Römische Steinmetzkunst vom Feinsten: eine Villa in der antiken Weltstadt Ephesos hatte bis in 6 m Höhe Marmor an den Wänden

Rekonstruktion des Saals für Repräsentation und für Gastmahle im Hanghaus 2 in der antiken Stadt Ephesos. Grafik: Ivan E. IlievEin rekonstruiertes Bookmatch aus dem Sockel.

Der Geoarchäologe Professor Cees Passchier von der Universität Mainz hat zusammen mit Kollegen die Dekoration rekonstruiert und einige überraschende Erkenntnisse gewonnen

Spätestens seit den Zeiten der antiken Griechen und Römer werden Marmorblöcke zersägt, um Platten etwa für die Verkleidung von Wänden zu gewinnen. Den umgekehrten Weg, nämlich die fertigen Platten wieder zu einem Block zusammenzusetzen, hat noch nie jemand beschritten – wozu auch?

Nun aber ist es passiert. In einem Forschungsprojekt rund um das „Hanghaus 2“ in der antiken Stadt Ephesos hat der Geoarchäologe Professor emeritus Cees Passchier von der Universität Mainz aus der Wandverkleidung in der antiken Villa wieder 2 Originalblöcke des Marmors Cipollino Verde entstehen lassen – virtuell, natürlich. Der Grund: es gab Unstimmigkeiten im Design der Wand, und da wollten die Wissenschaftler wissen, was es damit auf sich hatte.

Inzwischen hat man eine Vermutung, was das Problem damals war und eine Erklärung, wie die antiken Steinmetze es lösten.

Der Reihe nach.

In Ephesos, Weltstadt der Antike und etwa 70 km vom heutigen Izmir entfernt, wurde vermutlich im 2. Jahrhundert nach Christus eine Wohnsiedlung an einem Hang errichtet. Reiche ließen sich dort nieder, darunter im bei den Archäologen Hanghaus 2 genannten Gebäude ein gewisser Caius Flavius Furius Aptus, ein hoher und angesehener Verwaltungsbeamter.

Mittelpunkt seines prachtvollen Wohnhauses war ein Saal zur Repräsentation und für Gastmahle: der Raum hat 10 m hohe Wände, die bis auf 6,30 m mit verschiedenen Marmorsorten aufwändig verkleidet waren.

Rekonstruktion des Saals für Repräsentation und für Gastmahle im Hanghaus 2 in der antiken Stadt Ephesos. Grafik: Ivan E. Iliev

Oben waren es weiße Sorten in geometrischen Formen, unten am Fuß der Wände gab es einen 1,40 m hohen Sockel aus Cippolino Verde. Dieser grünliche Marmor mit seiner wilden Struktur war einer der Modesteine in jener Epoche – man findet ihn überall in Ruinen aus dem römischen Reich. Immer sind diese Überbleibsel zerbrochen, was uns noch beschäftigen wird – denn es war wahrscheinlich auch beim Hanghaus 2 ein Thema für die Steinmetze.

Irgendwann im 3. Jahrhundert gab es in der Region eine Serie von heftigen Erbeben samt Feuer. Als sich der letzte Rauch verzogen hatte, waren im Hanghaus 2 die Platten von den Wänden herabgefallen und in viele tausend Stücke und Stückchen zerborsten.

Seit 1974 wurden sie im Zuge der Ausgrabungen durch die österreichische Akademie der Wissenschaften gezählt: rund 120.000 Einzelteile waren es.

Für den Sockel ist diese Zahl sehr viel exakter bekannt: hier fand man genau 10.313 Bruchstücke aus Cipollino Marmor. Sie hatten die vielen Jahrhunderte in den Ruinen überstanden, seit die Villa um das Jahr 262 herum aufgegeben worden war.

Rekonstruktion eines Bookmatch aus dem Sockel.

Die Wissenschaftler haben inzwischen in mehreren Jahren Arbeit die 10.313 Teile verstärkt, neu zusammengesetzt und wieder als Sockel die Wände gebracht – so weit wie möglich, denn einige Bruchstücke waren verloren gegangen. Ihr Platz in den neu geschaffenen Platten wurde mit Gips aufgefüllt.

Der heutige Saal mit dem rekonstruierten Sockel.

Inzwischen trägt der Sockel wieder das Marmor-Bookmatch wie zu römischer Zeit. Jedoch gibt es an an der Südseite die erwähnte Unregelmäßigkeit in der Abfolge der Platten. Die Details dazu hat Cees Passchier in Kooperation mit dem kanadischen Geological Survey erkundet und eine plausible Erklärung gefunden: die römischen Steinmetze kannten den Cipollino sehr gut und verstanden ihr Handwerk, so dass sie lieber sozusagen einen Umweg beschritten als das Risiko eines Brechens der Cipollino-Platten eingingen.

Wir stellen die Sachlage in einem separaten Artikel in unserer Reihe „Steindetail“ vor. https://www.stone-ideas.com/86884/marmor-bookmatch-aus-der-romerzeit/

Hier noch ein paar Hintergrundinformationen zum Naturstein im Fall von Hanghaus 2.

Die Rohblöcke des Cipollino mit knapp je 4 t Gewicht waren wahrscheinlich auf der Insel Euböa gewonnen worden. Die Arbeit im Steinbruch ebenso wie der Transport war für die römischen Techniker Routine. Sklaven wurden dabei meist nicht eingesetzt, so sagen es die Quellen. Das Geschäft mit den Steinen lag übrigens in den Händen der Kaiser, die, klar doch, an allen staatlichen und privaten Prunkbauten verdienten.

Die Cipollino-Blöcke wurden wahrscheinlich in der Nähe der Baustelle von Hanghaus 2 mit Gattern zersägt. Der Antrieb kam aus der Wasserkraft – vermutlich, muss man sagen. Denn solche Gerätschaften sind erst aus späteren Jahrhunderten wissenschaftlich belegt. Das Prinzip der Säge war (ohne Wasserantrieb) schon im Alten Ägypten bekannt: die Arbeiter füllten sorgsam Quarzsand oder Corundum in den Sägekanal, der dann unter dem Sägeblatt den Abrieb erzielte.

Viel Erfahrung braucht es, um die Menge an Schleifmittel und an Wasser für ein optimales Ergebnis im 24-Stunden-Betrieb zu steuern.

Erstaunlich ist, welche Dimensionen die Römer damals schafften: die Platten für das Hanghaus 2 waren im Schnitt nur 15 mm dick! Heutige Maßstäbe der Kalibrierung darf man allerdings nicht anwenden. Denn die Dicke der Platten unterschied sich an den Rändern doch um einiges von der Mitte einer Platte.

Das anschließende Polieren geschah wahrscheinlich auf Sand – von Hand, natürlich.

Zum Anbringen der Platten an den Wänden im Hanghaus 2 dienten Anker aus Bronze oder Eisen, die meist 10 bis 12 cm lang waren. Sie waren an dem einem Ende mit Blei im Mauerwerk befestigt und an dem anderem nach oben gebogen. Entsprechend gab es Bohrungen in den Platten.

Der Zwischenraum zwischen Wand und Platte war mit einem Kalkmörtel aufgefüllt – die Qualität dieses Bindemittels muss schwach gewesen sein, so dass der Mörtel vermutlich nicht viel zur Stabilität der Wandverkleidung beitrug. Die Sockelplatten wogen je um die 50 kg.

Die Rekonstruktion der Rohblöcke durch das Team um Cees Passchier gelang, indem die Forscher das unregelmäßige Muster der Anker in den Wänden plus der Bohrungen in den Platten mitsamt den Strukturen der einzelnen Platten im Computer modellierten. Dabei kam man zu der Erkenntnis, dass 40 Sockelplatten aus einem einzigen Block geschnitten worden waren. Weitere 14 Platten stammten aus einem 2. Block.

Eine weitere Erkenntnis war, wie wenig Stein die Römer trotz ihrer einfachen Maschinen und der Handarbeit verloren. Zum einen gingen nur 2 Platten zu Bruch, dies vielleicht beim Polieren oder beim Transport. Zum anderen war die Schnittbreite der Steinsäge mit 8 mm nicht größer, als man es von moderner Technik kennt.

C. W. Passchier et al., Analysis of Cipollino Verde marble wall decoration in Ephesos, Turkey, using geological reconstruction, Journal of Archaeological Science: Reports, 24. April 2021,
https://doi.org/10.1016/j.jasrep.2021.102992

(30.07.2021)