Bildhauersymposium „Vinschgau Kristallin“ 2024.

Das Kunst-Event brachte nicht nur Steinbildhauer, sondern auch Künstler für die flüchtigen Seiten des Steins zusammen

Vielversprechend war der Auftakt und man darf gespannt sein, ob das Bildhauersymposium „Vinschgau Kristallin“ in Südtirol in zwei Jahren tatsächlich eine zweite Ausgabe erlebt. Denn die Ziele beim ersten Durchgang vom 13. Juli bis 04. August 2024 waren hoch gesteckt: „Bisherige Zwistigkeiten im Zusammenhang mit dem Marmorabbau in Laas und in Göflan (sollten) endgültig überwunden und der Weg für eine gemeinsame Zukunft geebnet werden“, schrieb die Lokalzeitung Der Vinschger in einem Bericht zu dem Sommerevent in den Bergen unweit von Meran im italienischen Südtirol. Bereits zuvor hatte es dort Bildhauersymposien gegeben.

Als aktuelles Mittel zum Erreichen von mehr Zusammenarbeit im Umfeld des berühmten rein weißen und strahlenden Marmors, der in über 2000 m Höhe innerhalb der Berge abgebaut wird, hatten die Organisatoren die Kunst gewählt. Deshalb waren sechs internationale Bildhauer eingeladen worden, um während der drei Wochen am Bahnhof von Laas ihre Werke aus bereitgestellten Rohblöcken herauszuhauen.

Wir stellen die Künstler in den Unterzeilen der Fotos weiter unten vor.

Die Künstler nach dem Ende des Symposiums. Ganz rechts: Kurator Tobel.Künstler und Mitwirkende beim Symposium 2024.

Eine weitere Besonderheit: Zusätzlich zu deren Arbeiten am festen Material waren zwei Künstlerduos eingeladen, sich mit flüchtigen Aspekten des Marmors zu befassen:
* Martin Böttcher & Corinna Zürcher (Frankfurt/Main) erstellten eine Video- und Lichtprojektion, die die Entstehung des Steins vor rund 400 Millionen Jahren, seine Verwendung in der Kunst über Jahrhunderte und das aktuelle Symposium als Thema hat;
* das zweite Künstlerduo waren die Sound- und Videospezialisten Johannes Kroeker & Elias Nunner (Regensburg, Deutschland): Sie waren während des Symposiums mit Mikrofon und Kamera unterwegs und erstellten eine Collage aus Geräuschen und Bildern von der Marmorgewinnung im Berg beziehungsweise der Arbeit der Bildhauer.

„Skaters“ hatten die Organisatoren die Künstlerduos genannt. Wir haben die Video- und Lichtprojektion unten verlinkt; zu der Klangskulptur folgt ein separater Beitrag.

Das ungewöhnliche Konzept hatten sich die Kuratoren Mary Zischg+Ernst-Ludwig Kolt sowie Tobel überlegt. Jeder von ihnen hat eine doppelte Verbindung zum Ort und zum Thema des Geschehens: Einerseits sind sie selber Bildhauer, andererseits haben sie an der Fachschule für Steinbearbeitung in Laas eine Ausbildung absolviert.

Um das Symposium zu ermöglichen, kamen schon mal zahlreiche Institutionen aus dem Vinschgau zusammen: An erster Stelle natürlich die Gemeinden Laas und Schlanders, dann die Steinbruchbetriebe Laser Marmor und Göflaner Marmor, schließlich auch der lokale Tourismusverein und zahlreiche Sponsoren aus beiden Gemeinden, namentlich die Stiftung der Sparkasse und der Energiedienstleister Alperia.

Eine lokale Besonderheit war wiederum die Mitwirkung der „Eigenverwaltungen Bürgerlicher Nutzungsrechte“ aus beiden Ortschaften: Seit dem Mittelalter gehören ihnen Weiden, Wiesen und Felder, die unumstößlich Allgemeinbesitz sind und die nicht in Privateigentum umgewandelt werden dürfen.

Klarstellung am Rande: Der Name des Marmors schreibt sich in italienischer Sprache „Lasa“ und auf Deutsch „Laasa“. Im Vinschgau liegt der obere Teil des Flusses Etsch, den die Marmomac-Besucher aus Verona kennen.

Steinbruch im Berg in 2000 m Höhe.Steinbruch im Berg in 2000 m Höhe.

Der Laaser beziehungsweise Göflaner Marmor ist nicht nur ein wichtiger Bodenschatz der kargen Alpenlandschaft, sondern auch seit langem eine touristische Attraktion.

Besuche in den untertägigen Steinbrüchen, das heißt: beim Abbau hoch oben im Berg, sind möglich. Von dort werden die Rohblöcke über eine abenteuerliche Kabelbahn ins Tal zur Verarbeitung transportiert (derzeit nur per LKW).

Der Marmor wurde schon zu Zeiten der Römer gewonnen. Sein besonderes Erscheinungsbild griff das Symposium mit dem Titel „Vinschgau Kristallin“ auf. Er ist frostbeständig.

Übrigens: Das Symposium 2024 mündete in das Festival Marmor und Marillen, das als Höhepunkt des Tourismusjahres im Vinschgau gilt. Marillen sind Aprikosen, und mit ihnen lässt sich zum Beispiel Kuchen backen oder auch ein exzellenter Schnaps brennen.

Vinschgau Kristallin

Fotos: Tobel

Kuratoren: Mary Zischg+Ernst Ludwig Kolt, Tobel

Firmen: Marmo di Covelano (Göflaner Marmor), Lasa Marmo

Alessandro Kanu, Italien: „Öffne das Fenster“.Alessandro Kanu, Italien: „Öffne das Fenster“.Alessandro Kanu, Italien: „Öffne das Fenster“. Die Idee zu dieser Skulptur entstand während Kanu für mehrere Jahre in einem Hochsicherheitsgefängnis auf Sardinien arbeitete. Türen und Fenster konnten nur geöffnet werden, um hineinzugehen, aber fast nie, um hinauszugehen. Diese Skulptur will das Konzept der Verschlossenheit aufheben und offen sein.
 

Olena Dodatko, Ukraine: „Verflechtung“.Olena Dodatko, Ukraine: „Verflechtung“.Olena Dodatko, Ukraine: „Verflechtung“. Olena Dodatkos künstlerischer Weg ist eine Suche nach Form und Bedeutung, bei der Einfachheit auf die tiefe Schönheit der natürlichen Welt trifft. Die Arbeit visualisiert, wie Dinge zusammenkommen, sich gegenseitig stützen und Halt geben.
 

Yang Liu, China: „Die Macht der Verbindung“. Yang Liu, China: „Die Macht der Verbindung“. Yang Liu, China: „Die Macht der Verbindung“. Durch Bündnisse wird man stark, kreativ und widerstandsfähiger. Als Bildhauer hat er rund 97 Skulpturen in 37 Ländern geschaffen. Als Kurator hat er den ersten schwimmenden Skulpturenpark der Welt realisiert. Als Manager gründete er die weltweit größte Skulpturenorganisation ISSA (International Sculpture Symposium Alliance).
 

Noemi Palacios, Spanien: „Unsichtbare Naht“.Noemi Palacios, Spanien: „Unsichtbare Naht“.Noemi Palacios, Spanien: „Unsichtbare Naht“. Das Werk ist eine Hommage an das soziale und kulturelle Netzwerk zwischen Schlanders und Laas, das sich in der rauen Umgebung behauptet und die Wurzeln der Identität bewahrt. Der Faden näht, verbindet und verstärkt die Stoffe und verwandelt die einzelnen Elemente in eine solide Struktur, die auch unter stärkster Spannung das Ganze zusammenzuhalten vermag.
 

Fernando Pinto, Kolumbien: „Die Verbindung“. Fernando Pinto, Kolumbien: „Die Verbindung“. Fernando Pinto, Kolumbien: „Die Verbindung“. Pflanzen und Samen sichern unser Überleben. Auch unsere Träume und Ideen sind wie Samen. Die Skulptur ist von den Samen der Akazie inspiriert, einem Baum aus dem Amazonasdschungel, der heute zur Wiederherstellung beschädigter Böden verwendet wird. Die Samen haben die Form einer Spirale, die das Hauptsymbol für das Leben auf diesem Planeten darstellt.
 

Josef Pleier, Deutschland: „Vinschgauer Tor“. Josef Pleier, Deutschland: „Vinschgauer Tor“. Josef Pleier, Deutschland: „Vinschgauer Tor“. Das Vinschgauer Generationen Tor besteht aus 254 Schichten. Jede Schicht steht für eine dieser 254 Generationen, also rund 7.000 Jahre Siedlungsgeschichte. Die Öffnung im Tor ist dem Schatten eines Menschen nachempfunden. Sie soll zum Durchschreiten einladen. Die Schichten haben Sprünge und sind teils gebrochen. Das sind die Wunden und Verletzungen der verschiedenen Generationen.
 

Martin Böttcher & Corinna Zürcher, „Marmophosis. Videomapping“.
 

Johannes Kroeker & Elias Nunner (Regensburg, Deutschland) bei der Arbeit an der Klangskulptur (Link zum Bericht: See also, unten).Johannes Kroeker & Elias Nunner (Regensburg, Deutschland) bei der Arbeit an der Klangskulptur (Link zum Bericht: See also, unten).
 

Besucher nach Abschluss des Symposiums.Besucher nach Abschluss des Symposiums.

(01.11.2024)