Paolo Ulian hat sein Konzept namens „Drap“ nun auch für Behältnisse wie Vasen weiterentwickelt

Paolo Ulian: Kollektion „Drap“.

Für das Design nutzt er das – eigentlich unerwünschte – Flattern des Wasserstrahls, das auftritt, wenn dickere Materialien zu schneiden sind

Paolo Ulian stammt aus Carrara und folglich liegt ihm der Marmor am Herzen. Deshalb hat er sich schon früh mit der Frage des schonenden Umgangs mit dieser natürliche Ressource beschäftigt. Einer seiner Gedankengänge war dabei, mit Hilfe des Designs Verwendungen für jene Marmor-Abfallstücke zu finden, die manchmal in Massen anfallen und die am Ende im Hinterhof der Steinfabrik auf Haufen oder in Kisten herumliegen.

Bei seinem Projekt „Drap“ (nach dem englischen Wort drape, das einen schweren Vorhang benennt) verfolgt er einen anderen Denkansatz für die Verwendung von Marmor-Reststücken: er lässt das Werkzeug Wasserstrahl bis an seine Grenzen gehen, nimmt den Fehler, den es dabei am Produkt gibt, ganz gezielt in sein Konzept auf und verwendet schließlich bevorzugt jenen Marmor aus dem Steinbruch, der von der Qualität her zweitklassig ist und mit den normalerweise niemand etwas anfangen will.

Paolo Ulian: Kollektion „Drap“.

Konkret: Ulian lässt für seine Vasen, Schüsseln und Schalen den Wasserstrahl ein Stück Marmor von 20 cm Dicke zerschneiden. Das ist möglich, wird nur meist nicht gemacht, weil bei solchen Schnittlängen der Wasserstrahl am entfernten Ende flattert.

Mehr noch: die gewellten Formen, die dabei entstehen und durchaus die Ähnlichkeiten mit einem gewellten Vorhang haben, geraten manchmal so dünn, dass sie wegbrechen.

Paolo Ulian nun ist ein erfahrener Designer, macht aus der Not eine Tugend und erklärt bei seinem neuesten Denkansatz das alles zum Markenzeichen.

Paolo Ulian: Kollektion „Drap“.

Aus 5 Objekten setzt sich die aktuelle Kollektion zusammen.

Paolo Ulian: Kollektion „Drap“.

Alle zeichnen sich dadurch aus, dass sie am oberen Rand Wellenform haben beziehungsweise der Marmor dort weggebrochen ist.

Eine weitere Besonderheit der Fertigung ist noch unbedingt zu erwähnen: die Objekte kommen eins aus dem anderen hervor, sind also quasi konzentrische Kreise. Verloren geht bei der Herstellung nur die Schnittbreite des Wasserstrahls und der innerste Kern.

Aber: es sollen doch Behältnisse sein – wie bekommt der Designer da einen Boden hinein?

Wiederum macht’s der Wasserstrahl möglich, diesmal jedoch aufgrund einer anderen Eigenschaft: Das Werkzeug kann äußerst präzise Schnitte ausführen, und also werden die gewünschten Böden exakt aus anderen Marmor-Reststücken von 1 cm Dicke ausgeschnitten und in die Vasen eingeklebt.

Ginge es vielleicht auch ohne Böden, wenn man die ausgeschnittenen Rundlinge etwa als Übertöpfe verwenden würde? Dazu müsste man nur dickere Wände schneiden, damit sie nicht leicht brechen.

Ulian hat seine neueste Kollektion wieder mit der italienischen Firma Bufalini realisiert, die bereits in der 4. Generation im Marmorgeschäft tätig ist und ihren Sitz in Marina di Carrara hat. Die Firma hat schon viele der vorherigen Arbeiten des Designers umgesetzt, von denen wir die meisten vorgestellt hatten.

„Drap“ wird auf der Milan Design Week 2022 (06. – 12. Juni) im Circolo Filologico, einem Prachtbau nahe der Scala, zu sehen sein.

Vor einem Besuch der Website von Paolo Ulian müssen wir allerdings warnen: er vernachlässigt sie seit gut einem Jahrzehnt konsequent. Interessierte Leser erfahren mehr über seine Arbeiten mit Marmor, wenn sie unsere Seiten nach seinem Namen (in Anführungszeichen) durchsuchen.

Das Konzept zu „Drap“ stellt er selber vor in einem Video zur Marmomac 2017. Damals schon hatte Ulian mit der Fehlerhaftigkeit des Werkzeugs experimentiert.

Paolo Ulian

Bufalini

Video „Territorio & Design“

Fotos / Zeichnungen: Paolo Ulian

Weitere Formen im „Drap“-Design.

See also:

(10.03.2022)