Pierre Actual berichtet über die Arbeit von Steinmetz-Restauratoren beim Wiederaufbau von Notre-Dame: „weit mehr als nur eine neue berufliche Erfahrung“

Régis Deltour (links) mit Julien Debraux, Flavien Bagot, Grégory Dhume, Thierry Chadoin, Vincent Touche et Boris Hoff, die für die Arbeit an Seilen hängend ausgebildet sind.

Nach den Phasen der Bestandsaufnahme und Sicherung beginnt im Winter 2021 die eigentliche Erneuerung

In der Nacht vom 15. auf den 16. April 2019 gab es das verheerende Feuer im Dachstuhl von Notre-Dame. Zwei Jahre nach der Katastrophe hat die französische Fachzeitschrift in ihrer Juni-Ausgabe eine Reportage über die Arbeit der Steinmetze bis zu diesem Zeitpunkt gebracht. Wir veröffentlichen den Bericht stark gekürzt, mit freundlicher Genehmigung der Redaktion. In der Langfassung kann er zusammen mit einem Beitrag über die 3D-Modellierung des Bauwerks von der Webpage der Zeitschrift (französisch) heruntergeladen werden.
 

Man kennt sich unter den Steinmetzen in Frankreich, natürlich, und so breitete sich um den 28. April 2019 herum, an einem Sonntagnachmittag wenige Tage nach dem Feuer, eine Mail in den Netzwerken der Restauratoren aus: „Wir müssen morgen in Paris sein und Teams von Steinmetzen für Notre-Dame zusammenstellen.“ Sie hatte ihren Ursprung bei Didier Durand, damals Chef der Restaurationsfirma Pierrenoël, die schon vor dem Feuer in Notre-Dame beschäftigt war.

Nach einer kurzen Nacht waren montags eine Reihe von Steinmetzen für Restaurierung auf der Baustelle. Damit sich nicht gleich die gesamte Branche auf den Weg machen würde, war die Rundmail auf den Kreis der wirklichen Experten beschränkt gewesen.

Einer von ihnen war Régis Deltour, Chef der Firma Mollard Deltour, ein alter Bekannter von Didier Durand. Während aber Durand es von seinem Firmensitz in Boulogne-Billancourt nicht weit bis nach Paris hatte, war Deltour im Verlauf der Nacht aus La Biolle an der Schweizer Grenze herbeigeilt.

Pierre Actual beschreibt die Bestandsaufnahme der Stein-Fachleute beim Betreten der Gewölbe, nachdem sich das erste Entsetzen gelegt hatte: „Es war, als würde man ein Geschichtsbuch betreten! Wir kamen überall hin, wo vielleicht seit Jahrhunderten niemand mehr gewesen war.“

Zu ihren Aufgaben gehörte in den folgenden Wochen die Bestandsaufnahme der Schäden, die das Feuer im Kalksteinmauerwerk verursacht hatte.

Ein Detail zur Erinnerung: das ganze Kircheninnere war mit Blei verseucht, welches von der Feuersbrunst überall hin verteilt worden war. Die Unglücksstelle durfte nur mit Schutzanzügen betreten werden. Nach 2 Stunden Arbeit war eine halbe Stunde Ruhe inklusive Dusche einzuhalten.

Sensoren ermittelten in dieser Phase eventuelle Bewegungen im Mauerwerk – wenn sie Alarm schlugen, mussten alle sofort von den Gerüsten runter und raus.

Die Vorschriften waren rigide – man wollte keine Helden von Notre-Dame.

Eine der Problemzonen der Ruine waren die seitlichen Strebebögen, die im Stil der Gotik die Last des Mittelschiffes auf die Außenpfeiler abführten. Sie wurden mit Holzkonstruktionen verstärkt, für die wiederum kleinere Granitblöcke als Widerlager verwendet wurden.

Viele dieser Materialien wurden am Nachmittag bestellt und kamen schon am nächsten Tag aus einer ganz anderen Ecke Frankreichs auf der Baustelle an – im ganzen Land aktivierten die Bürger alle Ressourcen, kann man im Bericht in Pierre Actual zwischen den Zeilen lesen.

Manche der Arbeiten konnten nur von speziell ausgebildeten Restauratoren an Kletterseiten ausgeführt werden.

Das gilt auch für die mehr als ein Dutzend Steinmetze, aus denen sich inzwischen ein harter Kern herausgebildet hatte. Sie hatten die Arbeit in ihren heimischen Firmen zunächst stehen und liegen lassen, dann neu organisiert und sich vom Pendeln auf dauernde Anwesenheit in Paris verlegt. Einer bedankt sich bei seinen Kunden: „Sie waren sehr verständnisvoll, als wir ihre Aufträge zugunsten von Notre-Dame zurückstellen wollten.“

Ein Großteil der Arbeiten in den folgenden Monaten bestand darin, den Brandstaub aus dem Innenraum der Kathedrale abzusaugen. Viel Medienaufmerksamkeit bekam der Abbau des Stahlgerüsts, dessen rund 40.000 Einzelrohre sich im Feuer völlig verformt hatten und die nun Stück für Stück abgetrennt wurden.

Zu den Aufgaben der Steinmetze gehörte, die Skulpturen von den Wänden herunterzunehmen und zu sichern. Später arbeiteten sie an der Sicherung der Steingewölbe. Manche der Arbeiten konnten nur von speziell ausgebildeten Restauratoren an Kletterseiten ausgeführt werden. Sie erlebten die Kathedrale aus einem ganz ungewöhnlichen Blickwinkel, zitiert Pierre Actual einen von ihnen: „Klettern in der Mitte von Notre-Dame, mit den Vögeln um uns herum, war mehr als bloß eine neue berufliche Erfahrung.“

Insgesamt hätten die Beteiligten die Mitwirkung an dem Projekt „als großes Privileg“ empfunden, resümiert Pierre Actual. Das habe sogar für die Nachtarbeit gegolten: „Es war schon ein Luxus, dass man dann der Stille von Paris lauschen konnte oder wenn man von ganz nah erleben konnte, wie hinter den Türmen der Kathedrale die Sonne aufgeht.“

Im kommenden Winter soll der Wiederaufbau der zerstörten Teile des Gebäudes beginnen und 2024 abgeschlossen sein.

Pierre Actual (#1004, Juni 2021), download auf französisch für 12,00 €

Die Firma Pierrenoël hat eine Dokumentation der Schäden und Sanierungsmaßnahmen zum Durchblättern ins Netz gestellt (französisch)

Wissenschaftsmagazin Science

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(09.07.2021)