Beim Wiederaufbau von Notre Dame durchlaufen nun die möglicherweise geeigneten Ersatzsteine die Labortests

Aufnahme des Feuers am 15. April 2019, um 21:21:32 Uhr. Foto: Baidax / <a href="https://commons.wikimedia.org/"target="_blank">Wikimedia Commons</a>, <a href=" https://en.wikipedia.org/wiki/Creative_Commons_license"target="_blank">Creative Commons License</a>

Eine der Herausforderungen besteht darin, neue Brüche zu finden oder stillgelegte wieder in Betrieb zu nehmen, um die benötigten großen Mengen bereitzustellen

Mitte 2021 sollen die wissenschaftlichen Vorarbeiten zum Ersatz der zerstörten Mauersteine aus dem verheerenden Brand von Notre Dame am 15. und 16. April 2019 abgeschlossen sein. Seit Juli 2020 wurden entsprechende Materialien gesucht, im Januar 2021 haben nun die Labortexts begonnen.

Die Herausforderung besteht darin, für den Wiederaufbau nicht nur solche Sorten ausfindig zu machen, die vom Aussehen und den Eigenschaften den alten Materialien möglichst nahe kommen. Diesmal geht es auch um die Bereitstellung großer Mengen, weit mehr, als für den Erhalt des Bauwerks bisher kontinuierlich nachgefragt wurden.

Der Ausgangspunkt für diese Steinsuche ist eigentlich günstig: In den vergangenen 50 Jahren waren im im Zuge der ständigen Restaurierung detaillierte Analysen angestellt worden, aus welchen Brüchen unter Paris und aus den nahen Umfeld die Kalksteine für die jeweiligen Bauphasen von 1163 bis 1345 beziehungsweise für die große Sanierung von 1844 bis 1864 gekommen waren.

Inzwischen wurden 30 aktive Brüche und 20 außer Betrieb identifiziert, die sich für die nun benötigten Lieferungen eignen könnten, schrieb die Fachzeitschrift Pierre Actual in einem Beitrag in ihrer Januar-Ausgabe.

Die Federführung bei den wissenschaftlichen Arbeiten hat der Nationale Geologische Service (BGRM) zusammen mit weiteren Instituten. Auf der Webpage des BGRM gibt es eine Übersicht: „Der ursprüngliche Stein wurde aus dem Untergrund von Paris gewonnen. Er besteht aus Kalkstein aus dem Lutetium, einer geologischen Schicht, die vor 41 bis 48 Millionen Jahren entstanden ist. Aufschlüsse dieser Art gibt es in vielen Teilen des Pariser Beckens … In etwa zehn Steinbrüchen nördlich von Paris sowie in den Departements Oise und Aisne wird noch heute Baustein abgebaut. Der lutetische Kalkstein ist das Ergebnis eines komplexen Sedimentationsprozesses, der im Rahmen des zwischen der öffentlichen Hand und BRGM unterzeichneten Programms erforscht werden soll, um die Eigenschaften des für die Restaurierung der Kathedrale geeigneten Steins zu ermitteln.“

Zu den Brüchen im Pariser Untergrund ist zu sagen, dass sie ehemals vor den Mauern der Stadt lagen. Heute gehören sie vor allem zum 12. Arrondissement und zählen als Katakomben zu den touristischen Attraktionen. Eine der ständigen Aufgaben des BRGM besteht darin, die Standfestigkeit der Höhlen im Blick zu halten.

Eine Übersicht über die gravierendsten Steinschäden nach dem Brand gibt Véronique Vergès-Belmin vom Centre de recherche sur la conservation im Tagungsband zum 14. Internationalen Kongress über Restaurierung und Schutz von Natursteindenkmalen: „Drei Mauerwerksbereiche in den oberen Gebäudeteilen waren direkt dem Feuer ausgesetzt: die den Dachstuhl tragenden Mauern, die den Dachboden abschließenden Giebelwände und schließlich die Gewölbe… Auch zwei Pfeiler wurden in Bodennähe getroffen, nachdem das durchbrochene Gewölbe des Kirchenschiffs durch den Einsturz von abgebrannten Balken in Mitleidenschaft gezogen wurde. Das vom Feuer geschädigte Mauerwerk zeigt rote, schwarze und weiße Verfärbungen, teils begleitet von Rissen und Abplatzungen in der verbrannten Oberfläche … Die visuell erkennbare Schadenstiefe erreichte lokal 20 cm. Auch nach dem Brand lösten sich Steinfragmente von mehreren Dezimetern Größe weiter ab.”

Neben den neuen Steinen für Notre Dame dreht sich die Suche auch um große Mengen an Eichenholz. Wie schon im Mittelalter braucht man Bäume mit einer bestimmten Dicke. Etwa 2000 Eichen sollen für den Wiederaufbau gefällt werden, davon 1000 noch in diesem Jahr. Das sind etwa 0,2% der jährlichen Ernte an dieser Baumart, wie das Landwirtschaftsministerium auf seiner Webpage schreibt.

Auch der berühmte Vierungsturm, den Architekt Eugène Viollet-le-Duc erst im 19. Jahrhundert dem Dach der mittelalterlichen Kathedrale hinzugefügt hatte, und der im Flammeninferno brennend in die Tiefe stürzte, soll originalgetreu wiederaufgebaut werden. Für ihn wird viel Holz gebraucht.

Prompt gab es schon Kritik von Aktivisten, die schon eine Online-Petition gegen das Fällen alter Baumriesen gestartet haben. Sie wollen, dass für den Wiederaufbau moderne Baustoffe genutzt werden und dass man die Jahrhunderte alten Pflanzen als „Teil unseres Erbes und als Ökosystem für sich“ unberührt lässt.

Der Wiederaufbau wird auch Schwerpunktthema auf der Messe Rocalia im Dezember in Lyon sein, schrieb Pierre Actual.

Bureau de recherches géologiques et minières (BRGM)

Tagungsband zum Kongress „Monument Future – Decay and Conservation of Stone”

(26.05.2021)