Sensation in Dresden: ein Totenkopf aus weißem Carrara-Marmor ist eine Arbeit des italienischen Barockkünstlers Gian Lorenzo Bernini

Gian Lorenzo Bernini, Totenkopf, 1655. Foto: SKD / Oliver KilligSelbst die Unterseite des Totenkopfes, der übrigens hohl ist, wurde von Bernini minutiös ausgearbeitet. Foto: SKD / Jürgen Lange

August der Starke hatte den unglaublich präzise gearbeiteten Schädel 1728 im Rahmen einer Sammlung in Rom gekauft, dann geriet das Werk in Vergessenheit

Sensation in Dresden: ein marmorner Totenkopf in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) kann nach intensiven wissenschaftlichen Forschungen dem berühmten Bildhauer Gian Lorenzo Bernini (1598–1680) zugeschrieben werden. Es handelt sich um ein Meisterwerk aus weißem Carrara-Marmor, das bisher als verloren galt. Es ist lebensgroß und so realistisch gestaltet, dass man das Werk fast für einen echten menschlichen Schädel halten könnte. Nichts daran wirkt schematisch und kein Detail wurde vernachlässigt, von den zart gekräuselten Schädelnähten über das unterschnittene Jochbein bis hin zur hauchdünnen Nasenscheidewand. Der Kopf ist hohl und auch an der Unterseite perfekt und anatomisch korrekt ausgearbeitet!

Aus Anlass der Entdeckung wird bis zum 05.September 2021 im Semperbau am Zwinger sowie digital im Livestream die Sonderausstellung „Bernini, der Papst und der Tod“ gezeigt. Die Schau behandelt die Schöpfungen, die Bernini und Papst Alexander VII., zu Recht als „dreamteam“ des Barock bezeichnet, gemeinsam in der ewigen Stadt vollbrachten. Auch die Pest in Rom von 1656/57 ist Thema und die auffallenden Analogien zur heutigen Corona-Pandemie.

Die Zuschreibung des Meisterwerks war aufgrund seiner besonderen Herkunft möglich: Der Marmorschädel stammt aus der Sammlung Chigi in Rom, die Friedrich August I. von Sachsen, besser bekannt als August der Starke, 1728 ankaufen ließ.

Auch die Entstehung ist dokumentiert: der „berühmte Totenkopf“, wie er in Schriften von damals Erwähnung fand, war der erste Auftrag, den Alexander VII. drei Tage, nachdem er am 7. April 1655 zum Papst gewählt worden war, dem Bildhauer erteilte: In einer privaten Audienz bestellte Alexander VII. bei Bernini einen Bleisarkophag, den er fortan unter seinem Bett verwahren wollte, und einen Totenkopf aus Marmor, der auf dem Schreibtisch des Pontifex liegen sollte.

Selbst die Unterseite des Totenkopfes, der übrigens hohl ist, wurde von Bernini minutiös ausgearbeitet. Screenshot aus dem Video zur Ausstellung.

Sich mit solchen Stücken zu umgeben, mag heute merkwürdig erscheinen. Bedenkt man jedoch, dass im 17. Jahrhundert plötzliches und oft gewaltsames Sterben allgegenwärtig war, versteht man den auch religiös motivierten Hintergrund.

Die Botschaft des Totenschädels war: Gerade weil der Tod so präsent und unheimlich ist, muss man besonderes Augenmerk auf ein gutes christliches Leben legen, damit man sich eine ewige Existenz im Jenseits sichert. Selbst der Papst wollte daran ständig erinnert werden.

Und wie akut die Bedrohung durch den Tod war, wurde in Rom sehr bald nach der Inthronisation Alexanders VII. deutlich, denn schon 1656 brach die Pest aus, die sich seit 1652 von Nordafrika über Sardinien und Neapel ausgebreitet hatte. Es ist dabei bemerkenswert, wie sehr die Maßnahmen, mit denen Alexander VII. die Pest – letztendlich erfolgreich – bekämpfen ließ (Quarantäne, Masken und die weitgehende Stilllegung des öffentlichen Lebens), jenen gleichen, die heute den Corona-Alltag bestimmen.

Insgesamt versucht die Ausstellung, den Totenkopf in einen möglichst breiten Kontext zu stellen. So geht es in weiteren Kapiteln um die Familie Chigi als Kunstsammler und -förderer, um die Konkurrenz zwischen Bernini und Francesco Mochi sowie um dem Einfluss, den Bernini auf das Werk des in Dresden tätigen Hofbildhauers Balthasar Permoser ausübte. Dazu wurden zum größten Teil Werke aus den mannigfaltigen Beständen der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden zusammengetragen, nämlich aus der Skulpturensammlung vor 1800, der Gemäldegalerie Alte Meister, dem Kupferstich-Kabinett, dem Münzkabinett und dem Grünen Gewölbe.

Guido Ubaldo Abbatini, Papst Alexander VII. mit Berninis Totenkopf, 1655/56 Öl auf Leinwand. Kunstsammlung des Souveränen Malteser-Ritter-Ordens, Rom (Sovereign Order of Malta - Grand Magistry). Foto: Nicusor Floroaica

Als besondere Leihgabe kommt aus dem Besitz des Souveränen Malteser-Ritter-Ordens in Rom ein Porträt Alexanders VII., das ihn mit Berninis Totenkopf in der Hand zeigt. Dieses Bild wurde von einem Schüler Berninis gemalt, der 1656 an der Pest verstarb.

Zur Ausstellung erscheint ein reich illustrierter Katalog im Sandstein Verlag, Herausgeber: Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Stephan Koja, Claudia Kryza-Gersch; 144 Seiten, 134 meist farbige Abb., ISBN 978-3-95498-615-6, 19,80 €.

Giovanni Ranzoni und François Collignon, Berninis Plan für den Petersplatz in Rom, 1663, Radierung und Kupferstich. Kupferstich-Kabinett, Staatliche Kunstsammlungen Dresden. Foto: Andreas Diesend

Gian Lorenzo Bernini prägte mit seinen Gebäuden und Brunnenanlagen das Erscheinungsbild der Stadt Rom nachhaltig, und seine berühmten Skulpturen wie „Apoll und Daphne“ oder die „Verzückung der Heiligen Theresa“ wurden zum Inbegriff des Barock. Er arbeitete im Laufe seines Lebens für acht Päpste, besonders eng war seine Verbindung zu Urban VIII. aus dem Hause Barberini und Alexander VII. aus dem Hause Chigi. Für letzteren schuf er nicht nur dessen monumentales Grabmal und die Cathedra Petri, beides im Petersdom, sowie die Kolonnaden des Petersplatzes, sondern auch sehr private Kunstwerke, die von der engen Beziehung zwischen Pontifex und Künstler zeugen.

Quelle: Staatliche Kunstsammlungen Dresden (SKD)

Video zur Ausstellung

Video der Pressekonferenz „Bernini, der Papst und der Tod“

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(01.06.2021)