Michael Picco: „Wir müssen mehr mit grünen Fakten über Naturstein informieren, zum Beispiel mit Umwelt-Produktdeklarationen (EPDs) und Ökobilanzen“

Michael Picco. Foto: privat

Der aktuelle Präsident des Natural Stone Institute (NSI) sieht den Zeitpunkt günstig, um sogar zu international standardisierten Datenblättern für Marmor, Granit & Co. zu kommen

Michael Picco ist für 2021 Präsident des US-amerikanischen Natural Stone Institute (NSI). Er schloss sein Bauingenieur-Studium an der McMaster University in Hamilton, Ontario, Kanada, ab und entdeckte nach seinem Abschluss schnell die Lücke zwischen dem, was kreative Architekten für Stein entwarfen, und den Dienstleistungen, die auf dem Markt für die Umsetzung solcher Ideen verfügbar waren. 1992 gründete er PICCO Engineering in Toronto, bekannt für spezielle Fassaden. Peter Becker von Stone-Ideas.com sprach mit ihm über die aktuelle Nachfrage nach Naturstein in Nordamerika und die Märkte im Allgemeinen.

Stone-Ideas.com: Wie sieht derzeit die Nachfrage in Nordamerika nach Naturstein aus?

Michael Picco: Aus Sicht des privaten Wohnungsmarktes gab es 2020 eine steigende Nachfrage, und das scheint sich in diesem Jahr fortzusetzen. Wegen Covid haben die Leute ihr Geld in ihre Häuser und Wohnungen investiert, nicht für Reisen oder Kultur ausgegeben. Auch meine Frau und ich haben unsere Küche mit einem schönen Quarzit aufgewertet. Im Bürobau hat es etwas mehr Unsicherheit gegeben, im Jahr 2020 wurden viele Projekte aufgeschoben. Aber im Moment sieht es so aus, als würden sie nachgeholt.
 

Stone-Ideas.com: Alles in allem steht die Steinbranche unter starkem Druck durch die Konkurrenz, vor allem durch großformatige Keramik und Kunststeine. Was sollte sie tun?

Michael Picco: Vom ästhetischen Standpunkt aus gesehen, machen die Firmen für Keramik und Kunststein eine ausgezeichnete Vermarktung ihrer Produkte. Ich meine deshalb, dass die Steinbranche sich auf die natürlichen Aspekte ihres Materials fokussieren sollte: die konkurrenzlos gute CO2-Bilanz, die Langlebigkeit, 100%ige Natürlichkeit usw. Wir müssen diese Botschaft besser den Architekten und Innenarchitekten rüberbringen.
 

Stone-Ideas.com: Hat die Steinbranche das nicht schon früher gemacht?

Michael Picco: Was die Kommunikation anbelangt, so hat man sich bisher bemüht, die reinen Stärken des Natursteins herauszustellen. Nun glaube ich, dass wir diese auch mit Daten untermauern müssen, zum Beispiel mit EPDs* oder Ökobilanzen**. Viele der Konkurrenten haben dazu bereits Datenblätter für ihre Materialien erstellt. Ich bin der Meinung, dass die Steinbranche das global angehen sollte.
 

Stone-Ideas.com: Global angehen?

Michael Picco: Stein ist Stein, egal wo er herkommt, und obwohl es unterschiedliche Sorten gibt, sind Abbau und Verarbeitung im Grunde rund um den Globus sehr ähnlich. Deshalb: wir können EPDs problemlos über die Grenzen hinweg erstellen – derartige Standards würden es den Architekten leicht machen, Stein von überall auf der Welt zu vergleichen, um damit eine grüne Zertifizierung für ein Bauwerk zu erreichen. Faktoren wie der Transport können je nach Standort des Steinbruchs sich dabei spezifisch auswirken. Die Entwicklung solcher globaler Standards wäre für die gesamte Branche ein Vorteil.
 

Stone-Ideas.com: Hm, das ist eine überraschende Idee.

Michael Picco: Im Moment ist die Situation dafür günstig, weil die International Standards Organisation ISO gerade solche Normen für Stein erstellt. Ich bin sehr froh darüber, dass das Natural Stone Institute eine führende Rolle bei diesen globalen Bemühungen für unsere Branche spielt.
 

* Umwelt-Produktdeklarationen (Environmental Product Declaration, EPD) sind von der Internationalen Normungsorganisation als eine Zusammenstellung von Daten über die Energie und die Ressourcen definiert, die für die Herstellung eines Produkts, seine Verarbeitung und seinen Transport zum Verbraucher und schließlich für seine Entsorgung benötigt werden. Sie sollen einen Fakten-basierten (und nicht emotionalen) Vergleich von Produkten mit vergleichbarer Funktion ermöglichen.

** Ökobilanzen (Life-Cycle-Assessments, LCA) erfassen die Ressourcen, die für die Herstellung, Nutzung und Entsorgung eines Produkts verbraucht werden oder die dabei als Emissionen in die Umwelt entlassen werden. Wenn es zum Recycling und zur Wiederverwendung kommt, wird auch das in die Berechnung aufgenommen. „Von der Wiege bis zur Bahre“ (From the cradle to the grave) beziehungsweise „Von der Wiege zur Wiederverwendung“ (From the cradle to the cradle) ist der Slogan, der den umfassenden Ansatz beschreibt. Ökobilanzen werden als Werkzeuge zur Erstellung einer EPD verwendet.

PICCO Engineering

Natural Stone Institute

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(15.03.2021)