Professor Giuseppe Fallacara entwirft und baut eine Konzertmuschel aus sechseckigen Naturstein-Elementen

Guiseppe Fallacara vor seiner Konzertmuschel aus Steinelementen auf der Messe Rocalia. Foto: Nicolas Rodet

„Stereotomie“ nennt sich die uralte Richtung der Architektur, die das Gewicht des Steins für die Konstruktion nutzt

Wie er auf die Idee gekommen sei, eine Konzertmuschel mal aus Naturstein zu errichten, haben wir Professor Giuseppe Fallacara vom Politecnico in Bari und Direktor der New Fundamentals Research Group gefragt, und er meinte nur lachend: „Ich hatte noch nie so etwas in Stein gesehen.“ Was dabei herausgekommen ist, war eine der Attraktionen auf der Messe Rocalia Anfang Dezember 2019 im französischen Lyon.

Fallacara nimmt die Dinge zwar gerne locker und unprätentiös, aber mit großer Ernsthaftigkeit. So steckt hinter der hübschen Konstruktion aus kleinen Naturstein-Sechsecken eine interessante Architekturtheorie, „Stereotomie“ genannt.

Bauen erfolgt nämlich danach nicht im Zusammensetzen immer gleich Mauersteine, sondern in einer Grammatik individueller Elemente, von denen jedes seine eigene Form hat. Naturstein, der heutzutage von CNC-Robotern und Seilsägen sehr präzise und kostengünstig zugeschnitten werden kann, bekommt dadurch eine ganz neue Alleinstellung gegenüber anderen Materialien: Mit Beton zum Beispiel wären solche Konstruktionen sehr teuer, weil für jedes Element eine eigene Gussform hergestellt werden müsste.

Das Ganze beruht darauf, dass das Gewicht, das Marmor, Granit & Co kennzeichnet, als Stärke dieser Materialien anerkannt und für die Konstruktion genutzt wird, so wie es früher in selbsttragenden Bögen für Brücken oder Gewölben für Kathedralen geschah.

Die Konzertmuschel auf der Rocalia war ein modernes Beispiel dafür.

Wieso die Konstruktion ganz ohne Stützen dasteht und nicht nach vorne kippt, erkennt man auf der Rückseite: dort verbinden Stahlbänder die Elemente miteinander. Ein Video zeigt, wie die einzelnen Sechsecke an nur einem Tag aufeinandergesetzt und verbunden wurden.

Screenshot aus dem Video über den Aufbau der Konzertmuschel.Screenshot aus dem Video über den Aufbau der Konzertmuschel.

Jedes Element hat auf der Rückseite einen Haken, mit dem es per Kran an seiner vorgesehenen Stelle platziert wird; danach dienen die Haken als Befestigungen für die Stahlbänder.

Ausgeführt wurden die Arbeiten von den Compagnons du Devoir du Tour de France. Das ist das Netzwerk der Steinmetze und anderer Handwerker auf ihrer Wanderschaft.

Wichtig beim Zuschneiden ist, dass die Seiten der Elemente ganz genau zueinanderpassen. Nur so kann die Last in die Fundamente abgeleitet werden.

Die theoretischen Vorarbeiten waren in einem ähnlichen Projekt von Fallacara für die süditalienische Stadt Matera durchgeführt worden (veröffentlich im Nexus Network Journal Architecture and Mathematics, 20/2018; Link siehe unten).

Rendering aus Nexus Network Journal Architecture and Mathematics (20/2018).

Das Modell zeigt die Konzertmuschel als Rundum-Struktur – man erkennt, dass hier, anders als beim Rocalia-Projekt, sich die Steintypen pro senkrechte Reihe wiederholen, was die Herstellung der Elemente in größerer Zahl weiter verbilligt.

Auch hier ist es das Gewicht, das die Sechsecke an ihrem Ort hält.

Wo könnte man sich Einsatzgebiete für die steinerne Konzertmuschel vorstellen? Unter Verweis auf den schnellen Auf- und Abbau meint Fallacara, dass man die Konstruktion überall errichten könnte, wenn gewünscht auch nur zeitweilig. Man könnte damit ein wenig von „der kulturellen Atmosphäre eines alten griechischen Theaters schaffen“, mailt er auf unsere Frage.

Was das für den Aufbau notwendige Gerüst angeht, will er es demnächst mit einem pneumatischen Kissen versuchen.

Im Fazit zum Studentenprojekt für Matera werden die Stärken der Stereotomie zusammengefasst: „Wer als Architekt die Stereotomie fließend beherrscht, hat die Werkzeuge für den Entwurf überdachter Räume, bei denen Form, Material und Struktur Teil des Designprozesses sind. Mehr noch weiß er, wie die ganze Konstruktion in einzelne Elemente heruntergebrochen werden kann und wie diese materialisiert werden können.“

Atelier Fallacara d’Architettura

New Fundamentals Research Group

Nexus Network Journal Architecture and Mathematics (20/2018)

Die Konzertmuschel auf der Messe Rocalia. Foto: Messe

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(28.02.2020)