Die Fondazione Henraux hat die 3 Gewinner ihres internationalen Skulpturenpreises 2022 bekanntgegeben

Nikita Gale: „Marmi“.

Ausgewählt werden Künstler, die aktuelle Themen bearbeiten und dafür Marmor auf innovative Art und Weise benutzen

Der Internationale Skulpturenpreis Henraux [Henraux International Sculpture Prize] (Premio Internazionale di Scultura Henraux) wählt Künstler aus, die in ihrem Werk ein aktuelles Thema der Menschheit bearbeiten. Darüber hinaus muss Marmor ihr Material sein, und sie sollen auch die üblichen Grenzen der Verwendung des Steins überschreiten. Man darf also nicht erwarten, dass hier mit Hammer und Meißel gearbeitet wird. Eher werden die 3 Gewinner sich CNC-gesteuerten Maschinen zuwenden.

Zu den Preisen zählt auch, dass die eingereichten Ideen in den Werkstätten der Firma Henraux und mit deren Marmor gefertigt werden – ein Exemplar geht an den Künstler, ein weiteres an die Fondazione Henraux, die den Preis ausschreibt.

Im Jahr 2022 wurde der Preis zum 5. Mal vergeben, und selten zuvor haben sich die Gewinner so weit von der klassischen Bildhauerei entfernt. Von den Themen her hingegen waren sie wie üblich ganz nah am Weltgeschehen. Alle 3 Gewinner waren übrigens Frauen.

Nikita Gale (USA) machte in ihrer Arbeit „Marmi“ das Material als solches zum Thema und stellte Überlegungen an, ob bei der Verwendung von Marmor heute wirklich noch die Dauerhaftigkeit des Materials eine Rolle spielt. Sie drückte diese Frage sehr indirekt aus: sie hatte die Geräusche aus Steinbrüchen und Steinfabriken aufgezeichnet und daraus eine Klangkomposition erstellt, die sie auf die Magnetbänder der – aus heutiger Sicht: urzeitlichen – Kassettenrekorder überspielte.

Nikita Gale: „Marmi“.Die Kassetten als solche, die ehemals aus Plastik waren, hatte sie aus dem Abfallmaterial Marmorstaub neu geschaffen und wie üblich die Spulen mit den Bändern eingelegt.

Nikita Gale.Man konnte also die Geräusche aus der Bearbeitung des Millionen Jahre alten Marmors aus einem gewissermaßen fossilen Tonapparat hören.
 

Lorenza Longhi: „Business Card(s)“.Lorenza Longhi und ein Mitarbeiter von Henraux.Lorenza Longhi (Italien) beschäftigte sich in ihrem Projekt „Business Card(s)“ ganz mit dem Thema Abfall. Sie nahm sich Reststücke aus den Henraux-Werkstätten vor und komponierte sie neu.
 

Himali Singh Soin: „Too Much and Not Enough“.Himali Singh Soin und David Soin Tappeser.Himali Singh Soin (Indien, UK) widmete sich der Kolonialisierung. Als Sinnbild für Eroberungen stellte sie die Konturen von Deception Island nach, einer ehemaligen Walfangstation im Archipel der Shetlandinseln. Die Rolle des arktischen Meeres übernahm dabei Henraux‘ weißer Marmor. Als Ergänzung dazu gab es bei der Eröffnung eine Performance.
 

Paolo Carli, Präsident der Fondazione und der Firma Henraux.Der Premio Internationale di Scultura Henraux wurde 2012 ins Leben gerufen. Der aktuelle Firmenchef und Präsident der Fondazione, Paolo Carli, wollte damit an die Tradition von Erminio Cidonio anknüpfen. Der war von 1954 bis 1971 Chef des Unternehmens und hatte wesentlich zur Modernisierung von Italiens Steinbranche nach dem 2. Weltkrieg beigetragen: er förderte Bildhauer, die sich mit dem Design von Alltagsgegenständen aus Marmor beschäftigten, und von 1960 an lud er die berühmtesten Künstler der damaligen Zeit ein, auf dass sie sich an dem weißen Henraux-Marmor versuchten. Eine Aufzählung auf der Firmenseite nennt Henry Moore, Hans Jean Arp, Henri-Georges Adam, Joan Miró, Rosalda Gilardi und viele mehr.

Ungewöhnlich ist das Auswahlverfahren, das zu den 3 Gewinnern des Preises führt:

* Im 1. Schritt reichen 5 Vertreter wichtiger Kunstinstitutionen das Projekt eines Künstlers ihrer Wahl ein. Teilnehmer dieser so genannten „Altissimo Academy”, deren Titel sich sowohl auf den Marmor vom Monte Altissimo als auch auf den Rang der Vertreter bezieht, waren in diesem Jahr: Lorenzo Giusti, Direktor der GAMeC (Gallery of Modern and Contemporary Art, Bergamo); Fatima Hellberg, Direktor des Bonner Kunstvereins; João Laia, Chefrekurator des Kiasma (National Museum of Contemporary Art, Helsinki); Luca Lo Pinto, Direktor des MACRO (Museum of Contemporary Art, Rom); Lucia Pietroiusti, Kurator und Gründer des General Ecology project of the Serpentine Galleries, London); Yasmil Raymond, Direktor des Portikus und Rektor der Städelschule, Frankfurt); Zoé Whitley, Direktor der Chisenhale Gallery, London.

* Im 2. Schritt wählt die Jury aus diesen Einreichungen die 3 Gewinner aus. Jurymitglieder waren in diesem Jahr: Edoardo Bonaspetti, künstlerischer Direktor der Henraux Foundation; Vincenzo de Bellis, stellvertretender Direktor und Kurator für bildende Kunst des Walker Art Center, Minneapolis; Letizia Ragaglia, Direktor des Kunstmuseums Liechtenstein, Vaduz; Eike Schmidt, Direktor der Uffizien, Florenz; Roberta Tenconi, Kuratorin des Pirelli HangarBicocca, Mailand.

* Die Gewinner ihrerseits werden dann von der Fondazione eingeladen, um ihre Ideen am Firmensitz in Querceta di Seravezza unweit von Carrara zu verwirklichen.

In diesem Jahr gab es eine Besonderheit bei der Präsentation der Gewinnerarbeiten: sie sind waren zum 15. September zusammen mit Kunstwerken der Fondazione in den Werkstätten der Firma zu sehen. Die Kunstwerke stammen aus den Jahren 1960-1970, die damals Erminio Cidonio zusammengetragen hatte und die nach einer grundlegenden Restaurierung nun wieder zu sehen sind.

Premio Henraux

Colezzione Henraux 1960-1970

Nikita Gale

Lorenza Longhi

Himali Singh Soin

Fotos: Henraux

Modernes Stillleben im Steinbruch der Firma Henraux auf dem Monte Altissimo. Foto: Nicola Gnesi

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(14.09.2022)