Der neue Erweiterungsbau für das Kunsthaus Zürich ist klar und einfach von außen, aber überraschend vielfältig innen

David Chipperfield Architects: Erweiterungsbau für das Kunsthaus in Zürich.David Chipperfield Architects: Erweiterungsbau für das Kunsthaus in Zürich.

Die Architekten von David Chipperfield stellten mit verschiedenen Natursteinen an den Fassaden und auf den Böden vielfältige Bezüge zur Umgebung her

Klar und einfach ist der neue Erweiterungsbau für das Kunsthaus in Zürich von außen, überraschend vielfältig innen. Die Materialien spielen dabei eine wichtige Rolle: Naturstein prägt die Fassade, innen dominiert Sichtbeton ergänzt mit Holz und Messing.

Bemerkenswert ist, wie die Architekten des Büros David Chipperfield im Detail mit den Materialien umgegangen sind. So wurde der Liesberger Jura-Kalkstein aus der Schweiz für die Verkleidung der Außenfassaden nicht in Form der üblichen vorgehängten Platten verwendet. Vielmehr ist er vom Boden aus aufgemauert.

Die Natusteinfassade mit den Gesimsen und Pfeilern von den Fenstern aus Kunststein.
Precast Stone as moldings and pilasters in fromt of the windows.

Lisenen (vorspringende Linien) in der Fassade geben dem Kubus einen deutlichen Rhythmus. Dies lebendige Fassadengestaltung unterschiedet das neue Gebäude vom gegenüberliegenden Altbau (Moser-Bau), der aus dem Jahr 1910 stammt und den Stil der damaligen Zeit zeigt. Es trägt Bollinger Sandstein an der Fassade.

David Chipperfield Architects: Erweiterungsbau für das Kunsthaus in Zürich.

Gleich noch ein Detail: auf dem Boden des Altbaus liegt Marmor, und der taucht auch im neuen Erweiterungsbau auf. Eigentlich hatten die Architekten geplant, mit dem Stein eine unübersehbare Verbindung zwischen alt und neu zu schaffen, und zwar über die Straße hinweg, indem dieser Krastaler Marmor quasi aus dem Altbau herausfließt, über den Heimplatz mit seinen Haltestellen für die Straßenbahn hinwegführt und dann quasi den Erweiterungsbau betritt.

Das wurde jedoch nicht realisiert – allerdings steht die Neugestaltung des Heimplatzes noch aus.

Der Tunnel zwischen dem Altbau (links) und dem Erweiterungsbau.

Realisiert wurde jedoch eine unterirdische Verbindung der beiden Gebäude. In dem Tunnel dort findet man den Marmor als Bodenbelag.

Ausdrücklich wollten die Architekten eine Verbindung zwischen Kunst im Innenraum und der Stadt draußen. Schon in der Ausschreibung für den internationalen Wettbewerb hieß es, dass die Stadt als Bauherr nicht einen exklusiven Tempel für die Künste als vielmehr einen Ort auch für zufällige Passanten wünschte.

David Chipperfield Architects: Erweiterungsbau für das Kunsthaus in Zürich.David Chipperfield Architects: Erweiterungsbau für das Kunsthaus in Zürich.Der Altbau (links), in der Mitte der Erweiterungsbau und dahinter rechts der „Garten der Kunst“ und die historische Kantonsschule.

Auch deshalb hat das Erdgeschoss im Erweiterungsbau eine markante Gestaltung: es verläuft offen von vorne bis hinten durch das Gebäude und führt optisch dahinter noch weiter, nämlich hangaufwärts durch den „Garten der Kunst“ zur historischen Kantonsschule, einem weiteren Gebäude mit markanter Natursteinfassade.

Das Erdgeschoss mit den Servicebereichen sowie einem Café und einer Bar kann ohne Eintrittskarte fürs Museum betreten werden.

David Chipperfield Architects: Erweiterungsbau für das Kunsthaus in Zürich.

Die beiden Obergeschosse stehen für Ausstellungen zur Kunst der Gegenwart zur Verfügung. Es gibt Räume mit unterschiedlichen Größen, so dass die Objekte auch unterschiedlich in Szene gesetzt werden können. Einheitlich ist das Eichenparkett auf dem Boden mit einer warmen Ausstrahlung und ebenso der kühle Sichtbeton an den Wänden.

David Chipperfield Architects: Erweiterungsbau für das Kunsthaus in Zürich.David Chipperfield Architects: Erweiterungsbau für das Kunsthaus in Zürich.

Mit Messing haben die Gestalter gespielt: einzelne Durchgänge sind damit verkleidet (dahinter verbirgt sich der Lärmschutz); der große Saal trägt als Wandverkleidung Röhren aus diesem Metall.

David Chipperfield Architects: Erweiterungsbau für das Kunsthaus in Zürich.David Chipperfield Architects: Erweiterungsbau für das Kunsthaus in Zürich.

So weit möglich, haben die Architekten durch raumhohe Fenster oder Oberlichter das Tageslicht in die Räume geholt. Grund dafür war nicht nur, das Gebäude auch von innen als offen erlebbar zu machen, sondern auch, den Energieverbrauch für Beleuchtung zu reduzieren.

Rigoros waren die Vorgaben, was die CO2-Bilanz des Gebäudes sowohl von seiner Bauweise als auch vom Betrieb angeht. Wir nennen einige Aspekte:
* zugunsten von Naturstein als Fassadenverkleidung sprach dessen Öko-Bilanz;
* zu 90% besteht der Beton aus Recyclingmaterial, was für einen Sichtbeton besondere Anforderungen stellte;
* ein besonderer Zement half hier beim Erreichen niedriger CO2-Werte;
* mit thermoaktiven Elementen konnte die Last der – unbedingt notwendigen – Klimatisierung verringert werden: es handelt sich um ein Rohrsystem in den Wänden, das im Sommer Kälte aus dem Untergrund unter dem Garten der Künste in die Räume holt und umgekehrt im Winter die unterirdisch gespeicherte Sommerwärme wieder nutzbar macht;
* Fotovoltaik auf den Dächern.

„Damit produziert das Gebäude rund 10% seines Stromverbrauchs selbst. Die anderen 90% stammen ausschließlich aus Schweizer Wasserkraftwerken. Der Energiebedarf der Kunsthaus-Erweiterung wird also vollständig aus erneuerbaren Quellen gedeckt“, heißt es in einer Darstellung der Architekten.

Mit dem Erweiterungsbau hat das Kunsthaus seine Ausstellungsfläche nahezu verdoppelt. Bisher konnten nur rund 10% der Werke gezeigt werden. Hier soll nun vor allem die Kunst ab den 1960ern gezeigt werden. „Daneben bietet das neue Haus Raum für Performances, Installationen und Werke aus nicht-europäischen Kulturen”, schreiben die Museumsmacher. Damit will man auch aufzeigen, wie sich die verschiedenen Gattungen der Kunst zueinander verhalten.

Kunsthaus Zürich

David Chipperfield Architects

Video

Die Schweizer Firma Staudtcarrera AG lieferte den Liesberger Jura-Kalkstein für die Fassaden sowie den Betonwerkstein für die Lisenen vor den Fenstern und für die Gesimse.

Die Firma Lauster Steinbau lieferte den Krastaler Marmor für die Böden.

Fotos: Noshe

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(12.03.2021)