Die mysteriösen Steinkugeln von Costa Rica definierten wahrscheinlich Macht und Herrschaft und gaben den Menschheit das Gefühl von Gemeinschaft

Die größte der bekannten Steinkugeln mit 2,66 m Durchmesser.

Sie wurden in den Jahren von etwa 800 unserer Zeit an bis zur Eroberung durch die Spanier um 1500 aufgestellt

In Nationalmuseum in Costa Ricas Hauptstadt San José findet noch bis zu 24. Januar 2022 eine Ausstellung zu den mysteriösen Steinkugeln statt, die man zu Hunderten vor allem im Süden des Landes gefunden hat und zu denen in den letzten Jahren viel geforscht worden ist. Auf einer Webpage zum Weltkulturerbe findet man (auf Spanisch und Englisch) den aktuellen Stand der Erkenntnisse zusammengefasst. Seit 2014 ist ein zusammenhängendes Gebiet mit 4 Dörfern im Delta des Diquís-Flusses als Unesco-Weltkulturerbe anerkannt.

Die Kugeln, oft in perfekter Rundform, haben Durchmesser von wenigen Zentimetern bis zu der größten bekannten mit 2,66 m. Diese bringt es auf 24 t Gewicht. Die meisten bestehen aus lokalem Gabbro, einem Vulkangestein ähnlich dem Granit. Seltener gibt es welche aus Kalkstein sowie aus Sandstein, aus Tongestein oder aus Konglomeraten.

Vermutlich dienten sie als Zeichen und Symbole, mit denen die Herrscher ihren Machtbereich sichtbar machten, und die umgekehrt für die Beherrschten die Zugehörigkeit zu dieser Gemeinschaft bezeugten. Salopp könnte man sagen: es waren Auskunftstafeln, die (ohne Schrift) klarmachten, wer in einem Gebiet das Sagen hatte und wie das Weltbild der Lebenden dort war.

Steinkugel in Costa Rica.

Von 300 unserer Zeit an hatten sich in der heutigen Provinz Puntarenas auf der Pazifikseite von Costa Rica komplizierte Gesellschaften gebildet, die von starken Hierarchien geprägt waren. Sie werden von den Wissenschaftlern als Chiefdom Settlements bezeichnet, vielleicht mit „Häuptlingsgesellschaften“ zu übersetzen. Die Gemeinschaften waren hoch entwickelt: von der Finca 6 („Farm 6“) , dem prominentesten der 4 Orte des Weltkulturerbes (neben Batambal, El Silencio und Grijalba-2), weiß man, dass die Menschen große Hügel und gepflasterte Bereiche anlegten und dass es dort Begräbnisanlagen gab.

Auf der Webpage des Kulturerbes findet man Genaueres zu der möglichen Funktion der Kugeln: Sie „waren Objekte, zu denen nur wenige Zugang hatten, da ihre Herstellung große technische Fähigkeiten, Ressourcen und soziale Organisation erforderte. Je größer und vollkommener die Kugel und je größer die Anzahl dieser Artefakte, desto größer das Prestige und die Bedeutung des Dorfes und seiner Bewohner.“

Vielleicht waren die Kugeln auch auf den Wohnsitz des Herrschers ausgerichtet, vielleicht wurden an ihnen Zeremonien abgehalten.

Möglicherweise waren sie an manchen Orten auch auf die Bewegung der Gestirne ausgerichtet, um die für die Landwirtschaft wichtigen Termine oder das Herannahen wichtige Feste erkennbar zu machen, heißt es auf der Webpage.

Steinkugel in Costa Rica.

Es wird vermutet, dass ihre Zahl an einem Ort Auskunft über die Bedeutung des jeweiligen Dorfes gab. „Wahrscheinlich wurden die Kugeln vom Häuptlingssitz aus an untergeordnete oder verbündete Gemeinschaften geschickt, um das Gebiet ideologisch, wirtschaftlich und militärisch unter Kontrolle zu halten. Oder jede Gemeinschaft könnte ihre eigenen Sphären als Referenz für eine gemeinsame Identität geschaffen haben.“

Während man mit diesen Vermutungen den Kugeln immerhin eine plausible Rolle zuschreiben kann, weiß man nichts zum Transport der Steine. Bekannt ist nur, dass sie von nahen Fundstätten stammen und welche das waren.

Zur Bearbeitung heißt es: „Die Oberfläche (wurde) mit Steinwerkzeugen bearbeitet, mit Hitze konnten Gesteinsschichten abgetragen werden.“ Die Rundheit konnte „mit Holzelementen“ kontrolliert werden. „Die Oberfläche wurde mit Schleifmitteln wie Sand geglättet, größere Kugeln wurden auch poliert, um ihnen einen Glanz zu verleihen.“ Ob die Bearbeitung im Steinbruch oder vor Ort erfolgte, ist nicht bekannt.

Von etwa 800 unserer Zeit an bis um 1500 werden sie geschaffen und aufgestellt. Viele von ihnen waren zuletzt im Boden eingesunken – so konnte man mithilfe der Schichtenanalyse (Stratigraphie) ihr Alter wenigstens ungefähr bestimmen.

Seit 2014 sind sie streng geschützt und haben zudem den Rang eines nationalen Symbols des Landes inne. Bis dahin waren aber schon viele ausgraben und zum Beispiel in Vorgärten woanders wieder aufgestellt worden.

Foto aus dem Nationalmuseum Costa Rica.

Bekannt war ihre Existenz wohl schon lange, jedoch populär wurden sie aber erst in den 1930ern, als die Compañía Bananera de Costa Rica, ein Ableger des US-Konzerns United Fruit, den Urwald abholzte und Bananen-Plantagen anlegte. Der Boden dort ist sehr fruchtbar. Mit Bulldozern räumte man die runden Brocken beiseite, einige zerlegte man mit Dynamit, nachdem das Gerücht aufgetaucht war, dass im Inneren der Steine Gold verborgen war.

Die Tochter eines leitenden Mitarbeiters beim Fruchtkonzern nahm die wissenschaftliche Beschäftigung mit den weltweit einmaligen Objekten auf. Daher der Name „Farm 6“ für einen der Orte des Weltkulturerbes.

Die gesprengten Kugeln wurden später zum Teil wieder zusammengeklebt und sind auch im Rahmen der aktuellen Ausstellung im Nationalmuseum in San José zu sehen.

Ausstellung „Legado en Piedra“ (Das Steinerne Erbe) im Museo Nacional de Costa Rica.

Diquís Welterbe

Video (1, 2)

Fotos: Mit Freundlicher Genehmigung des Nationalmuseums Costa Rica.

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(15.11.2021)