Becker

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(11.07.2019)