Die Firmen in Schwedens Natursteinverbund verpflichten sich, bis 2029 klimaneutral zu wirtschaften

Die Kinder von heute müssen sich auf ihre Eltern verlassen, dass diese einen Weg in eine CO2-neutrale Wirtschaft finden.

Ein „Fahrplan” nennt Aktionsfelder und umreißt das Potenzial dabei auch für Modernisierungen und die Öffentlichkeitsarbeit

Dass die Natursteinbranche von ihrem Material her in puncto CO2-Bilanz sehr gut aufgestellt ist, ist bekannt und wurde inzwischen durch zahlreiche Studien auch mit Daten belegt. Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. Die andere fragt nach der Freisetzung von Klimagasen im Zusammenhang mit den Arbeitsvorgängen in der Branche, also bei der Steingewinnung im Bruch, bei der Verarbeitung in der Werkstatt und beim Transport. Auch hierzu gibt es Untersuchungen, etwa zum Lebenszyklus der Steinprodukte. Der schwedische Natursteinverband Sveriges Stenindustriförbund geht darüber hinaus und hat im Mai 2020 eine Zielsetzung verabschiedet, nach der die Branche bis 2029 komplett CO2-neutral agieren soll, also ganz ohne fossile Energieträger auskommen will. Das Dokument dazu trägt den Titel „Färdplan för Fossilfri Konkurrenskraft” (Fahrplan für Fossilienfreie Wettbewerbsfähigkeit”).

Hintergrund ist jene Initiative, die das Land auf der Klimakonferenz 2015 in Paris präsentierte. Darin hieß es, dass Schweden bis 2045 ohne fossile Energieträger auskommen wolle. Anders formuliert: das Land will dann nur noch so viel CO2 in die Atmosphäre entlassen, wie an anderer Stelle auch wieder aus der Luft gebunden wird.

Der Natursteinverband hat nun diesen Zeitraum noch einmal verkürzt und 2029 als Zielmarke festgelegt.

In dem „Fahrplan” werden zahlreiche Möglichkeiten genannt, wie die Natursteinfirmen sich aktiv auf diesen Weg machen können. Eine besteht darin, den Energieverbrauch in den Brüchen und Werkstätten zu senken – das könne mit neuen Maschinen geschehen, heißt es.

Daraus werden Appelle an die Verbraucher und an die Politik zur Unterstützung der Steinbranche abgeleitet, auf die wir am Ende unseres Textes eingehen wollen.

Als eine andere Möglichkeit wird die kluge Planung von notwendigen Transporten genannt: Wenn an einem Großprojekt viele Lieferanten beteiligt seien, könnten diese durch Kooperation die Transporte reduzieren. Als Beispiel wird der U-Bahnhof Slussen in Stockholm genannt, wo reichlich heimischer Kalkstein an den Wänden und auf dem Boden zum Einsatz kam.

Die Autoren heben hervor, dass damit auch eine Kostensenkung erreicht werden kann – am Schluss des Fahrplans heißt es dazu: die Erfahrungen aus der Gewinnung mineralischer Rohstoffe lehrten, dass durch Investitionen in Klimabelange generell „die Betriebskosten gesenkt werden konnen”.

Nicht nur Energiesparen wird als Thema behandelt. Auch die betriebliche Energieerzeugung mit Hilfe von Sonne und Wind wird angesprochen: „Es gibt Mitgliedsunternehmen (im Verband), die in Sachen Strom autark sind”, heißt es. Dasselbe gelte auch für die Wasserkreisläufe.

Wenn eine Firma aber Energie hinzukaufen müsse, könne sie sich Anbieter mit Umwelt- Zertifizierung suchen. Die Gegebenheiten in Schweden versetzen die Steinbruchunternehmen dabei in eine gute Verhandlungsposition: denn, wenn im Winter von Dezember bis März in dem Land der Stromverbrauch am höchsten ist, haben viele Steinbrüche ihren Betrieb reduziert oder sogar ganz eingestellt.

Klar ist, dass mit dem Fahrplan Investitionen seitens der Firmen verbunden sind. Umgekehrt verbessern sich aber auch die Chancen für die heimischen Materialien auf dem heimischen Markt.

Ausführlich widmet sich der Fahrplan deshalb der Rolle, die sowohl Städte und Gemeinden als auch private Verbraucher bei dem Thema spielen.

Im Fahrplan appelliert der Steinverband an die Gemeinden, ihre Vorbildfunktion wahrzunehmen: In ihren Ausschreibungen könnten sie für die verwendeten Materialien Kriterien wie „Energieeffizienz, begrenzte Klimawirkung oder Recyclinggrad” festlegen. Als Beispiel werden Pflasterungen von öffentlichen Plätzen oder Wegen genannt: wenn die Ämter hier anstelle von Betonmaterial Naturstein verlangt würden, könnten sie öffentlich ein Zeichen setzen und auch das Thema Nachhaltigkeit in die Öffentlichkeit tragen.

Zwar werden die Forderungen des Verbands an die Verbraucher nur eher moderat vorgetragen. Herausgehoben wird aber dennoch die Stadt Uppsala: sie gelangt in ihren Ausschreibungen von den Bewerbern ausdrücklich Ökobilanzen.

Nur moderat behandelt der Fahrplan das Thema der Investitionen seitens der Betriebe. Im Text heißt es, dass Erleichterungen an anderer Stelle die Betriebe beim Kauf von energieeffiziente Maschinen und Techniken unterstützen würden. Verwiesen wird dabei auch auf die jahrelangen Verfahren für die Genehmigung neuer Steinbrüche: Diese würden unnötig Finanzmittel binden, die die Firmen eigentlich gerne in CO2-Maßnahmen gesteckt hätten.

Der Sveriges Stenindustriförbund wurde 1938 gegründet und umfasst Unternehmen vom Steinbruch bis zur Verarbeitung und der Montage sowie Lieferanten von Werkzeug usw. Etwa die Hälfte der Firmen der Branche sind Mitglieder im Verband. Sie erwirtschafteten 2019 einen Umsatz von knapp über 1,5 Mrd. SEK (175 Millionen US-$) und beschäftigten fast 1300 Mitarbeiter. Insgesamt setzt die Branche in Schweden pro Jahr etwa 2,5 Milliarden SEK um.

Sveriges Stenindustriförbund (schwedisch)

Im April 2021 kündigte das kanadische Natursteinunternehmen Polycor an, bis 2025 klimaneutral zu sein.

(20.08.2021)