Kongress auf der Messe Stone+tec 2022: „Naturstein ist DAS Material für das nachhaltige Bauen“

Naturstein zusammen mit dem uralten Können der Steinmetze und modernen Maschinen bietet unendlich viele Möglichkeiten der Gestaltung. Neubau des Historischen Museums in Frankfurt/Main von Lederer Ragnarsdóttir Oei. <a href="https://www.stone-ideas.com/63828/deutscher-natursteinpreis-2018/"target="_blank">Bericht</a> Naturstein zusammen mit dem uralten Können der Steinmetze und modernen Maschinen bietet unendlich viele Möglichkeiten der Gestaltung. Neubau des Historischen Museums in Frankfurt/Main von Lederer Ragnarsdóttir Oei.

Auf der Branchenschau gab es Vorträge zu den Stärken des Materials im Hinblick auf seinen ökologischen Fußabdruck als auch Gedanken zu seinen Schwächen im Bezug auf das Image

„Zukunft Naturstein“ war der Titel des Kongresses auf der Stone+tec, die vom 22. – 25 Juni 2022 in Nürnberg stattfand. Erstmals war solch ein Gedankenaustausch mit Vorträgen von Fachleuten und Architekten Bestandteil der Branchenschau, und der Titel gab gleich die Denkrichtung vor: „Naturstein ist DAS Baumaterial der Zukunft“ lautet das Motto in paraphrasierter Form, weil Nachhaltigkeit das große Thema auch in der Architektur sein wird.

Zahlen dazu lieferte Herman Graser, Präsident des Deutschen Naturwerksteinverbands (DNV) in seinem Eingangsstatement: 40% der Klimagasemissionen, die ein Gebäude in seiner gesamten Nutzungsdauer verursacht, werden schon beim Bauen verursacht – durch die Auswahl nachhaltiger Baustoffe kann diese Zahl folglich entscheidend reduziert werden.

Graser folgerte: „Wenn man ein Gebäude über seinen Lebenszyklus betrachtet, haben wir mit dem Naturstein das umweltfreundlichste Material.“

An diese Aussage schloss sich Ansgar Schulz an, Professor an der Technischen Universität Dresden und Mitglied im Büro Schulz und Architekten in Leipzig. Er wies auf das landläufig falsche Image des Baustoffs Stein hin: „Bauen mit Naturstein ist High-Tech-Bauen“, sagte er. Als Beispiel stellte er unter anderem ein 7-geschossiges Wohnhaus in der rue Oberkampf 62 in Paris vor, bei dem die Fassade aus kleinen massiven Steinblöcken mit tragender Funktion besteht (siehe Verlinkung unten).

„Im massiven Bauen mit Naturstein liegt einiges an Zukunft“, sagte er voraus und: „Die Architektur wird sich künftig generell mehr mit Naturstein beschäftigen müssen.“

New Fundamentals Research Group: Gewölbe „Flux“ aus vorgespannten Natursteinelementen. <a href="https://www.stone-ideas.com/60548/gewoelbe-flux-aus-naturstein-elementen/"target="_blank">Bericht</a>

Carl Fredrik Svenstedt Architect: Fassade für das Weingut Deutz Champagne Delas Frères. <a href="https://www.stone-ideas.com/77255/deutz-delas-freres-achitecture-mit-naturstein/"target="_blank">Bericht</a>

Ähnlich hatte sich Vorredner Philipp Hofmann geäußert, Geschäftsführer bei der Firma Hofmann Fassaden. In einem Parforceritt durch die aktuellen Projekte der Firma zeigte er, welche Möglichkeiten in der Kombination von Stein mit moderner Fertigung als auch mit moderner Konstruktion wie zum Beispiel Vorspannung [pretension] stecken.

Im Hinblick auf nachhaltiges Bauen forderte er: „Die Architekten müssen die Materialwahl wieder zu einem Kernthema ihrer Arbeit machen“ und verwies darauf, dass bei Berechnungen des ökologischen Fußabdrucks eines Gebäudes oft diejenigen CO2-Emissionen weggelassen werden, die zum Beispiel auf eine aufwändige Statik zurückgehen.

Auch Landschaftsarchitekt Franz Reschke plädierte dafür, Naturstein neu zu betrachten und zu bewerten – jedoch kam er aus einer ganz anderen Richtung zu dieser Schlussfolgerung: in der natürlichen Anmutung und der Patina, die der alternde Stein ansetzt, liegen für ihn Stärken des Materials für Parks oder Wege in der Stadt. Er wünschte sich „Stein als Alltäglichkeit in der Planung, ohne dass das Material gleich trivial wird“.

Einer seiner Gedanken hier war, anstelle der üblichen Sitzmöbel „Sitzmauern aus Stein“ zu kreieren, mit denen sich auch die Nutzungsräume definieren lassen. Allerdings zog er der Idee gleich wieder Grenzen: „Wir versuchen derzeit, uns davon zu verabschieden, dass Naturstein immer der dicke Block sein muss.“

Stein also auch als Material für elegante Gestaltungen, um es mit anderen Worten auszudrücken.

Mit dem Gedanken beschäftigte sich auch René Pier, Präsident beim Landesverband der Innenarchitekten [nur dt: für Baden-Württemberg]: Er wünschte sich „eine neue Ästhetik“ bei der Verwendung von Naturstein. Was die Nachhaltigkeit betrifft, folgt er bei seiner Arbeit dem Gedanken der Wiederverwendung des Materials: er beschrieb eine Villa in Ägypten, wo der Travertin von einer Mauer entfernt wurde und in der Küche als Arbeitsplatte und Spritzschutz an der Wand wieder zum Einsatz kam.

Provozierend für die Branchenfirmen wünschte er sich „Maschinen, mit denen Naturstein aus bestehenden Gebäuden wiedergewonnen werden kann, anstatt dass sie ihn aus dem Steinbruch holen“.

Enrico Sassi: Stufen aus recyceltem Stein für eine Treppe am Luganersee. <a href="https://www.stone-ideas.com/74917/enrico-sassi-treppe-am-luganersee/"target="_blank">Bericht</a>

Damit sprach er das aktuell viel diskutierte „Urban Mining“ an, mit dem sich auch Kathrin Quante von der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) beschäftigte: die Stadt wird dabei zu einer Quelle für die Baustoffe, die sie für ihre Erhaltung braucht. Uralte Beispiele dafür sind die Pflastersteine, die schon von den alten Römern wiederverwendet wurden.

Hermann Graser vom Natursteinverband wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die bisherigen Bauordnungen künftig zu „Umbauordnungen“ werden müssten und brachte noch einen weiteren Aspekt ein: Er plädierte dafür, Gebäude auf möglichst hohe Lebensdauer hin anzulegen, um, aus Nachhaltigkeitssicht betrachtet, die unvermeidlichen Emissionen beim Bauen rechnerisch wenigstens über möglichst lange Zeiträume zu strecken.

Die gesamte Bauwirtschaft befindet derzeit sich in einem Umbruch, ließ sich an den Vorträgen ablesen, und so gab es gelegentlich auch schnelle Ausflüge in die Philosophie – immer wieder widmeten sich die Referenten dem Thema der Zeit. Innenarchitekt René Pier faste es in blumige Worte: „Naturstein ist erlebte Ewigkeit“, sagte er und spielte darauf an, dass das Material Millionen von Jahre in sich trägt.

Architekt Ansgar Schulz sagte „Naturstein ist zeitlos, weil er sinnlich ist“. Er meinte damit, dass die Betrachter einer Stein-Architektur gern innehalten und verweilen, um sich auch die Details des Gebäudes zu vergegenwärtigen.

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(25.07.2022)